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Interview mit Kinder- und Jugendpsychologin: Warum Familienkonflikte zu Weihnachten normal sind und wie Krisen bewältigt werden können

Die Erwartungen sind hoch, der Stress vorher groß – das kann an den Festtagen schnell mal zu Streit führen. Doch in manchen Familien kommen noch Trennungen, Trauerfälle oder psychische Krankheiten hinzu. Hanna Christiansen, Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie an der Philipps-Universität Marburg, erklärt im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs, wie Familien mit solchen Krisensituationen umgehen können.
Am Weihnachtsfest kommt es oft zum Streit, auch wenn alle von Harmonie träumen. Bilder > Foto: Andreas Gebert (dpa) Am Weihnachtsfest kommt es oft zum Streit, auch wenn alle von Harmonie träumen.

Weihnachten gilt als Fest der Liebe. Setzt das Familien, die sich gerade in einer Krisensituation befinden, besonders unter Druck?

CHRISTIANSEN: Ja. Weihnachten ist mit vielen Erwartungen nach Nähe verbunden, und die können enttäuscht werden – gerade wenn sich Familien in einer schweren Situation befinden. Selbst bei solchen, die nicht in einer Krise stecken, kommt es ja zu Weihnachten regelmäßig zu Konflikten.

Merkt man das bei den Beratungsstellen?

CHRISTIANSEN: Ja, da gibt es eine verstärkte Nachfrage, sowohl im Kinder- als auch im Erwachsenenbereich.

Was sind die größten Konfliktpunkte?

CHRISTIANSEN: Oft war es vor dem Fest schon für alle Seiten anstrengend – für die Kinder in der Schule, für die Erwachsenen im Beruf und bei den Festvorbereitungen. Wenn dann plötzlich alle Zeit haben, kann der Ärger hochkochen. Wir sprechen da auch von einem „Spill-over-“Effekt, einem Überlaufen. Zudem hocken Familienmitglieder, die den Alltag oft getrennt verbringen, an den Festtagen sehr eng aufeinander. Und manchmal kommt es zu Kränkungen – wenn etwa die Tante zum Mädchen mit Ess-Störung sagt: „Du hast so schöne runde Wangen“.

Konflikte zum Fest sind also normal?

CHRISTIANSEN: Ja, völlig normal. Es wäre fast komisch, wenn es keine gäbe. Die meisten erwachsenen Familienmitglieder haben ja sonst das ganze Jahr über wenig miteinander zu tun.

Worunter leiden Kinder nach einer Trennung der Eltern am meisten?

CHRISTIANSEN: Sie wollen und lieben normalerweise beide Eltern. Daher begreifen sie kaum, dass es besser sein kann, wenn die Eltern nicht mehr ein Paar sind.

Sollten getrennte Eltern dann trotzdem zusammen mit den Kindern feiern?

CHRISTIANSEN: Wenn sich die getrennten Eltern gut verstehen, spricht nichts dagegen. Wenn sie aber streiten, belastet das die Kinder noch zusätzlich. Dann ist eine klare Regelung besser, zu wem das Kind wann geht.

Sollten beim ersten Weihnachten nach einer Trennung oder einem Trauerfall alte Rituale beibehalten oder geändert werden?

CHRISTIANSEN: Beides ist möglich. Bei einem Verlust kann es zur Trauerarbeit gehören, bei dem Ritual die verlorene Person einzubeziehen. Oder man macht bewusst alles anders, weil es sonst zu schmerzhaft wäre. Das Wichtigste ist, dass alle Familienmitglieder offen miteinander reden, was sie in diesem Fall möchten – und auch über ihre Trauer. Ich erlebe leider oft, dass das nicht der Fall ist.

Sprechen die Eltern nicht genug mit den Kindern?

CHRISTIANSEN: Ja. Natürlich müssen sie nicht alle Konflikte vor ihnen ausbreiten. Aber sie dürfen ruhig zeigen, wenn sie traurig sind. Und was jemand nicht weiß, beunruhigt ihn viel mehr als das, was er weiß. Das zeigt sich etwa bei Kindern psychisch kranker Eltern, die deren Verhalten oft auf sich beziehen. So denken sie etwa, die depressive Mutter sei wütend auf sie, weil sie über deren Krankheit nichts wissen.

Nimmt die Problematik psychisch kranker Eltern zu?

CHRISTIANSEN: Sie ist seit Jahren auf hohem Niveau stabil. Aber das Problem hat lange niemanden interessiert. Dabei sind immerhin in Deutschland drei bis vier Millionen Kinder betroffen.

Wenn die Kinder erwachsen werden, haben sie oft andere Vorstellungen als ihre Eltern. Kann es auch mal richtig sein, nicht mit der Familie zu feiern?

CHRISTIANSEN: Ja. Sowohl die Kinder als auch die Eltern können sich die Freiheit nehmen, Weihnachten mal anders zu begehen. Wenn es eine tragfähige Bindung gibt, ist es völlig unproblematisch, von der gemeinsamen Feier auch mal abzuweichen. Leider gerät das Fest aber oft zu einem Beziehungstest. Und dann wird es fatal.

Wenn gemeinsam gefeiert wird, wie viel Freiraum ist an den Feiertagen für den einzelnen nötig und sinnvoll?

CHRISTIANSEN: Man sagt, jeder Mensch braucht am Tag mindestens eine Stunde Zeit für sich. Und da es oft unterschiedliche Vorstellungen gibt, etwa über die Zeit des Frühstücks, sollte man sich vielleicht auf nur eine gemeinsame Mahlzeit am Tag einigen.

Ist es problematisch, wenn jemand allein feiert?

CHRISTIANSEN: Wenn er das möchte, ist das völlig in Ordnung. Die Erwartung, Weihnachten im Kreis der Familie zu feiern, darf kein Zwang sein. Wer sich aber einsam fühlt, sollte die kommunalen Angebote ausprobieren.

Was ist Ihrer Erfahrung nach ein gelungenes Weihnachtsfest?

CHRISTIANSEN: Wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsam essen und Spaß haben. Dafür braucht man nicht einmal einen Weihnachtsbaum. Heute haben ja viele Familienmitglieder im Alltag überhaupt keine Zeit mehr füreinander. Und das Wichtigste ist, dass sie sich zu Weihnachten diese Zeit nehmen.

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