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Kriminalität: Wenn Sehnsucht blind macht

Eine Frau verliert ihr Herz an einen angeblichen US-Soldaten, den sie im Internet kennengelernt hat. Über Monate schreiben sich die beiden und planen eine gemeinsame Zukunft. Aber dann kommt die böse Überraschung.
Bei Bekanntschaften im Internet lassen sich gerade Frauen oft hinters Licht führen – manchen Männern, die Liebe vortäuschen, geht es tatsächlich nur ums Geld. Die Betrugsfälle in diesem Bereich nehmen zu. Foto: Frank May (dpa) Bei Bekanntschaften im Internet lassen sich gerade Frauen oft hinters Licht führen – manchen Männern, die Liebe vortäuschen, geht es tatsächlich nur ums Geld. Die Betrugsfälle in diesem Bereich nehmen zu.
Stuttgart. 

Im Juli beschloss Sabrina Hansen, ihren Tod vorzutäuschen. Sie tippte eine letzte E-Mail an den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt hatte. Erzählte ihm, dass sie Schmerzen habe und der Notarzt unterwegs sei. Dann klappte sie den Laptop zu. Wenige Tage darauf erklärte ihr Sohn sie für tot. Er schrieb dem Liebhaber von der Beerdigung seiner Mutter.

Vier Monate später schildert Sabrina Hansen, warum sie die drastische Maßnahme ergriffen hatte. Sie hatte Anfang des Jahres im Internet einen Mann kennengelernt. In vielen Nachrichten hatte er seine Liebe beteuert – und sie dazu gebracht, ihm Geld zu überweisen. Insgesamt mehr als 10 000 Euro. „Heute frage ich mich, wie ich so bescheuert sein konnte“, sagt sie. Ihr angeblicher Tod schien ihr der einzige Ausweg, damit der Mann sie nicht weiter bedrängt.

Sabrina Hansen ist nicht das einzige Opfer. Als Love- oder Romance-Scamming (Liebesbetrug) bezeichnet die Polizei die Masche. Allein im Landeskriminalamt in Stuttgart wurden für die vergangenen zwölf Monate dort 131 solcher Fälle erfasst – das sind aber nur die, die explizit als Romance-Scamming gekennzeichnet wurden. 78 Prozent der Opfer sind Frauen.

Die Opfer werden über soziale Netzwerke, Datingportale oder E-Mail kontaktiert und in einen Nachrichtenaustausch verwickelt. Sabrina Hansen erhielt eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Der Mann gab sich als US-Offizier mit deutschen Wurzeln aus. Er schrieb: „Ich liebe dich meine Königin“ oder „Ich kann es nicht mehr erwarten, bei dir in Deutschland zu sein“. So verliebte sich Sabrina Hansen in den Betrüger. „Ich bekam eine richtige Gehirnwäsche.“

„Im Internet ist es leichter zu blenden“, sagt Polizeipsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg. Sabrina Hansen hat ihre Bekanntschaft nie getroffen. Trotzdem glaubte sie dem Mann, als er versprach, für sie beide ein Haus zu kaufen. Er habe das nötige Geld, nur komme er da gerade nicht ran.

Großes Dunkelfeld

Wie in ihrem Fall täuschen Täter oft über Monate eine Liebesbeziehung vor, bevor sie Geld fordern, meist mit einer Begründung. Erst soll etwa ein Visum bezahlt werden, dann der Flug nach Deutschland, dann ist plötzlich die Tochter schwer krank. Heike Seitzer hört solche Geschichten oft. Sie leitet in Waiblingen die Kriminalinspektion drei für Wirtschaftsdelikte und Korruption und hat sich bei Romance-Scamming einen Namen gemacht.

Viele Anzeigen gegen Liebesbetrüger landen auf ihrem Tisch – und es werden immer mehr. Dabei geht sie von einem großen Dunkelfeld aus. „Gerade Frauen im fortgeschrittenen Alter schweigen aus Angst davor, was ihre Kinder zu der Internetbeziehung sagen könnten.“ Manche Opfer werden auch schlicht erpresst – mit verfänglichen Bildern und Videos, die sie meist selbst geschickt haben.

Die Lügengeschichten lohnen sich. Die höchste Summe, die Seitzer bisher unterkam, waren 330 000 Euro. „Mache Opfer beleihen ihr Haus für einen Kredit oder lösen ihre Lebensversicherung auf.“

Emotional abhängig

Sabrina Hansen hatte bereits einen Kredit von mehr als 40 000 Euro beantragt, als ein Mitarbeiter des Geldinstituts misstrauisch wurde. Nach dem alles aufflog, half ihr Uschi Tschorn. Sie betreut die Facebook-Gruppe „SOS – Selbsthilfe – Liebesbetrug“. Tschorn war vor zwei Jahren selbst Opfer. Frauen würden emotional abhängig gemacht, erklärt sie. Besonders jetzt vor Weihnachten würden die Internet-Romeos und -Julias auf Hochtouren arbeiten. Tschorn glaubt: „Die hoffen auf gute Geschäfte, um ihren wirklichen Lieben was Hübsches zu kaufen.“ Auch Sabrina Hansens „Freund“ hat die Hoffnung trotz vorgetäuschter Beerdigung nicht aufgegeben. Vor kurzem kam wieder eine E-Mail von ihm.

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