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Interview über Internet-Trolle: "Sie wollen Diskussionen zerstören"

Jeder, der schonmal versucht hat online ein Thema seriös zu diskutieren, kennt sie: die Internet-Trolle. Kaum ist ein gutes Argument abgetippt, schon kommen sie aus ihren Löcher, stänkern, beleidigen und weichen vom Thema ab. Was bewegt diese Nutzer? Warum ist mit ihnen eine gepflegte Diskussion unmöglich? Wir haben mit Medienpädagogin Beate Kremser über die Gefahr von Trollen gesprochen.
Was sind das für Menschen, die in den Kommentarspalten in sozialen Netzwerken ständig rumpöbeln?
KREMSER: Das sind eigentlich ganz normale Menschen, wie du und ich. Unabhängig von der sozialen Schicht und dem Bildungsgrad.

Das sind also nicht zwangläufig eher ungebildete und primitivere Charaktere?
KREMSER: Nein überhaupt nicht. Die negativen Äußerungen im Netz können auch von gebildeten Internetnutzern einfach aufgrund schlechter Laune entstehen. Auslöser sind auch Langeweile, einfach nur so Spaß am Stören, Frustration oder man ist verärgert. Eine große Rolle spielt oft auch der Wunsch nach Aufmerksamkeit.
Man muss sogar eher einen gebildeteren Hintergrund haben, um viele Menschen zu täuschen und glaubhaft zu wirken, zum Beispiel bei der Anwendung von Nick Names und Fake Accounts.

Warum fällt es den sogenannten Trollen so schwer, sich auf eine ordentliche Diskussion einzulassen?
KREMSER: Die meisten Menschen lesen nur die Überschrift oder die ersten Sätze und nicht den ganzen Artikel. Trolle handeln absichtlich und verletzen die Grundsätze der Community. Sie wollen provozieren, wütende Antworten auslösen und Diskussionen zerstören. Sie haben überhaupt keine Lust auf eine ordentliche Diskussion.

Ist die Diskussionskultur denn wirklich primitiver geworden oder wurde auch schon früher im selben Ausmaß beleidigt – nur halt nicht im Internet?
KREMSER: Das Beleidigen, Provozieren und andere Belästigen ist kein neues Phänomen. Das gab es auch früher schon. Nur wurde es von der breiten Masse nicht so sehr wahrgenommen. Es hat nur aufgrund der heutigen digitalen Kommunikationsmöglichkeiten Twitter, Facebook, WhatsApp und Co. eine neue Dimension angenommen. Es werden mehr Menschen gleichzeitig erreicht und die Inhalte können rasend schnell weiterverbreitet werden.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass die verbalen Hemmungen, in sozialen Netzwerken, so sehr zurückgehen konnten?
KREMSER: Hierbei spielt der sogenannte Online-Enthemmungseffekt eine Rolle. Das heißt im Netz kann ich komplett anonym agieren. Niemand sieht mich, niemand weiß wer ich bin. Ich kann eine Seite, auf der ich vorher Hasskommentare hinterlassen habe, verlassen und sie niemals wieder aufrufen. Für einige Menschen ist das Kommentieren in Internetforen einfach nur ein Spiel und keine Realität. Im Netz fehlt die soziale Kontrolle. Diese habe ich in der Realität durch meine Mitmenschen. Wenn ich im Büro schlechte Laune verbreite und meckere, wird mich früher oder später ein Kollege darauf ansprechen. Im Netz fehlt diese soziale Kontrolle.
 
Medienpädagogin Beate Kremser (Infocafe Neu Isenburg/Digitale Helden) Beate Kremser

Ist es denn zwangläufig schwerer in einem sozialen Netzwerk eine gepflegte Diskussion zu führen, als in der realen Welt?
KREMSER: Einerseits ja, denn in der realen Diskussion gelten oftmals Gesprächsregeln die meistens von allen Diskutierenden eingehalten werden. Diese verschwinden im Netz scheinbar. Es geht chaotischer zu, da die Diskutierenden zeitgleich schreiben. Andererseits kommt es immer darauf an mit welchen Nutzern diese Diskussion geführt wird. Wenn ich eine Gruppe Wissenschaftler habe, die am gleichen Thema arbeiten, ist die Diskussion sicher effektiver, als wenn ich einen Zeitungsartikel der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stelle und nun normale Menschen, Laien, der Bildzeitungsleser sowie Experten und überhaupt jeder darauf kommentieren kann.

In vielen Diskussionen mit einem Troll kommt früher oder später der Verdacht auf, hinter dem Profil stünde gar kein echter Mensch, sondern ein Roboter. Was ist an dieser Vermutung dran?
KREMSER: Im Zeitalter der technischen Entwicklung liegen diese Vermutungen nahe. Typische Troll-Taktiken werden in der Tat für ökonomische oder politische Ziele eingesetzt. Zur Überprüfung gibt es allerdings verschiedene Möglichkeiten wie Captcha Programme und konkrete Fragen, um zu prüfen, ob ein Mensch am Rechner sitzt. Erst danach kann die Seite weiter genutzt werden. In Norwegen probiert eine Website aus, Trolle aus den Kommentarspalten zu verbannen, indem sie die Nutzer einige Quizfragen zum Artikel beantworten lässt bevor sie kommentieren können. Im Zuge der Fake-News-Debatte ermöglichen es Softwarelösungen zu erkennen, ob es sich um ein Fake-Profil handelt oder nicht. Ebenso bietet Facebook seit einiger Zeit die Möglichkeit Fake-News als solche zu markieren und gibt dem Nutzer den Hinweis, dass es sich bei Beiträgen möglicherweise um Falschnachrichten handeln könnte.

Nun gibt es ja nicht nur Trolle, die einfach stänkern wollen, sondern auch solche, die mit einer politischen Motivation handeln und dafür sorgen, dass bestimmte Meinungen in den sozialen Netzwerken Zulauf finden. Welche Gefahr geht von dieser Art Trolle aus?
KREMSER: Eine recht große. Die Menschen nehmen auch diese Medien wahr, die nicht mit der nötigen Sorgfalt einhergehen. Fake-News, Social Bots und Trolle verfälschen und/oder verstärken Meinungen. Und man weiß nicht mehr wem man trauen kann und was nun wahr oder falsch ist. Bei diesen Beiträgen handelt es sich oft um negative Nachrichten, die ein schlechte Stimmung zur Folge haben. Negative Nachrichten bleiben leider auch oft länger im Gedächtnis.
Social Media Trends sind häufig Grundlage für Politik und Medien, die gesellschaftliche Meinung einzuholen. Politische Meinungsbildung findet zum Großteil im Internet statt. Ebenso können im Netz schnell Trends entstehen, alleine durch die bloße Erwähnung eines Schlagwortes. Die Authentizität dieser Trends ist durch Social Bots und Trolle in Gefahr.

Angenommen ich will auf Facebook häufiger meine eigene Meinung lesen, kann ich mir solche politischen Trolle irgendwie mieten, damit die für mich Stimmung machen?
KREMSER: Keine Ahnung. (lacht) Es gibt natürlich maschinelle Social Bots. Diese können uns beeinflussen. Und diese kann ich mir sicher irgendwo programmieren lassen. Aufgrund von Algorithmen schlägt Facebook mir generell Beiträge vor, die zu mir passen. Abhängig von meinem sonstigen Surfverhalten.

Wie soll ich mich am besten verhalten, wenn ich mit einem Troll in eine Diskussion gerate? Gibt es irgendeine vernünftige Argumentationsstrategie, mit der ich ihn aus der Reserve locken kann?
KREMSER: Im Prinzip sollte man die Kommentare schlichtweg ignorieren und nicht auf sie eingehen. Denn jede Reaktion bietet ihnen den Nährboden für weitere Entgegnungen und das ist genau das was sie wollen. Bei Twitter, Facebook und Co. sollte man die Blockieren Funktion nutzen. Wenn man antwortet dann kurz und knapp im Sinne von: „Das war so nicht gemeint aber Danke für den Hinweis“.
Aus der Reserve locken muss man Trolle nicht. Sie reagieren schon von alleine und sind in der Regel auch hartnäckig. Der Nachteil vom Nichtreagieren ist natürlich, dass durch den fehlenden Widerspruch ein verzerrtes Gesamtbild entstehen kann. Aus Meinungsminderheiten werden scheinbar Meinungsmehrheiten. Ein Versuch dagegen kann sein nur einen Gegen-Kommentar, zum Beispiel "Ich widerspreche", am Tag zu posten. Damit wird zumindest deutlich, dass nicht die Masse repräsentiert wird.
 
Beate Kremser ist Medienpädagogin im Infocafe der Stadt Neu Isenburg. Freiberuflich engagiert sie sich im Mentorenprogramm "Digitale Helden" und leistet digitale  Informationsarbeit bei Schülern. So bezog sie Infocafe-Praktikant Philip Mattauch in das Interview mit ein und beantwortete die Fragen gemeinsam mit ihm.

Interview: Dominik Rinkart

Bilder: Privat


Computertaste mit der Aufschrift Troll McPODE McPODE

Computer key with the Inscription Troll McPODE McPODE
So werde ich zum Online-Unruhestifter In 10 Schritten zum Internet-Troll

Sie pöbeln, sie stänkern und sind immer dagegen: Internet-Trolle. Längst sind sie auf Facebook zu finden, wie lästige Mücken auf einem Campingplatz im Spätsommer. Als Online-Journalisten sind wir sozusagen Dauercamper auf dem Zeltplatz der Internet-Trolle und bestens vertraut mit ihren kuriosen Verhaltensweisen. Grund genug für einen kleinen Service-Beitrag: Wie werde ich Troll, in zehn Schritten (mit Original-Kommentaren):

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