E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 28°C

Stromschulden führen zu Familientragödie

Stromschulden haben in Thüringen zu einer Familientragödie geführt. Und die Preise für Energie steigen und steigen. Sozialverbände fordern schon lange Unterstützung für arme Familien.
Stromschulden haben in Thüringen eine Familientragödie ausgelöst. Stromschulden haben in Thüringen eine Familientragödie ausgelöst.
Otterstedt. 

Hunderttausenden Haushalten wird jedes Jahr in Deutschland der Strom gesperrt, weil Rechnungen nicht bezahlt wurden. Für eine Familie in Otterstedt in Thüringen war das der Beginn einer Tragödie, die mit dem Tod des Vaters und dreier Teenager endete.

Ein im Haus betriebenes, privates Notstromaggregat sorgte dafür, dass wichtige Geräte noch liefen. Doch die Abgase gingen nicht durch ein Fenster nach draußen, sondern verteilten sich im Haus. Im Schlaf erstickten der 54-Jährige und die 13, 14 und 16 Jahre alten Jugendlichen in der Nacht zum Dienstag - sie atmeten unbemerkt die giftigen Abgase des Geräts mit Verbrennungsmotor ein. Die Ermittler sprechen von einem Unfall.

Sozialverbände wie der Paritätische warnen längst vor einer wachsenden Verarmung durch hohe Energiepreise in Deutschland und fordern Entlastungen für arme Familien. Die jüngste Ankündigung, im nächsten Jahr könne der Strompreis um bis zu zehn Prozent steigen, sorgt für Unmut. Die auf den Strompreis aufgeschlagene und im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegte Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien - dazu gehören Sonne, Wind und Biomasse - steigt dann um 47 Prozent auf 5,277 Cent je Kilowattstunde.

Derzeit zahlt ein durchschnittlicher Haushalt für Strom rund 900 Euro pro Jahr. Besonders umstritten sind Rabatte für Unternehmen mit hohem Stromverbrauch, die die Kosten für die Bürger deutlich erhöhen.

«Energie wird immer mehr zum Armutsthema», erklärt der Chef der Linksfraktion im Thüringer Landtag, Bodo Ramelow, angesichts der Toten von Otterstedt. «An diesem Beispiel wird deutlich, wenigstens eine Minimalquelle an Strom müsste jedem Haushalt gewährleistet sein.» Es könne nicht sein, dass allein ein privates Unternehmen als Versorger entscheidet, dass jemandem Güter wie Strom, Wasser oder Wärme abgestellt werden. Nötig sei ein Grundrecht auf Versorgungssicherheit. «Große Energieverbraucher wie Aluhütten, Stahlwerke und Golfplätze werden verschont von der EEG-Umlage, aber wo ist die Fürsorgepflicht eines Staates gegenüber den Schwächsten?»

Nach Angaben des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wurde voriges Jahr etwa 600 000 Haushalten in Deutschland die Stromversorgung gekappt. Andere Quellen wie die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz sprechen von fast 800 000 Haushalten. Angesichts bevorstehender Strompreiserhöhungen könnte sich das Problem verschärfen. Die jüngsten Verteuerungen wurden laut Paritätischem bisher nicht ausreichend im Hartz-IV-Regelsatz berücksichtigt. Daher fordert der Verband, Strom wie die Miete zu behandeln und separat vom Regelsatz komplett zu erstatten. Auch das Wohngeld müsse angehoben werden.

Von der Misere des Familienvaters in Otterstedt wollen die Behörden nichts mitbekommen haben. «Wenn wir gewusst hätten, dass er Stromschulden hat, hätte man sicher gemeinsam nach Hilfen suchen können», erklärt die Leiterin des zuständigen Jugendamtes, Sabine Bräunicke. So können etwa bei den Jobcentern in solchen Fällen Darlehen beantragt werden. Nach Angaben von Eon Thüringer Energie hatte der Mann seit Jahren keinen Strom gezahlt. Nach mehreren Briefen und dem Angebot von Ratenzahlungen, auf die nicht eingegangen worden sei, sei vor mehreren Monaten der Strom abgestellt worden, erklärte ein Sprecher.

Bräunicke erzählt, dass der 54-Jährige eine sehr enge Beziehung zu den Kindern gehabt habe, die zwar im Heim und bei der getrennt von ihm wohnenden Mutter lebten, ihn aber regelmäßig besuchten. Zwei der drei ums Leben gekommenen Jugendlichen waren seine leiblichen Kinder, der 16-Jährige war sein Stiefsohn.

Zur Startseite Mehr aus Panorama

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen