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Welt-Aids-Tag: Mehr HIV-Tests durch Dating-Plattformen

Durch Dating-Plattformen, die mehr sexuelle Möglichkeiten eröffnen, steigt offenbar der Bedarf an Tests. Carsten Gehrig von der Frankfurter Aidshilfe erklärt, mit welchen Problemen die Menschen in seine Beratung kommen.
Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag.
Frankfurt. 
Carsten Gehrig Bild-Zoom
Carsten Gehrig

ECHO: Wie haben sich die Schwerpunkte in der Aids-Beratung in den letzten Jahren verändert?

CARSTEN GEHRIG: Die Themen HIV und Aids sind zwar der Einstieg in die Beratung. Aber immer mehr Menschen kommen allgemein mit Fragen zur Sexualität und Identität. Sie wollen zum Beispiel wissen, wie sich die sexuelle Beziehung zum Partner oder im Alter verändert.

ECHO: Kommen eher homo- oder heterosexuelle Menschen zu Ihnen?

GEHRIG: In die Beratung eher Homosexuelle. Aber wir bieten zwei Mal in der Woche anonyme HIV-Tests an, denen ein Beratungsgespräch vorausgeht. Da kommen auch viele Frauen und heterosexuelle Paare.

ECHO: Was sind denn da die Problemlagen?

GEHRIG: Es kommen zum Beispiel Frauen, deren Partner fremdgegangen ist und die sich testen lassen wollen. Oder Männer, die im Bahnhofsviertel geschützten Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten hatten, dann aber hinterher Ängste haben. Der Hausarzt ist natürlich immer eine Option, aber bei uns schätzen sie die anonyme Beratung. Und wir erheben nie den moralischen Zeigefinger.

ECHO: Gibt es Probleme, die heute häufiger vorkommen als früher?

GEHRIG: Eigentlich sind die Ängste immer ähnlich. Aber wenn etwa in den Medien im Umfeld des Welt-Aids-Tages mehr über die Krankheit berichtet wird, gehen auch die Zahlen der Tests hoch.

ECHO: Wie viele Tests werden bei Ihnen gemacht?

GEHRIG: Im vergangenen Jahr hatten wir sie an einem Tag in der Woche angeboten, da waren es insgesamt 1500 Tests – nicht nur auf HIV, sondern auch auf Syphilis oder auf Hepatitis. Jetzt haben wir dafür zwei Tage pro Woche, weil der Bedarf an anonymen Tests gestiegen ist.

ECHO: Warum ist er gestiegen?

GEHRIG: Wir vermuten, dass durch die Dating-Plattformen mehr sexuelle Freiheit geboten und ausgelebt wird. Aber dass die Leute sich öfter untersuchen lassen, zeigt ja auch, dass sie verantwortungsvoll damit umgehen. Sie schützen sich meistens – und wenn sie es mal nicht getan haben, lassen sie sich testen. Gerade Frauen, die zu uns kommen, haben da ein sehr hohes Verantwortungsbewusstsein.

ECHO: Wie viele Tests waren positiv?

GEHRIG: Im vergangenen Jahr waren es sechs. Die sind dann auch von einem Arzt bestätigt worden.

ECHO: Heute gilt eine HIV-Infektion nicht mehr als Todesurteil. Führt das zu einer Sorglosigkeit?

GEHRIG: Zum Teil. Die 14- bis 18-Jährigen haben schon ein Bewusstsein für das Problem, aber das nimmt ab Mitte 20 wieder ab. Wir wissen nicht genau, warum. Vielleicht haben sie dann gehört, dass HIV behandelbar ist. Aber was dahintersteckt, ein Leben lang Medikamente zu nehmen, ist ihnen nicht klar. Außerdem sind dieser Generation die schrecklichen Bilder der ersten prominenten Aidskranken, die die 40-, 50-, und 60-Jährigen noch kennen, nicht mehr vor Augen. Das führt dann manchmal tatsächlich zu Sorglosigkeit. Aber natürlich sind nicht alle Jugendlichen verantwortungslos.

ECHO: Ist die Aufklärung über HIV-Risiken Ihres Erachtens ausreichend?

GEHRIG: Ich glaube, sie könnte noch besser sein – auch wenn wir natürlich an den Schulen präsent sind. Manchmal steht in Schulbüchern auch noch fälschlicherweise, dass Aids nur Homosexuelle und Drogensüchtige betrifft.

ECHO: Sehen Sie einen gesellschaftlichen Rückwärtstrend?

GEHRIG: Bei den Demonstrationen der konservativen Christen und Rechtspopulisten in Wiesbaden gegen den neuen Lehrplan zur Sexualerziehung merkte man schon, dass es einen Widerstand dagegen gibt, verschiedene Lebensformen aufzuzeigen. Da würden wir uns natürlich mehr Offenheit und Dialog wünschen. Es geht ja nur darum, eine Vielfalt aufzuzeigen, die aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist.

Den Main-Test, eine anonyme Testung und Beratung (ohne Termin), bietet die Aidshilfe jeden Montag im Bar Café Switchboard, Alte Gasse 36, Frankfurt von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr und jeden Mittwoch im KISS, Wielandstraße 10-12, Frankfurt, von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr an. Mehr unter www.main-test.de

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