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Täglich werden Unmengen E-Mails verschickt: Wer greift heute noch zur Feder?

Eine Botschaft mit Füller auf Briefpapier geschrieben, ein Liebesbrief, ein Dankesschreiben: Wer so etwas aus dem Briefkasten zieht, freut sich. Der Welttag des Briefeschreibens an diesem Freitag erinnert daran.
Ein Brief sagt viel über die Beziehung zwischen Sender und Empfänger aus – man denke nur an den Liebesbrief oder den Dankesbrief. Foto: Christin Klose (dpa-tmn) Ein Brief sagt viel über die Beziehung zwischen Sender und Empfänger aus – man denke nur an den Liebesbrief oder den Dankesbrief.
Stuttgart. 

Das E-Mail-Postfach quillt über, der Briefkasten bleibt, abgesehen von Behörden- und Bankbriefen, leer. Doch der Brief ist trotz der überall verfügbaren und schnelleren digitalen Kommunikation noch nicht ausgestorben. Die Deutsche Post hat im Jahr 2016 bundesweit durchschnittlich 59 Millionen Briefe pro Werktag befördert. Zehn Jahre zuvor waren es noch 70 Millionen. Der Anteil persönlicher Briefe lag im Jahr 2016 bei rund 3,5 Millionen pro Tag. Was kann der Brief und warum schreibt man ihn noch?

Umso mehr geeignet

Wertschätzung: Angesichts der Vielzahl an Kommunikationskanälen sei der Brief heute umso mehr geeignet, Wertschätzung auszudrücken, sagt der Medienpsychologe Tobias Dienlin von der Universität Hohenheim in Stuttgart. Ein Brief sage viel über die Beziehung zwischen Sender und Empfänger aus – man denke nur an den Liebesbrief oder den Dankesbrief, so Dienlin.

Viele neue Medien, beispielsweise Snapchat, hätten den Vorteil, dass sich Nachrichten wieder auflösen, sich löschen. „Der Brief ist explizit darauf angelegt, überdauernd zu sein, noch mal gelesen zu werden“, sagt Dienlin. Weil man im handgeschriebenen Brief nichts durchstreichen wolle, sei er auch viel überlegter formuliert als beispielsweise eine E-Mail.

Erinnerungen: Briefe aus dem Krieg, geschrieben in Sütterlinschrift, gehören noch heute zum Familienbesitz von Roland Sing, Vorsitzender des Landesseniorenrats Baden-Württemberg. Die Feldpost der Väter und Brüder seiner Eltern seien manchmal letzte Lebenszeichen gewesen. Der 75-Jährige erinnert sich an den Brief seines Onkels, der 1941 aus Russland geschrieben hatte und wenig später fiel. Als er das später gelesen habe, habe er das Gefühl gehabt, hautnah dabei zu sein, sagt Sing.

  Freude: In Zeiten digitaler Kommunikation kennen viele Schüler die Freude über einen Brief nicht mehr, heißt es auf den Seiten des Landesinstituts für Schulentwicklung in Stuttgart. „Dieses Gefühl kann Schülern wiedergegeben werden, Briefe werden zum Erlebnis.“ Schüler in Baden-Württemberg üben ab der fünften Klasse das Briefeschreiben. „Man könnte meinen, der Brief stammt aus dem vorigen Jahrhundert, aber er spielt nach wie vor auch in den neuen Bildungsplänen eine Rolle“, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums.

Persönliche Beziehungen

Freundschaften: Der Verein Initiative gegen die Todesstrafe vermittelt Brieffreundschaften mit Häftlingen in den USA, die zum Tode verurteilt sind. In den vergangenen dreieinhalb Jahren hat der Verein 950 Mal die Adressen von rund 300 Gefangenen herausgegeben. Durch den Austausch von Briefen baut sich eine persönliche Beziehung auf, sagt die Vorsitzende Gabi Uhl. Sie hat im vergangenen Oktober einen Brieffreund im Gefängnis in Texas besucht. „Es fühlte sich nicht an, als sei er ein Fremder. Wir mussten gar nicht warm werden, das war gleich vertraut.“

  Kriminalität: Auch bei Kriminellen ist der Brief immer noch en vogue – zum Beispiel bei Erpressungen, wie ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) Baden-Württemberg sagt. Aus Zeitungsschnipseln zusammengeklebt seien sie selten. Kriminelle schreiben ihre Briefe demnach heute vor allem mit dem PC. „Ganz vereinzelt gibt es auch handschriftliche Botschaften“, sagt der LKA-Sprecher. Doch ein Brief kann verräterisch sein: Ermittler können am Papier Fingerspuren, kleinste Hautschuppen oder DNA finden. Aber auch wer eine kriminelle Botschaft per Mail schickt, kann erwischt werden, sagt der LKA-Sprecher. „Es gibt auch elektronische Spuren.“

Sicherheit: Der Brief ist nach wie vor ein sehr sicheres Mittel der Kommunikation, sagt der Landesbeauftragte für Datenschutz in Baden-Württemberg, Stefan Brink. Ins Briefgeheimnis, das einst gegen die Neugier des berittenen Boten helfen sollte, dürfe nur unter gerichtlicher Kontrolle etwa durch Sicherheitsbehörden oder im Strafvollzug eingegriffen werden.

Greift Brink privat noch zur Feder? „Eine Glückwunschkarte ist von Hand geschrieben persönlicher und herzlicher, auch ein Beileidsbrief darf nicht per E-Mail oder SMS ankommen“, sagt er. Wenn es für ihn um eine Herzensangelegenheit gehe, schreibe er einen Brief. „Aber über die Anlässe“, fügt er hinzu, „schweigt sich der Datenschutzbeauftragte natürlich aus.“

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