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Erdbeben in Amatrice: Italiens zerrissenes Herz

In Italien stehen viele Menschen vor den Trümmern ihrer Existenz. Manche haben ihre ganze Familie verloren. Aber es herrscht nicht nur Trauer bei den Menschen – auch Angst breitet sich aus. Wie soll es nur weitergehen?
Ruinen ragen aus Schuttbergen. Am Dienstag war das hier noch Dorf-Idyll. Bilder > Foto: imago stock&people (imago stock&people) Ruinen ragen aus Schuttbergen. Am Dienstag war das hier noch Dorf-Idyll.
Amatrice. 

Ein verstaubtes Fotoalbum, eine Geldbörse, ein Kinderfahrrad – das ist alles, was am Tag nach der Erdbebenkatastrophe vor dem zerstörten Haus in Amatrice an die Familie erinnert. Noch bis weit in die Nacht haben Feuerwehrleute versucht, Lebende in den Trümmern zu finden – vergebens. Den Polizisten, der hier lebte, seine beiden Töchter und vier weitere Menschen können sie nur noch tot bergen. Die Frau überlebt wie durch ein Wunder. Sie wird durch das Erdbeben aus dem Haus geschleudert. Sofort danach begräbt das Dach die anderen Bewohner.

Das Entsetzen hat sich wie Blei auf die Kleinstadt in den Abruzzen gelegt. Die Menschen blicken mit leeren Augen auf die Reste ihres Dorfes, das als eines der schönsten des Landes galt. An diesem Wochenende hätte es ein Fest zu Ehren der hier erfundenen Nudelsoße geben sollen. In der Tiefgarage eines leerstehenden Hochhauses werden stattdessen nun Leichen hinter einer Plastikplane gesammelt. Menschen stehen davor mit bangen Augen. Polizisten blättern in Listen. Am Mittwoch um 3:36 Uhr wurde Italiens Herz zerrissen, schrieb die Zeitung „Il Messagero“.

Mindestens 250 Menschen sind tot, 365 verletzt – doch das sind vorläufige Zahlen. Vor allem in Amatrice, aber auch in Pescara del Tronto und Accumoli suchen die Helfer Tag und Nacht in einem Wettlauf gegen die Zeit weiter. Die Abgelegenheit der Dörfer in den Bergen erschwert die Suche enorm. Nur eine enge Straße führt bis in das 2600-Seelen-Bergdorf Amatrice. „Wir kämpfen gegen die Verhältnisse“, sagt Carlo Cardinali. Wie der Feuerwehrmann aus Mailand sind rund 5400 Helfer aus ganz Italien gekommen. Sie bauen Zeltunterkünfte, ziehen mit Hunden über den Schutt, versorgen die Menschen mit Wasser und Lebensmitteln. Einige schlafen in Zelten, andere finden im Park Zuflucht.

Doch vielen Menschen, vor allem den älteren, fällt es schwer, die Hilfe anzunehmen. Sie haben die kalte Nacht in ihren Autos verbracht. Sie fürchten Plünderungen. Aber auch, wenn ihre Häuser noch stehen, dürfen sie nicht zurück. Die Angst vor Nachbeben ist groß. Am Donnerstag zitterte die Erde mehrmals. Für Mario Gianmarco wird es wohl keinen Weg hierher zurück geben. Der Landwirt blickt erschüttert und resigniert auf sein Haus am Rande von Amatrice. „Das war’s“, sagt er mit Tränen in den Augen. Seine Frau und sein Sohn haben auch überlebt – aber zusammen werden sie hier wohl nie wieder leben. Tiefe Risse klaffen in den Mauern, der Putz ist von den Wänden gefallen. Gianmarco sammelt seine Habseligkeiten auf der Straße: ein paar Decken, ein alter Fernseher, zwei Rollen Ziegenkäse.

Wer auf Gianmarcos Haus aus den siebziger Jahren blickt, ahnt, warum so viele Betonbauten in der Region bei diesem Beben der Stärke 6,2 unbewohnbar wurden. Sein Haus hat kein Fundament, auch keine Säulen, die Wände tragen könnten. Auch andere Betonbauten fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen, das Dach erdrückte die Bewohner. Die erst vor vier Jahren gebaute Schule Amatrices ist nur noch ein Trümmerhaufen, das Dach liegt fast auf Straßenebene. „Sie haben ein Grab gebaut“, zürnt der bekannte Journalist Bruno Vespa in einem Radiointerview.

Vespa stammt aus L’Aquila, wo ein Beben 2009 weite Teile der Altstadt zerstört hatte. Damals starben 309 Menschen. Eine Zahl, die diesmal übertroffen werden könnte. So werden in diesen Tagen die Erinnerungen wach – und wieder Vorwürfe laut, wonach Italien aus seinen Erfahrungen nichts lerne. In L’Aquila stehen lange schon Baukräne. Das Zentrum mit den alten Palazzi ist noch immer eine Geisterstadt. „Vier Jahre haben sie gebraucht, um damit zu beginnen, vier Jahre“, beklagt sich eine Hotelangestellte, die ihren Namen nicht nennen will. Viele Menschen seien weggezogen, „sie kommen auch nie wieder“.

Amatrice könnte Ähnliches bevorstehen. Nicht nur die Dörfer, auch das soziale Gefüge wird sich in dem betroffenen Gebiet nur schwer kitten lassen. Durch die mittelalterlichen Städtchen zogen im Sommer Tausende von Touristen. Ob das wieder so sein wird? Bereits jetzt fordern Experten Konsequenzen bis zum Abriss von alten Gebäuden. Ein Erdbeben der Stärke 6 sei schließlich nichts ungewöhnliches für die Region, sagt Antonio Pierasanti vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie. Mühsam klettern Helfer über die Trümmer. Wie viele Menschen darunter liegen – sie wissen es nicht.

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