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Bei „Thermomix“-Partys fehlt das sinnliche Kocherlebnis: Schmeckt wie selbst gekauft

Von Der Hype um den „Thermomix“ von Vorwerk ist derzeit groß. Das zeigt sich auch an den zahlreichen Verkaufspartys, mit denen Käuferinnen versuchen, einen Teil des hohen Preises zurückzubekommen. Aber nicht allen Gästen geht es dabei nur um das Küchengerät.
Das ist keine Thermomix-Party, sondern die Versuchsküche im Vorwerk-Werk in Wuppertal: Zwei Ökotrophologinnen kochten dort im vergangenen Jahr mit dem  Model TM5, dessen Namen fast an einen Neuwagen erinnert. Bilder > Foto: Rolf Vennenbernd (dpa) Das ist keine Thermomix-Party, sondern die Versuchsküche im Vorwerk-Werk in Wuppertal: Zwei Ökotrophologinnen kochten dort im vergangenen Jahr mit dem Model TM5, dessen Namen fast an einen Neuwagen erinnert.
Frankfurt. 

Wenigstens tanzen sie diesmal nicht ohne Höschen auf dem Tisch. Das hat Marko Seum auch schon erlebt, sogar bei einer Prominenten, „aber schreiben Sie nicht, bei welcher“. Denn Prominente und Fußballclubs erliegen ebenso wie ganz normale Hausfrauen der Faszination eines Events, das der 38-Jährige als einer von rund 15 000 Repräsentanten in Deutschland und 42 000 Vertretern weltweit anbietet: die Thermomix-Party.

Heute ist der Mann aus Bingenheim in der Wetterau zu Hause bei Monika W. in Frankfurt, die das multifunktionale Küchengerät vor einigen Monaten erworben hat. Sie hat das Angebot genutzt, drei Freundinnen zu der Party einzuladen – dafür müssen sie Marko Seum beim Kochen zuschauen, dürfen kostenlos die vom Thermomix zubereiteten Gerichte essen und müssen am Ende ihre Daten zur Kontaktaufnahme angeben. Als Belohnung dafür erhält Monika W. 50 Euro vom Kaufpreis zurück. Bei rund 1200 Euro ist das nur ein kleiner Teil, aber immerhin.

Eine von Thermomix finanzierte Party, wer kann da widerstehen? Die Stimmung ist fröhlich, ein bisschen Alkohol fließt auch, aber alles in geordneten Bahnen. Der 38-jährige Seum, im Hauptberuf Bilanzbuchhalter bei der Firma Petit Bateau, fühlt sich wohl im Kreis der Damen unterschiedlichen Alters, bewegt sich wie selbstverständlich mit seiner grünen Schürze in der Küche. Er macht den Nebenjob, weil er daran Spaß hat, betont er.

„Das ist der Thermomix in seiner Vollendung“, schwärmt er, als er die Zutaten für das Hühnchen-Gericht einfüllt. Gemeint ist der „TM5“, das klingt fast wie ein Neuwagen. Alles ist zugeschnitten auf das Küchengerät, das laut seinem talentierten Verkäufer Seum „kein Überlaufen und kein Verbrennen“ garantiert.

Nur eine Verkaufsparty wie sonst bei Tupperware? Nicht ganz. Der Hype um den Thermomix ist derzeit deutlich größer. Der Markt boomt. Vorwerk, einst bekannt für Staubsauger, macht mit dem seit zwei Jahren so populären Küchengerät weltweit etwa 1,4 Milliarden Umsatz im Jahr. In Deutschland sind es 429 Millionen. Diese Zahlen nennt Anika Wichert vom Vorwerk-Geschäftsbereich Thermomix. Und das Weihnachtsgeschäft, das sich nach ihren Angaben „traditionell positiv“ auf den Verkauf auswirkt, hat gerade erst begonnen.

Sogar Wartezeiten nehmen die Fans in Kauf, wegen der großen Nachfrage waren es kürzlich 13 Wochen. „Jetzt nur noch ein bis zwei“, versichert Seum.

Eine eigene Welt

Die Zeit bis dahin kann überbrückt werden. Es gibt inzwischen eigene Kochbücher und Magazine nur für dieses Küchengerät – die heißen dann „Mein Thermo“, „MIXX“ oder „essen & trinken mit Thermomix“. Sogar um die Namen wird schon gestritten. „Mein Thermo“ darf ab nächstem Jahr nur noch „Mein Zaubertopf“ heißen. Auf YouTube lockt eine Köchin namens „Thermifee“ mit neuen Rezepten. Wer sich auf dieses Küchengerät einlässt, betritt, so scheint es, eine eigene Welt.

Offenbar weiß Vorwerk wie einst Bauknecht, was Frauen wünschen – oder auch Männer. Mit dem „Thermomix“ kann jeder kochen, der ein Display lesen kann.

Dort steht, welche Zutaten benötigt werden – einfach einfüllen, die integrierte Waage misst alles. Dann püriert, kocht, backt und dampfgart der Thermomix von ganz allein. Sein Besitzer jedoch hat trotzdem das Gefühl, er habe selbst gekocht. Das ist Kochen im Zeitalter der Selbstoptimierung. Das Ergebnis stimmt, das sinnliche Erlebnis fehlt. Alles schmeckt wie selbst gekauft.

Aber für das Erlebnis gibt es ja schließlich die Party. Marko Seum ist zwei bis drei Mal die Woche im Rhein-Main-Gebiet im Auftrag von Vorwerk unterwegs. Es muss sich lohnen. „Manche wollen natürlich nur feiern“, räumt der Thermomix-Vertreter ein. Aber erst neulich bei den 60 Landfrauen, da hätten alle bestellt.

So weit ist es bei der Party von Monika W. noch nicht. Eine der drei Freundinnen scheint geneigt, einer anderen ist das Gerät zu teuer. Die Dritte braucht es nicht, geht von den Kosten für den Thermomix lieber gelegentlich essen. Das ist auch deutlich leiser als das Gerät, das im Betrieb fast die Lautstärke eines Laubsaugers erreicht. Auch die Stiftung Warentest hat das bereits kritisiert.

Und dazu noch ein Chip

Geschmeckt hat das Menu mit Dip, Brötchen, Salat, Hühnchengericht und Eis allerdings allen. Nur Seum hat nicht mitgegessen. „Ich kenne alle Gerichte auswendig“, räumt er ein. Schickt natürlich gleich hinterher, wie vielfältig die Rezepteauswahl ist. Auf einem Chip für nur 99 Euro extra gibt es 8000 neue Kochanregungen. Und, welch Wunder, den können die Gäste gleich mitbestellen.

Wie oft gekocht werden und wie groß die Familie sein muss, damit sich das lohnt, mag hier niemand mehr ausrechnen. Die drei Gänge und der Wein haben die Freundinnen müde gemacht. Und zumindest auf dem Küchentisch könnte – ob mit oder ohne Höschen – ohnehin niemand tanzen. Da thront schließlich der Thermomix.

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