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Umwelt: Streit um den Kreidefelsen

Beim Wort „Rügen“ fällt den meisten Menschen zunächst die Kreideküste ein, die Caspar David Friedrich einst berühmt machte. Ausgerechnet dort soll eine wichtige Attraktion verschwinden, die Treppe am Königsstuhl. Dagegen regt sich Protest. Einheimische fürchten, die Natur sei nicht mehr direkt zu erleben.
Blick vom Wasser aus auf den Kreidefelsen Königsstuhl auf der Insel Rügen im Nationalpark Jasmund. Foto: Stefan Sauer (dpa-Zentralbild) Blick vom Wasser aus auf den Kreidefelsen Königsstuhl auf der Insel Rügen im Nationalpark Jasmund.
Sassnitz. 

Weiße Felsen, eine tiefblaue Ostsee und das satte Grün hundertjähriger Buchen: Jedes Jahr besuchen rund 500 000 bis 800 000 Gäste den Königsstuhl. Er gehört zu der Kreideküste der Insel Rügen. Hier eröffnet sich nicht nur ein spektakulärer Ausblick auf das Meer. Von hier konnte man fast 200 Jahre lang – erst auf gewundenen Wegen, später über eine Treppe – zum 118 Meter tiefer gelegenen Ufer absteigen. Um die Zehenspitzen ins Wasser zu halten, auffällige Steine am Strand zu suchen und den Rückweg an der See entlang anzutreten.

Baum fiel auf die Treppe

Seit im Mai 2016 ein Baum auf den unteren Teil der Treppe fiel, ist der Abstieg am beliebtesten Ausflugsziel der Insel gesperrt. Im Oktober vergangenen Jahres verkündete dann das Umweltministerium den kompletten Abriss der Treppe.

Der Abstieg vom Königsstuhl zum Strand führt über diese Treppe. Bild-Zoom Foto: Stefan Sauer (dpa-Zentralbild)
Der Abstieg vom Königsstuhl zum Strand führt über diese Treppe.

Begründet wurde dies damit, dass ein Hangteil neben dem Wahrzeichen „als geologisch instabil und stark abbruchgefährdet“ gilt. „Der Schutz der Besucher hat oberste Priorität“, begründete Minister Till Backhaus (SPD) jetzt noch einmal den Verzicht auf eine Reparatur. An der Steilküste von Jasmund wurden nach Angaben des Ministeriums seit 2006 rund 300 Rutschungen nachgewiesen. „Der Hang am Abstieg ist in bedeutenden Teilen davon ebenfalls betroffen.“

Seit mehreren Monaten macht eine Bürgerinitiative gegen den Abbau der Treppe mobil. Vor allem Einwohner der nördlich des Abstiegs gelegenen Gemeinde Lohme wollen, dass diese Touristenattraktion repariert und wieder geöffnet wird. „Wir leben vom Tourismus. Der Wandertourismus ist unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Torsten Rollin von der Touristik Lohme GmbH. Mit 1200 Gästebetten zählte der 450-Einwohner-Ort im vergangenen Jahr rund 90 000 Übernachtungen. Mehr als 3000 Unterschriften für die Wiederherstellung des Abstiegs wurden gesammelt. Am Samstag ist eine Demonstration vor der Kulisse des Königsstuhls geplant.

Die Initiatoren hoffen, dass sich viele Urlauber am Protest beteiligen. „Ein zufällig umgestürzter Baum wird zum Anlass genommen, um ein touristisches Aushängeschild der Insel zu sperren“, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative „Bewahrt Lohme“, Jörg Burwitz. Mit dem Rückbau der Treppe werde die Wanderstrecke auf dem Rundkurs an der Kreideküste doppelt so lang werden – etwa 18 Kilometer. „Für ältere Leute ist das nicht mehr zu schaffen“, sagt Burwitz.

Er und seine Mitstreiter vermuten, dass nicht wie vom Umweltministerium angeführt Sicherheitsbedenken den Ausschlag für die Sperrung des Abstiegs gegeben haben. „Den letzten tödlichen Unfall in Folge von küstendynamischen Prozessen hat es hier 1936 gegeben“, sagt Burwitz, der auf der Insel großgeworden ist. Die meisten Unfälle an der Kreideküste passierten aus Leichtsinn oder Unachtsamkeit.

Ein Stück Heimat

Mit Unbehagen sehen Einheimische, dass ihnen ein Stück ihrer altbekannten Heimat genommen wird. „Es entstehen Besucherzentren mit Multivisionsshows, die zeigen, wie die Küstendynamik funktioniert.“ Es gebe keine traditionellen Ausflugslokale mehr, bedauert Burwitz den Umbau der beliebten „Waldhalle“ zu einem Welterbezentrum. Wer im Nationalpark auf Toilette müsse, müsse 9,50 Euro für den Besuch des Königsstuhl-Zentrums bezahlen. Zu wandern, die Natur zu genießen, werde immer schwieriger.

Das von der Initiative kritisierte Lenken der Besucherströme ist gewollt. Wie eine Sprecherin des Umweltministeriums sagte, könnten Tritt- und Begehungsschäden am Nationalpark und Welterbegebiet nur mit einer Strategie vermieden werden: durch die Konzentration eines großen Teils der jährlich etwa 1,3 Millionen Besucher auf das Gelände des Nationalparkzentrums.

Zu den künftigen touristischen Attraktionen soll der Bau einer sieben Millionen Euro teuren Aussichtsplattform gehören, die voraussichtlich von Herbst an schwebend über dem Königsstuhl errichtet werden soll. Betrieben werden soll die Plattform vom Nationalparkzentrum. Der Bürgermeister der am Nationalparkzentrum beteiligten Stadt Sassnitz, Frank Kracht (Linke), versichert, dass durch den Bau der Plattform die Eintrittspreise nicht steigen werden.

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