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Vorfall in einer Bankfiliale erschüttert die Öffentlichkeit: Sterbenden Mann ignoriert

Bankkunden haben in Essen einfach Geld abgehoben – ohne einem zusammengebrochenen Rentner zu helfen. Viele sehen in diesem Verhalten einen Hinweis auf eine Verrohung der Gesellschaft. Ein Psychologe hat allerdings eine weitergehende Erklärung.
Die Videoaufzeichung zeigt: Zusammengebrochen lag der Rentner im Vorraum der Essener Bankfiliale. Foto: Polizei Essen (Polizei Essen) Die Videoaufzeichung zeigt: Zusammengebrochen lag der Rentner im Vorraum der Essener Bankfiliale.
Essen. 

Tag der Deutschen Einheit, eine Bankfiliale in Essen-Borbeck. Im Vorraum mit den Geldautomaten bricht ein 82 Jahre alter Rentner zusammen. Dann kommen nacheinander vier andere Bankkunden herein. Sie gehen um ihn herum, steigen über ihn hinweg. Niemand beachtet den regungslos daliegenden Mann. Erst der fünfte Kunde tippt den Notruf ein. Später stirbt der Rentner im Krankenhaus. Der Vorfall wurde erst jetzt bekannt.

Die Polizei fahndet nun nach den Bankkunden. Unterlassene Hilfeleistung kann mit einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Es handele sich sowohl um Männer als auch um Frauen, sagt ein Sprecher der Polizei Essen. Da sie gefilmt wurden und ihre Daten eingaben, dürfte es nicht schwer sein, sie zu finden.

„Empathieverlust“

Der Fall schockiert die Öffentlichkeit. „Wie abgestumpft muss man sein, um hier nicht zu reagieren?“, schimpft jemand auf Twitter. „Jeder hat schließlich ein Handy!“ Ein anderer schreibt: „Es hätte euer Vater oder Opa sein können.“

Denkt heute jeder nur an sich selbst? Für Arnold Plickert, den stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, ist dieses Verhalten der Bankkunden ein Einzelfall. Die Mentalität „Was kümmert mich das Leid der anderen?“ sei der Polizei dagegen zur Genüge bekannt. Ein Beispiel seien die Gaffer bei Unglücken. Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, konstatiert einen „kollektiven Empathieverlust in der Bevölkerung“. Egoismus gehöre zum Zeitgeist.

Verrohung und Werteverfall – ist das die ganze Geschichte? Der Berliner Psychologe Peter Walschburger versucht sich an einer weitergehenden Erklärung. Auch er findet das Verhalten der Kunden schlimm, kann sich aber nicht vorstellen kann, ist, dass da vier Unmenschen hereingekommen sind. „Die besondere Situation hat schon eine Rolle gespielt“, sagt er.

Walschburger versucht, sich in die Menschen hineinzuversetzen: „Man will noch schnell Geld ziehen. Und dann wird man mit etwas Unangenehmem, Fremdem konfrontiert. Man hat schon öfter einen Obdachlosen so daliegen sehen. Für einen Moment denkt man: Soll ich jetzt den Notruf wählen? Vielleicht ist es aber doch nichts Ernsthaftes, dann blamiere ich mich. Müsste ich nicht auch versuchen, den zu reanimieren? Das traue ich mir aber gar nicht zu. Und dann entscheidet man sich – auch, weil man sich unbeobachtet fühlt – dafür, nichts zu tun. Das ist natürlich genau falsch.“

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