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Buchautor sieht Hausaufgaben als überholtes pädagogisches Konzept: Interview mit Armin Himmelrath: Büffeln? Nein, danke!

Die Eltern in Spanien gehen derzeit gegen die Hausaufgabenflut, unter der ihre Kinder leiden, auf die Barrikaden. An allen Wochenenden im November sollen die Schüler diese verweigern, fordert der Dachverbandes der Familien mit Kindern an öffentlichen Schulen. Obwohl das Schulsystem in Deutschland anders ist, wächst auch hier der Protest gegen diese Pflichtübungen. Einer der größten Kritiker ist Armin Himmelrath, Buchautor („Hausaufgaben – Nein Danke“), Journalist und gelernter Pädagoge. Er erklärt im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs, warum er freiwilliges Lernen befürwortet.
Ein seit Generationen vertrautes Bild: Ein Erwachsener macht mit seinem Kind Hausaufgaben. Foto: DVE (DVE) Ein seit Generationen vertrautes Bild: Ein Erwachsener macht mit seinem Kind Hausaufgaben.

In Spanien protestieren Eltern gegen die ausufernden Hausaufgaben für ihre Kinder. Sind Hausaufgaben auch in Deutschland ein großes Problem?

HIMMELRATH: Alle sagen im ersten Moment: Hausaufgaben gehören zur Schule dazu. Eltern, Schüler, Lehrer können sich das oft gar nicht anders vorstellen. Aber wenn man genauer hinsieht, sind die Kinder und Eltern davon genervt. Und die Lehrer geben zu, dass sie durch die Kontrolle der Hausaufgaben wertvolle Unterrichtszeit verlieren. Außerdem sagen die meisten: Es machen nur diejenigen die Hausaufgaben, die es gar nicht nötig haben. Und diejenigen, die eigentlich üben müssten, machen sie unzuverlässig oder gar nicht.

Lässt sich denn überhaupt überprüfen, ob die Kinder die Aufgaben gemacht haben oder die Eltern?

HIMMELRATH: Grundschullehrerinnen haben mir erzählt, dass sie das schon mitbekommen – aber in den ersten Klassen ist der Kontakt zu den Schülern natürlich enger. In der weiterführenden Schule ist das aus Lehrersicht schon schwerer zu beurteilen. Da sieht mancher Pädagoge einen Schüler nur zwei Stunden in der Woche und weiß gar nicht, wie er sonst arbeitet.

Es wird dann eine pädagogische Tätigkeit an die Eltern ausgelagert. . .

HIMMELRATH: Ja. Aber der elterliche Raum, in den sie verlagert wird, ist ein unpädagogischer Raum. Das macht es so problematisch. Die ambitionierten Eltern helfen – oft gegen den Willen des Kindes. Sie organisieren manchmal Nachhilfe. Andere Eltern verfügen dagegen nicht einmal über die sprachlichen Ressourcen, um ihr Kind zu unterstützen

Also verschärfen die Hausaufgaben eigentlich die sozialen Unterschiede?

HIMMELRATH: Ja. Das Wissenschaftszentrum Berlin hat dazu geforscht und kam genau zu diesem Ergebnis.

Lernen denn Schüler wirklich freiwillig und ohne Hausaufgaben-Druck?

HIMMELRATH: In jedem pädagogischen Seminar lernt man eigentlich, dass intrinsische Motivation, also die von innen heraus, das Entscheidende ist. Aber Hausaufgaben setzen auf eine Bedrohungssituation, weil man sie machen muss. Deswegen funktionieren sie nicht. Lehrer müssten vielmehr eine Motivationshaltung erzeugen, damit die Schüler etwas machen. Diese Motivation kann auch sein: Ich will mein Abitur schaffen.

Info: Widerstand gegen Hausaufgaben auch in Hessen

Nicht nur in Spanien sind Hausaufgaben zunehmend unbeliebt. „Du brauchst keine Hausaufgaben!“, betonte die Landesschülervertretung Hessen erst vor den diesjährigen Sommerferien und forderte die Abschaffung

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Wenn aber ein Lehrer nur noch auf Freiwilligkeit setzt, das gesamte System aber auf Leistungsdruck aufgebaut ist, nutzen die Schüler dann seine Unterrichtsstunde nicht nur zum Abhängen?

HIMMELRATH: Natürlich besteht die Gefahr, weil unser System so ist. Aber ich würde Lehrer trotzdem ermutigen, diesen Weg zu gehen. Ich habe mir 130 Jahre Hausaufgaben-Forschung angesehen – und es gibt keine Beweise dafür, dass Hausaufgaben das Lernen verbessern und die Leistung fördern.

Armin Himmelrath Bild-Zoom
Armin Himmelrath

Wie aber kommt es dann zur erwünschten Leistung?

HIMMELRATH: Wir müssen auf Eigenmotivation setzen. Eine Schule in Bamberg hat zum Beispiel 15 Gutscheine pro Schuljahr für das Nicht-Erledigen von Hausaufgaben ausgegeben – die haben die Schüler nicht mal alle genutzt. Sie haben dadurch selbständige Arbeitsorganisation gelernt. Ein anderer Lehrer, mit dem ich gesprochen habe, hat seine Aufgaben in der Hauptschule nicht mehr verpflichtend gemacht. Er hat sie nur als Übungsmöglichkeit mit anschließendem Feedback angeboten. Danach haben 75 Prozent der Schüler sie erledigt – vorher, mit Notendruck, waren es nur 50 Prozent. Er hatte also mit seinem Konzept einen großen Erfolg, nur die Eltern haben ihm Ärger gemacht.

Warum?

HIMMELRATH: Weil sie glauben, ihre Kinder würden ohne Hausaufgaben nichts lernen. Die Eltern kennen es ja oft auch nicht anders. Hausaufgaben gehören zum kollektiven Gedächtnis.

Sie kritisieren auch das „Bulimie-Lernen“. Was verstehen Sie darunter?

HIMMELRATH: Schüler und Studierende stopfen sich mit Wissen voll, das sie dann zur Prüfung wieder von sich geben – und das war’s. Wenn in der Schule die Lehrpläne so verdichtet werden wie etwa bei G 8, dienen die Hausaufgaben nur noch dazu, das zu machen, was der Lehrer nicht geschafft hat. Alle Lehrer bestätigen, dass es so läuft.

Sie haben selbst drei Kinder. Haben Sie die auch dazu ermutigt, keine Hausaufgaben zu machen?

HIMMELRATH: Nein. Aber wenn sie es nicht geschafft haben, habe ich ihnen auch eine Entschuldigung geschrieben. Und ich habe nie eingesehen, dass Kinder noch zwei Stunden zu Hause arbeiten sollen, wenn sie erst um 15 Uhr aus der Schule kommen.

Glauben Sie, dass die Bewegung gegen die Hausaufgaben eine Chance hat?

HIMMELRATH: Beim Rohrstock hat man auch ein paar Jahrhunderte gebraucht, bis man verstanden hat, dass dieses pädagogische Konzept überholt ist. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif, dass man das auch in Bezug auf die Hausaufgaben erkennt.

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