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Interview: 50 Schritte zur Kanzlerin

Ohne ihn läuft das Kanzleramt allerbestenfalls schlecht: Helge Braun, ab kommender Woche Chef in der Willy-Brandt-Straße 1 in Berlin. Wo für ihn der Streit anfängt und was er über Macht denkt, verriet er im Gespräch mit unserer Berlin-Korrespondentin Cornelie Barthelme.
Helge Braun stammt aus Gießen. In der neuen Regierung kommt ihm eine herausragende Aufgabe zu. Foto: Swen Pförtner (dpa) Helge Braun stammt aus Gießen. In der neuen Regierung kommt ihm eine herausragende Aufgabe zu.

Lassen Sie uns mit Sex beginnen, Herr Braun: Ist Ihrer jetzt schöner als 1996?

HELGE BRAUN (lacht): Das war eine sehr lustige Aktion. Wir hatten damals als Junge Union das Gefühl, dass es viele Menschen gibt, die sich für Politik gar nicht interessieren.

Und deshalb haben Sie als Gießener JU-Chef Kommunalwahlwerbung im Kino gemacht mit dem Spot „Sex ist schöner in einem Land mit Zukunft“…

BRAUN: …ja, damals wollten wir die Leute darauf hinweisen, dass Politik Einfluss auf unser Leben und unsere Lebensqualität hat.

Fanden aber wahrscheinlich nicht alle in der CDU witzig.

BRAUN: Natürlich nicht. Aber das war ja eine Zeit, in der die JU noch damit provozieren konnte, dass sie im Wahlkampf Kondome verteilt hat. Heute würde das niemand mehr spektakulär finden.

Und dann hat die CDU gesagt: Oh, der Braun ist frech – den brauchen wir?

BRAUN: Natürlich sehen Ältere so etwas argwöhnisch. Aber wir wollten Interaktion zwischen Politik und Bürgern. Und darum ging es doch: Dass man auffällt und seine Botschaft rüberbringt.

Inzwischen sind Sie ziemlich weit weg von den Bürgern – rein räumlich…

BRAUN: …selbst das streite ich ab!

Sie sitzen im Kanzleramt, fünfte Etage, Gießen ist…

BRAUN: …510 Kilometer entfernt – und trotzdem fahre ich jede Woche nach Hause, bin samstagmorgens auf dem Wochenmarkt, mache Veranstaltungen. Ich weiß, Politiker haben einen anderen Ruf – aber es gibt niemanden, der in so viele Lebenswelten kommt wie wir: Bauernhof, Hospiz, Industriebetrieb – alles.

Wieso glauben die Bürger dann, die Politiker hätten keine Ahnung von ihrem Leben?

BRAUN: Da gibt’s ein ganzes Bündel von Ursachen, auf die Politik mit ihrer Kommunikation reagieren muss. Wir müssen unglaublich viel erklären – weil politischer Ausgleich immer dazu führt, dass man keiner Gruppe zu hundert Prozent gerecht wird.

Kann es sein, dass es beim Erklären Defizite gibt – auch und gerade bei Ihrer Chefin?

BRAUN: Keiner kann für sich in Anspruch nehmen, immer alles perfekt zu erklären. Es ist eine große Daueraufgabe für Bundesregierung und Parteien, ihre Positionen deutlich zu machen. Leider wird das fast immer als Streit wahrgenommen, nicht als politischer Diskurs. Ich glaube, die Leute sehnen sich in einer Zeit mit vielen Verunsicherungen nach Vertrauen Erweckendem, nach möglichst klarer Wegbeschreibung.

Ein bisschen widersprüchlich: Sie schätzen produktiven Streit – halten den aber für verunsichernd.

BRAUN: Man muss einfach unterscheiden zwischen notwendiger, sinnvoller Diskussion – und Streit. Wir brauchen in der Politik mehr Austausch von Argumenten, der zügig zu Ergebnissen führt, die man dann gemeinsam vertritt und auf die die Menschen vertrauen können.

Klingt nach Beschreibung Ihres künftigen Jobs. Da geht es ja auch um Interessenausgleich…

BRAUN: …sehr!

Was genau macht der Chef des Kanzleramts? Bitte die Version für die Kindernachrichten.

BRAUN: Er koordiniert alle Bundesminister und arbeitet daran, dass die Bundesregierung einen gemeinsamen Weg für ihre Gesetze findet. In der Tat eine Aufgabe, die sehr viel Verständnis erfordert – und Ausgleich zwischen den Beteiligten. So war das auch in meinem Job als Bund-Länder-Koordinator, wo es mittlerweile Ministerpräsidenten aus vier Parteien gibt und sehr bunte Koalitionen in den Ländern, was Bundesratsmehrheiten immer schwieriger macht…

…da sind wir jetzt aber schon bei der Version für die Erwachsenen, oder?

BRAUN (lacht): Ja, das war ein fließender Übergang.

Und was müssen die noch wissen?

BRAUN: Vielleicht den zweiten Aspekt: Sich der großen Themen annehmen, die auch erst während einer Legislatur entstehen. In der vergangenen war das, unter anderem, die Flüchtlingskrise. Für die kommende ist von vornherein die Digitalisierung gesetzt.

Die Kanzlerin hatte Sie zum Flüchtlingskoordinator gemacht…

BRAUN: …zum stellvertretenden Flüchtlingskoordinator. So wie ich auch in allen anderen Dingen Peter Altmaier vertreten habe…

…politische Wegbegleiter in Gießen nennen Sie „seriöser Erlediger“ oder „Mister Zuverlässig“. Fühlen Sie sich erkannt?

BRAUN: Ich empfinde jede dieser Qualifizierungen als Lob – und freue mich drüber.

Hier in Ihrem Büro wirken Sie wie der Typ Baum: Wo Sie stehen, da stehen Sie dann auch – und so schnell wirft Sie nichts um. Gab’s im Herbst 2015 einen Moment, den Sie als wirklich heftig empfanden?

BRAUN: Die großen Herausforderungen muss man mit Respekt behandeln. Ich hab’ nie gedacht: Ach, das wird einfach. Die Dinge mit Ruhe anzugehen – das ist meine Sozialisation als Notarzt.

Aber Sie sind nicht als Notarzt ruhig geworden – sondern Notarzt geworden, weil sie so sind.

BRAUN: Genau.

Aufs Kanzleramt übertragen: Sie sind der für die Notfälle? Der ran muss, wenn die Bundesregierung Kreislaufprobleme hat oder Herzrhythmusstörungen?

BRAUN: Ja, klar: Routine – und Notfälle. Sagen wir es so: Ich habe mir vorgenommen, dieser Bundesregierung zu einem möglichst guten Mannschaftsgeist zu verhelfen – was angesichts ihrer Gründungsgeschichte vielleicht nicht selbstverständlich ist.

Wie macht man das? Laden Sie zum bunten Abend – oder sagt man sich: Das lassen wir jetzt mal wachsen?

BRAUN: Die letzte Koalition hatte sich beispielsweise sehr schnell zu einer Klausur getroffen. Und ich werde die neuen Minister fragen: Welche Projekte sind euch besonders wichtig? Und dann daran arbeiten, dass sie schnell umgesetzt werden.

Ihr persönliches Projekt ist die Digitalisierung. Pardon: Hat die gerade noch amtierende Regierung da nicht schrecklich gepennt?

BRAUN: Überhaupt nicht. Wir haben am Anfang die digitale Agenda aufgestellt – und sie weitgehend umgesetzt. Klar ist, dass wir jetzt schneller werden müssen, weil die digitale Transformation so dynamisch ist.

Das war sie vor vier Jahren auch schon.

BRAUN: Ich verstehe, wenn die Leute sagen: Ich habe bei mir im ländlichen Raum immer noch kein schnelles Internet – warum soll ich einem Versprechen für die Zukunft trauen, wenn es bis heute noch nicht geklappt hat.

Und warum sollen die Bürger?

BRAUN: Weil wir so viel Geld ausgeben wollen wie nie zuvor: 100 Milliarden Euro bis 2025, davon 80 Milliarden privater und 20 Milliarden öffentlicher Mittel, um alle Versorgungslücken zu schließen. Und weil wir einen Anspruch auf schnelles Internet rechtlich verankern wollen.

Wollen – oder werden?

BRAUN: Wir werden das machen. Und wir werden es klug machen.

Wie viele Türen stehen nach Ihrem Umzug in die siebente Etage zwischen Ihnen und der Kanzlerin?

BRAUN: Naja, zwei: Bei mir raus – und bei ihr rein.

Wie viele Schritte dazwischen?

BRAUN: Vielleicht 50.

Sie sind also einer der mächtigen Männer der Republik…

BRAUN: …das wäre nie meine Selbsteinschätzung.

Aber wer gestalten will, der braucht Macht.

BRAUN: Politisches Gestalten ist etwas anderes. Ich empfinde meine Position, die alte wie die neue, nicht als eine der ausgeprägten Machtdurchsetzung – im Gegenteil. Wir leben in einem Rechtsstaat mit sehr verteilten Rollen. Und gerade ein Chef des Bundeskanzleramts muss ein Teamplayer sein.

Mögen Sie die Macht nicht – oder den Begriff?

BRAUN: In unserem System ist die Macht die des guten Arguments. Selbst ein hochrangiger Politiker wird sich mit einer Idee, die er nicht gut begründen kann, nicht durchsetzen. Diese Macht des guten Arguments schätze ich sehr.

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