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Interview mit Bettina Pohlmann: Weltreise als Familienurlaub

Es lohnt sich, mit Kindern auf Weltreise zu gehen. Davon ist die Hamburger Journalistin und Autorin Bettina Pohlmann überzeugt. Sie beschreibt ihre Erfahrungen im Buch „Frühstück mit Giraffen“, das in dieser Woche erschienen ist. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erklärt sie, wie ihre größere Tochter fernab der Schule lernte und warum die Kinder schließlich lieber nach Deutschland zurückkehrten als die Eltern.
Ausgelassen in Kambodscha: Bettina Pohlmann, ihr Ehemann Frank und ihre Töchter Antonia (li.) und Helen – damals neun und vier Jahre alt. Ausgelassen in Kambodscha: Bettina Pohlmann, ihr Ehemann Frank und ihre Töchter Antonia (li.) und Helen – damals neun und vier Jahre alt.

Viele Eltern sagen, Sie könnten mit Kindern nur noch Pauschalurlaub im Hotel mit Pool machen. Warum haben Sie sich anders entschieden?

BETTINA POHLMANN: Wir sind immer gern individuell verreist. Und auch die Kinder mögen es gern, wenn sie im Urlaub Verantwortung übernehmen und etwa im Camper-Van den Frühstückstisch decken können. Sie kennen kaum Hotels.

Wovor hatten Sie im Vorfeld am meisten Angst?

POHLMANN: Wir haben befürchtet, dass es schwierig wird, wenn wir fünf Monate ununterbrochen aufeinanderhocken – ohne die Freiräume, die wir zu Hause haben, wenn die Kinder in der Schule sind und wir bei der Arbeit. Viele Bekannte haben gesagt, sie würden das nicht aushalten.

Und wie hat es dann geklappt?

POHLMANN: Wesentlich besser, als wir dachten. Einmal in Australien brauchte ich mal zwei Stunden Auszeit, um einem Familienkoller vorzubeugen – aber dann war das wieder vorbei.

Hatten Sie Angst vor Krankheiten?

POHLMANN: Wir hatten uns natürlich vorbereitet. Aber wir haben aus der Reiseapotheke nicht ein Medikament gebraucht.

Wie oft hatten Ihre Kinder Heimweh?

POHLMANN: Eigentlich gar nicht. Aber in unserer letzten Station in New York haben sie schon nach vorn geschaut, sich sehr auf ihre Freunde, ihr Fahrrad und das Franzbrötchen bei unserem Bäcker in Hamburg gefreut. Uns Eltern graute ein bisschen vor der Rückkehr, aber ihnen überhaupt nicht.

Ihre ältere Tochter haben Sie für fünf Monate von der Schule befreit und während der Reise unterrichtet. Hat sie danach sofort wieder Anschluss in der Schule gefunden?

POHLMANN: Ja, sie hat ja auf der Reise alle Arbeiten mitgeschrieben. Die mussten wir dann abfotografieren und den Lehrern zuschicken. Letztlich hat sie sich seit der Reise in der Schule verbessert, sie spricht jetzt fließend Englisch.

Sollten solche flexiblen Regelungen Ihrer Ansicht nach öfter möglich sein?

POHLMANN: Es ist in jedem Bundesland anders, nicht überall müssen die Kinder auf der Reise Tests mitschreiben. Ich finde es natürlich schon wichtig, dass Kinder regelmäßig zur Schule gehen – und Eltern können auch keinesfalls die Lehrer ersetzen. Aber wenn man die Möglichkeit hat, eine Zeit lang mit dem Kind ins Ausland zu gehen, sollte es möglich sein, dass man es vor Ort unterrichtet.

Wo hat es Ihnen, wo Ihrem Mann und wo den Kindern am besten gefallen? Gab es da große Unterschiede?

POHLMANN: Nein, wir waren uns einig, dass wir alle sehr glücklich in Neuseeland waren – wegen der überwältigenden Natur und der freundlichen Menschen.

Was war das schlimmste Erlebnis?

POHLMANN: Unsere Tochter Helen wurde in Hanoi von einem Mann weggerissen ins Gewühl. Mein Mann hat ihn angeschrien, dann ließ der Fremde sie los. Vermutlich war das ein Verwirrter, kein Menschenhändler. Helen hat das zum Glück vergessen, aber für uns war das ein großer Schock.

Was waren die wichtigsten Erfahrungen, die Sie gemacht haben?

POHLMANN: Uns ist aufgefallen, dass uns die Natur glücklich macht. Und wir haben erlebt, dass Menschen in anderen Ländern viel gelassener und entspannter sind. Davon können wir viel lernen.

Gab es denn dann auch einen umgekehrten Kulturschock, als sie nach Deutschland zurückkehrten?

POHLMANN: Ja, für meinen Mann und mich auf jeden Fall. Sogar in New York fanden wir die Menschen extrem freundlich und hilfsbereit. In vielen Ländern wirkten die Menschen auf uns entspannter und oft zufriedener als bei uns.

Sehen Ihre Kinder die Welt anders, weil sie Armut kennengelernt haben?

POHLMANN: Ja. Sie würden nie mit einem Finger auf jemanden zeigen, der wenig Geld hat. Und sie haben gelernt, dass wir hier sehr gut leben. Die Mädchen teilen sich ein Zimmer und fragen im Moment nur selten nach einem eigenen, weil sie gesehen haben, dass in Nepal zwölf Menschen in einem Zimmer wohnen.

Sie würden eine Weltreise mit Kindern also auch anderen empfehlen?

POHLMANN: Ja, auf jeden Fall. Es muss aber nicht immer eine Weltreise sein. Schon eine sechswöchige Reise nach Asien oder Afrika in den Sommerferien kann einer Familie sehr viel geben, wenn es kein Pauschalurlaub ist.

Viele hoffen, durch eine so große Reise ein anderer Mensch zu werden. Gelingt das, oder nimmt man sich selbst immer mit und wieder nach Hause?

POHLMANN: Ich bin leider kein anderer Mensch geworden und immer noch unruhig und ungeduldig. Aber wenn ich mich jetzt über etwas aufrege, versuche ich, tief durchzuatmen und an die entspannten Menschen in Neuseeland zu denken. Das hilft.

„Entdeckungslust“ reicht nicht

Wer nach dem Vorbild von Bettina Pohlmann eine Weltreise mit seinen Kindern plant und sie dafür in Hessen von der Schule befreien will, muss das gut begründen.

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Bettina Pohlmann: Frühstück mit Giraffen. Blanvalet Verlag München 2016, 320 Seiten, 14,99 Euro

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