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Debatte um "Tote Mädchen lügen nicht": Kann diese Netflix-Serie den Tod bringen?

Von Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte warnt vor der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht". Was steckt dahinter? Wir haben uns mit einem Psychiater unterhalten und ihn gefragt, ob eine TV-Serie den Tod bringen kann.
Einsam und verlassen fühlt sich Hannah Baker, gespielt von Katherine Langford, in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht". Doch solche äußeren Faktoren werden bei Suiziden überschätzt. Foto: Beth Dubber (Netflix) Einsam und verlassen fühlt sich Hannah Baker, gespielt von Katherine Langford, in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht". Doch solche äußeren Faktoren werden bei Suiziden überschätzt.

Warum nimmt sich ein Teenager das Leben? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", die auf dem Bestseller von Jay Asher, "13 Reasons Why" (zu deutsch: "13 Gründe, weshalb") beruht. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat vor der Serie gewarnt, weil sie Teenager zur Nachahmung ermutigen könnte. Prof. Dr. Ulrich Hegerl, und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, erläutert im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs, wann eine solche Gefahr besteht.

„Tote Mädchen lügen nicht“ thematisiert den Suizid einer Schülerin und die Gründe dafür – etwa Mobbing, Gewalt, Belästigung und Vergewaltigung. Entspricht das der Realität?

HEGERL: Nein. Es wird da ein Zusammenhang hergestellt, der meistens nicht gegeben ist. Es ist immer problematisch, Depressionen und Suizidalität auf bestimmte Lebensumstände oder Stress zurückzuführen. Dieser Einfluss wird überschätzt. Zum Suizid führt in den allermeisten Fällen eine psychische Erkrankung, die jeden treffen kann – auch jemanden, der keine Probleme hat.

Inwieweit kann eine solche Serie zur Nachahmung führen?

HEGERL: Wenn jemand depressiv und verzweifelt ist, kann ein Beispiel aus einer solchen Serie einen Einfluss haben. Das ist der bekannte Werther-Effekt.

Ist die Gefahr bei fiktionalen Stoffen größer als bei nachrichtlichen?

Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe Bild-Zoom
Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender Stiftung Deutsche Depressionshilfe
HEGERL: Sie kann in beiden Fällen groß sein. Gesunde Menschen werden davon nicht beeinflusst. Aber alle Depressiven leiden unter Suizidgedanken. Und wenn sie lesen, dass etwa Robert Enke sich auf eine bestimmte Weise umgebracht hat, wird die Hürde geringer, selbst diesen Weg zu gehen. Wir haben das untersucht: Nach Enke hatten wir zwei Jahre lang etwa zweieinhalb Eisenbahn-Suizide mehr pro Woche.

Aber wäre es besser, das Thema völlig unter den Teppich zu kehren? Berichte und Serien holen Selbsttötungsgedanken auch aus der Tabuzone und geben den Anstoß, darüber zu reden. . .

HEGERL: Dass bei Depressionen Suizidgefahr besteht, sollte man immer kommunizieren – aber nicht in einer Weise, bei der sich die Menschen mit dem Suizidenten identifizieren und seine Gründe für nachvollziehbar halten. Es muss klar werden, dass dieses Verhalten krankhaft ist und Depressionen behandelbar sind. Auch andere psychische Krankheiten haben ein Suizidrisiko, etwa Schizophrenie und Suchterkrankungen. Untersuchungen haben gezeigt, dass 90 Prozent aller Suizide vor dem Hintergrund einer psychiatrischen Erkrankung erfolgen.

In der kritisierten Serie geht es ja um junge Mädchen. Wie hoch ist generell die Suizidgefahr in dieser Gruppe?

HEGERL: Bei jungen Frauen ist die Zahl der Versuche am höchsten – während die Zahl der vollendeten Suizide bei alten Männern am höchsten ist.

Woran liegt das?

HEGERL: Suizidversuche gehen bei Männern tödlicher aus. Das hat unter anderem mit der Wahl der Methode zu tun. Aber es gibt weitere Gründe. Zum Beispiel kommunizieren Männer im Vorfeld weniger und werden deshalb möglicherweise seltener gerettet.

Welche Rolle spielen Internetforen, in denen sich junge Menschen zum Suizid verabreden?

HEGERL: Es gibt dadurch bestimmte Modewellen bei den Methoden, die sich über das Internet verbreiten.

Angesichts all dieser Faktoren: Ist es da sinnvoll, vor einer Serie zu warnen?

HEGERL: Öffentlich eher nicht. Ich bin gefragt worden, ob wir als Stiftung etwas gegen die Serie unternehmen. Aber wir haben das nicht getan. Denn je mehr man davor warnt, desto größer wird bei den Jugendlichen der Hype.

In der Schweiz dürfen sich Jugendliche die Serie nur mit ihren Eltern anschauen. Was halten Sie davon?

HEGERL: Das ist auch wieder übertrieben. Ein Gesunder wird dadurch nicht zum Suizid verleitet. Wichtiger ist, dass man Depressionen bei Jugendlichen erkennt und die Betroffenen motiviert, sich behandeln zu lassen.

Gehen Jugendlicher denn untereinander heute offener mit diesem Thema um?

HEGERL: Ja, und das ist eine gute Entwicklung. Die scheinbare Zunahme der Depressionen in manchen Statistiken ist keine echte. Es holen sich nur mehr Menschen zu dieser Krankheit Hilfe, und Ärzte erkennen sie besser. Dadurch kommen mehr Betroffene aus ihrer Isolation heraus und werden behandelt. Das ist nach meiner Überzeugung der Hauptgrund dafür, dass in den vergangenen 30 Jahren die Zahl der Suizide in Deutschland von 18 000 auf 10 000 pro Jahr zurückgegangen ist.

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