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Journalist und Buchautor im Interview: Interview mit Jürgen Schmieder: „Männer sind gemeiner“

Journalist und Buchautor Jürgen Schmieder hat sich bereits einigen Selbstversuchen unterzogen – er hat 40 Tage lang nicht gelogen, 50 Diäten ausprobiert. Über seine mühsamen Versuche, weibliches Verhalten nachzuvollziehen, schreibt er in seinem neuen Buch „Der Frauenversteher“. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt er, warum sich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen schon am Umgang mit einem Kuchen zeigen.
Frauen fallen vor allem über Süßes her, wenn keiner zusieht, hat Jürgen Schmieder erfahren. Er selbst lässt sich bei seiner Fressattacke aber fotografieren. Frauen fallen vor allem über Süßes her, wenn keiner zusieht, hat Jürgen Schmieder erfahren. Er selbst lässt sich bei seiner Fressattacke aber fotografieren.

Sie haben in verschiedenen Experimenten versucht, wie eine Frau zu handeln und zu fühlen. Wo, glauben Sie, ist Ihnen das am besten gelungen?

SCHMIEDER: Immer dann, wenn ich bei einem Experiment etwas verstanden habe, wie etwa bei der Menstruation. Eigentlich begann es als Quatsch, weil man das als Mann nicht nachempfinden kann. Ich habe versucht, Kopfweh und Unleidlichkeit mit Rotwein-Kater und Koffein-Entzug zu simulieren. Ein Liter Milch lösten bei mir wegen meiner Laktose-Intoleranz Magenkrämpfe aus, und ich musste ständig auf die Toilette. Dazu kam ein Stromgerät am Unterleib. Irgendwann merkte ich: Wow! So etwas erlebt Ihr Frauen jeden Monat ein paar Tage lang! Und anders als bei einer Grippe wisst Ihr, dass es nächsten Monat wiederkommt und wann. Das finde ich am schlimmsten.

Welche Schlussfolgerung haben Sie daraus gezogen?

SCHMIEDER: Ich weiß jetzt, wie es meiner Frau an diesen Tagen geht. Dass sie ganz viel Zuneigung braucht, manchmal aber einfach nur ihre Ruhe haben will.

Wäre es für eine Frau weniger kompliziert, in die Rolle eines Mannes zu schlüpfen, da die Welt noch immer männlich geprägt ist?

SCHMIEDER: Ja, Frauen machen das deshalb schon intuitiv. Und da wir Männer einfacher gestrickte Wesen sind, fällt es ihnen natürlich leichter, uns zu verstehen.

Ist Gleichberechtigung also eher die Angleichung der Frauen an die Männer?

SCHMIEDER: Ich hoffe, nicht. Im Arbeitsleben wird es oft so ausgelegt. Man braucht aber auch weibliche Chefs und weibliche Inhalte. Wir Männer ändern uns nicht, weil wir uns in unserer einfachen, mächtigen Rolle sehr wohlfühlen. Deswegen wird ein Kampf daraus. Viele Männer haben Angst, dass sie etwas von ihrem Kuchen abgeben müssen.

Welche Situationen würden Sie einer Frau, die Männer verstehen will, für das umgekehrte Experiment empfehlen?

SCHMIEDER: Sie müsste mal in die Umkleidekabine eines Fußballvereins kommen. Dann würden sie sehen, dass es unter Männern immer um Machtkämpfe geht. Darum, wer der Beste ist. Unter der Dusche vergleichen sie auch, wer besser ausgestattet ist. Im Fitnessstudio schauen sie, wer beim Bankdrücken mehr Gewichte schafft. Und es geht darum, wer mehr verdient oder die hübschere Freundin hat.

Wie ist das Ihrer Meinung nach in der Frauenumkleide?

SCHMIEDER: Da herrscht mehr Harmonie. Es geht um die Fragen: Wie können wir miteinander gewinnen? Und was stellen wir danach an? Männer definieren sich über Abgrenzung zum Gegner, Frauen über Angleichung und Harmonie.

Diese Angleichung kann natürlich eine Kehrseite haben, wenn eine Frau von der Gruppe abweicht. Dann lästern Mütter über eine kinderlose Frau oder Berufstätige über eine Hausfrau...

SCHMIEDER: Ja – aber nur deshalb, weil Frauen zu einer Gruppe gehören wollen. Und dabei ist Lästern ein wichtiger Teil, damit sich die Gruppe von anderen abgrenzt. Dazu schafft es Vertrauen, weil die Lästereien niemals nach außen getragen werden. Wenn sie einem Mann dagegen erzählen, dass eine dritte Person blöd ist, wird er ihr das irgendwann stecken. Männer sind gemeiner.

In welcher Hinsicht ist Ihnen das Weibliche immer noch ein Mysterium?

SCHMIEDER: In sehr vielen Bereichen. Ich habe höchstens die linke obere Ecke vom Puzzle geschafft. Jede Frau ist anders, und meine Frau ist auch jeden Tag anders. Aber das Unerklärliche ist ja gleichzeitig das Spannende.

Worum beneiden Sie Frauen?

SCHMIEDER: Um vieles. Das Wichtigste ist aber der Umgang der Frauen untereinander und ihre Fähigkeit, Probleme harmonisch zu lösen. Wenn ein Kuchen in einem Besprechungsraum steht, würden Frauen sich vielleicht selbst zwei Stücke nehmen, aber dafür sorgen, dass keiner ohne ein Stück aus dem Raum geht. Männer dagegen würden sich Kuchen nehmen und rauslaufen. Politik und Diplomatie können Frauen besser. Sie können auch nonverbale Kommunikation besser entschlüsseln. Frauen merken, wie es einer anderen geht, ohne das diese ein Wort sagt. Wir Männer verstehen diese Botschaften nicht.

Wo machen sich Frauen das Leben Ihrer Ansicht nach zu schwer?

SCHMIEDER: Oft sehen sie sich in einer Opferrolle. Sie jammern darüber, dass Männer eher befördert werden oder mehr verdienen, statt sich aktiv dagegen zu wehren. Sie müssen die Männer auffordern, sich zu ändern. Sie sollten sich von niemandem einreden lassen, dass wir die Gleichberechtigung schon erreicht haben. Denn davon, was sie wirklich bedeutet, sind wir noch sehr weit entfernt.

Nach Abwägung aller Vor- und Nachteile: Ist es schöner, ein Mann oder eine Frau zu sein?

SCHMIEDER: Ich bin als Mann geboren und sozialisiert, in mir steckt sehr viel Testosteron, und ich bin in meine Frau verliebt. Deswegen bin ich gern ein Mann. Aber ich hoffe, dass auch dieses Buch dazu beiträgt, dass es irgendwann kein Thema mehr ist, was schöner ist. Weil beides richtig toll sein kann.

Jürgen Schmieder: Der Frauenversteher. Meine wahnwitzigen Experimente von Schnäppchenjagd bis Wehensimulator. Verlag: C. Bertelsmann, München 2016, 224 Seiten, 14,99 Euro.

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