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Interview zum Internationalen Männertag: Was wirft Männer aus der Bahn?

Wenn eine Frau eine Trennung oder einen beruflichen Umbruch erlebt, kann sie sich meistens auf Freundinnen stützen, sich Trost und Rat holen. Doch den meisten Männern fehlt diese Möglichkeit, haben Lucette Achermann und Katrin Rohnstock erfahren. Sie haben für ihr Buch „Aus der Bahn geworfen“ zwölf Männer porträtiert, die ihr Leben verändern mussten. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erzählt Katrin Rohnstock aus Anlass des Internationalen Männertags, was die männliche Krise ausmacht und welcher Weg aus ihr herausführt.
Schwäche zeigen und auch mal weinen – das fällt vielen Männern immer noch schwer.	Bild: Fotolia Foto: (119359825) Schwäche zeigen und auch mal weinen – das fällt vielen Männern immer noch schwer. Bild: Fotolia

Sie porträtieren zwölf Menschen, die in eine Krise geraten sind. Warum haben Sie sich nur Männer ausgesucht?

KATRIN ROHNSTOCK: Es ist für Männer schwerer, sich in einer Krise auszudrücken. Sie geben ungern zu, dass sie schwach oder unsicher sind. Aber die von uns interviewten Männer haben sich geöffnet. Ich glaube, wenn alle Männer in der Krise so aufmerksame Zuhörerinnen hätten, würden viele diese Chance vielleicht nutzen.

Was wirft Männer denn aus der Bahn?

ROHNSTOCK: Ganz allgemein: der Verlust von Anerkennung und Liebe. Die Geschichten sind aber sehr unterschiedlich – es geht etwa um einen Mann, der keinen Erben für sein Geschäft hat, einen Mann, der fälschlich des Missbrauchs beschuldigt wird, oder einen Transsexuellen.

Was macht diese Krisen zu männlichen Krisen?

Katrin Rohnstock Bild-Zoom Foto: Z6327 Soeren Stache (dpa)
Katrin Rohnstock

ROHNSTOCK: Frauen haben nicht das Problem, immer stark erscheinen zu müssen. Und Männer müssen auch damit fertig werden, dass alles vorbei ist, was den Mann einmal ausgemacht hat. Körperliche Stärke ist weniger wichtig, Männer sind auch oft nicht mehr die Familienernährer, sie treffen auf anspruchsvolle und selbständige Frauen. Das ist oft der Hintergrund, vor dem sich die Krisen abspielen. Denn die Männer können die alten Erwartungen nicht mehr bedienen, und ein neues Bild gibt es noch nicht wirklich.

Also ist die Krise eine gesellschaftliche?

ROHNSTOCK: Ja, die Männer in der Krise markieren die Krise der bürgerlichen Männlichkeit.

Fast keiner der Interviewten spricht von einem Freund, der ihm geholfen hat. Warum sind Männerfreundschaften kein Halt in Krisenzeiten?

ROHNSTOCK: Das Selbstverständnis von Frauenfreundschaften ist, sich gegenseitig zu unterstützen. Heterosexuelle Männer haben dagegen meistens keine Freunde, bei denen sie ihr Herz wirklich ausschütten können. Auch da kommt ihnen der Anspruch, stark sein zu müssen, in die Quere.

Frauen gehen also mit Krisen anders um. Haben sie auch andere Krisen?

ROHNSTOCK: Ja, weil sie sich anders definieren. In dem Buch gibt es etwa einen Hausmann, der isoliert und finanziell abhängig ist. Das ist ein klassisches Frauenproblem. Aber Frauen würden in dieser Situation eher ihren Sinn in der Kindererziehung finden. Männlichkeit dagegen versteht sich nicht von selbst, sondern entsteht erst durch die Anerkennung als Mann.

Oft sind auch Trennungen der Anlass von Krisen. Erkennen Männer später als Frauen, dass sich eine Beziehung verändert?

ROHNSTOCK: Ja. Männer haben an eine Beziehung keine so hohe Erwartung und sind schneller zufrieden. Frauen dagegen wollen nicht nur Routine. Die Männer im Buch reflektieren auch kaum, wie es ihren Partnerinnen in der Beziehungskrise geht. Umgekehrt ist das fast immer der Fall. Männer sind selbstbezogener.

Ihre Interviewten, die in die Krise gerutscht sind, sind 47 bis 62 Jahre alt. Ist die männliche Midlife Crisis also Realität?

ROHNSTOCK: Ja, da wird die Sinnfrage noch einmal neu gestellt. Das ist allerdings vor allem bei Männern der Mittelschicht der Fall, die keine existenziellen Probleme haben. Wer um sein Überleben kämpft, kann sich die Sinnfrage nicht leisten.

Stellen sich Frauen diese nicht auch?

ROHNSTOCK: Nicht in dieser Form. Frauen stellen sich in einem früheren Lebensalter die Frage, ob und wie sie Mutterschaft und Beruf verbinden wollen. Oder sie geraten in eine Krise, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Aber ihre Krisen sind zeitlich nicht parallel zur Midlife Crisis des Mannes.

Wie lässt sich die Krise in eine Chance verwandeln?

ROHNSTOCK: Erstaunlicherweise haben nur zwei Männer in dem Buch den Lebenssinn in einem sozialen Engagement gefunden. „Hilf anderen, und du hilfst dir selbst“, ist vielleicht eher eine weibliche Krisenbewältigungsstrategie. Dabei können auch Männer Glück darin finden, das zu tun, was von der Gemeinschaft gebraucht wird.

Was würden Sie Männern raten, die aus der Bahn geworfen werden?

ROHNSTOCK: Unsere wichtigste Botschaft ist, dass sie nicht stark sein müssen. Sie sollten mit anderen über ihre Zweifel, Ängste und Sehnsüchte sprechen. Außerdem sollte man sich in einer solchen Situation vergewissern, was man kann und was einem vor der Krise Freude gemacht hat. Und indem man sich einbringt und gebraucht wird, kann man auch wieder Anerkennung und Liebe finden.

Lucette Achermann, Katrin Rohnstock: Aus der Bahn geworfen. Über Männer, die ihr Leben verändern müssen. Orell Füssli Verlag, Zürich 2016, 256 Seiten, 17,95 Euro.

 

Der Internationale Männertag

Die Geschichte des Internationalen Frauentages reicht bis ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Erst Jahrzehnte später zogen die Männer nach: Der karibische Inselstaat Trinidad und Tobago

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