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Gäste zahlen für die Zeit, nicht für Kaffee und Kuchen: Neues Café-Konzept: Länger sitzen kostet mehr

Das Essen ist kostenlos, aber die Zeit wird berechnet – diese Idee eines Cafés kommt in Großbritannien gut an. Nicht nur in London, sondern auch in Liverpool und Manchester gibt es bereits Filialen. Demnächst öffnet ein weiterer Ableger in Manchester. Und die Betreiber hätten auch gern eine Filiale in Berlin.
Diese Kundin, die im Londoner Café „Ziferblat“ zur Kasse kommt, bezahlt ihren Aufenthalt dort. Diese Kundin, die im Londoner Café „Ziferblat“ zur Kasse kommt, bezahlt ihren Aufenthalt dort.
London. 

Unten an der Tür verrät nur ein kleines Klingelschild, dass sich in dem Gebäude das gesuchte Café „Ziferblat“ versteckt. Kann es wirklich hier sein? Dann geht schon die Tür auf. Auf in den ersten Stock, wo sich, einmal die geschäftige Hauptstraße hier im Londoner Osten hinter sich gelassen, eine Gemütlichkeit offenbart, die an Wohngemeinschaften erinnert. Sobald der Besucher den warmen Raum betritt, beschleicht ihn das Gefühl, als komme er in das Wohnzimmer von Freunden. Bücher stehen keineswegs zur Dekoration in den Regalen, sondern wirken gelesen, ein Klavier lädt zum Spielen ein und die abgewetzten Sofas und Sessel sowie die Teppiche und Lampenschirme verbreiten im angesagten Oma-Chic eine heimelige Atmosphäre. Dennoch: Es ist ein Café, nur eben anders.

In der angrenzenden Küche gibt es Kuchen und Kekse, Kaffee und Tee, Obst und Müsli. Jeder kann, jeder soll sich bedienen. Denn im Ziferblat ist alles umsonst. Nur für eines müssen die Besucher bezahlen: Für die Zeit, die sie hier verbringen. Zwei Stunden – fünf Pfund. Drei Stunden – sechs Pfund. So lange man will – zwölf Pfund.

Info: Ungewöhnliche Bezahlmodelle

Ein Café, in dem die Aufenthaltszeit berechnet wird, gibt es in Deutschland noch nicht. Aber dafür setzt das Restaurant Kish im Frankfurter Stadtteil Bockenheim seit zehn Jahren ein anderes

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Das Pay-per-hour-Prinzip kommt an in Großbritannien. Neben dem Ziferblat in London existieren drei weitere Cafés auf der Insel, zwei in Liverpool sowie eines in Manchester. In der nordenglischen Stadt wird zudem demnächst eine zweite Zweigstelle öffnen. Doch Marketingmanager Ben Davies versucht, die gestandenen Begrifflichkeiten zu vermeiden. „Wir versuchen weniger ein Café zu sein, sondern wollen vielmehr einen Gemeinschaftsraum anbieten“, erklärt er das Konzept, das der Russe Ivan Meetin vor einigen Jahren in seiner Heimatstadt Moskau umsetzte und dann mit Erfolg ins Königreich sowie in andere russische sowie osteuropäische Städte exportierte. Das Ziferblat als Ort des Verweilens statt des schnellen Konsums sei die Antwort auf veränderte Lebens- und Arbeitsgewohnheiten.

Flexible Nutzung

„Der Trend geht dahin, dass wir immer globaler werden“, so Davies. Dafür bräuchten die Menschen einen Raum in der Nähe, den sie flexibel nutzen könnten und der an den Einzelnen angepasst sei – „eben so, wie jeder will“. Das Bild an diesem Nachmittag in dem Londoner Ableger im hippen Stadtviertel Shoreditch bestätigt Davies’ Beschreibung. In einer Ecke sitzen zwei Freiberufler, einer aus der Medienbranche, die andere Designerin, vor ihren Laptops, drei Mütter treffen sich mit ihren Babys zum Plausch und Kaffee, ein Pärchen sitzt knutschend auf der Couch, an einem Tisch findet derweil ein Geschäftstreffen von selbstständigen Architekten statt. Außerdem verweisen Flyer auf hier veranstaltete Yoga-Kurse und Lesungen, Konzerte und Partys.

Dabei sei der Prozentsatz jener, die das Selbstbedienungskonzept ausnutzen und nur kurz einkehren, dafür aber überdurchschnittlich viel essen und trinken, „deutlich geringer als man erwarten würde“.

Erst gehen, dann rennen

Warum also hat es das Ziferblat mit dem ungewöhnlichen Bezahlsystem noch nicht in Städte in Deutschland oder Frankreich geschafft? Laut Davies gebe es dafür keinen speziellen Grund. „Wir würden gerne überall in Europa sein, wie beispielsweise in Berlin, Amsterdam und Paris, zudem in den USA.“ Doch: „Du willst gehen können, bevor du anfängst zu rennen.“ Übersetzt dürfte das soviel bedeuten wie: Es dauert noch. Die Uhren ticken hier eben anders, auch wenn Zeit im Café Ziferblat tatsächlich Geld ist.

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