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Selbstversuch: Alexander Gottschalk: Meine Krise mit dem Öko-Fußabdruck

Ich habe bislang gedacht, ich sei für die Umwelt keine Belastung. Doch ich habe mich getäuscht. Und ich bin leider nicht allein. Die Deutschen schaden im Durchschnitt dem Klima, das zeigt der „ökologische Fußabdruck“. Ich wollte wissen, wie sehr mein Lebenswandel Mutter Erde verändert und habe meine Umwelt-Bilanz getestet. Das Ergebnis: Ich müsste eigentlich einiges an meinem Leben ändern.
Symbolbild Symbolbild


Ausgangslage

Klimaschützer warnen vor der Erderwärmung. Die Tage des Regenwaldes scheinen gezählt, viele Tierarten kämpfen ums Überleben, und einzelne Südseeinseln drohen im Pazifik zu versinken. Das alles weiß ich – aber ich bin normalerweise gut darin, es zu ignorieren.

Alexander Gottschalk, Volontär dieser Zeitung Bild-Zoom
Alexander Gottschalk, Volontär dieser Zeitung

Dieser Tage lese ich aber häufig, wie beim Weltklimagipfel in Bonn Politiker, Umwelt-Aktivisten und Wissenschaftler aus allen Staaten der Welt darüber diskutieren, wie wir unseren Planeten doch noch retten können. Deutschland könnte dabei eine wichtige Rolle spielen: Die Regierung in Berlin hat versprochen, bis 2020 die CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu senken. Das Ziel wird sie wahrscheinlich verfehlen. Aktuelle Prognosen gehen von gerade mal 32 Prozent Emissionssenkung aus. Zu wenig für unsere Umwelt.


Jetzt könnte man diese Weltrettungs-Aufgabe natürlich weiter auf die Klima-Köpfe in Bonn abwälzen und es sich auf dem Sofa bequem machen. Aber Fakt ist: Vor allem unser persönlicher Lebenswandel verhindert, dass die Rettung des Weltklimas schneller voran geht. Und die politischen Mühlen mahlen bis dato zu langsam.
Wenn alle Erdenbürger so leben würden wie wir Deutschen, bräuchten wir nach heutigem Stand zwei zusätzliche Erden, damit unser blauer Planet eine Chance hat, auf Dauer zu überleben. Das zeigt unser „ökologischer Fußabdruck“ (siehe Info). Schwellenländer wie Indien schönen das Ergebnis weltweit, weil sie relativ wenig Treibhausgase in die Luft pusten. Auch die Menschen dort verlangen immer mehr nach Fleisch, Smartphones und Autos.

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Info: Mein Fußabdruck im Vergleich

Mein „ökologischer Fußabdruck“ ist mit 5,1 Global-Hektar (gha) nur marginal kleiner als das deutsche Mittel.

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Weil interplanetares Auswandern auf absehbare Zeit keine Option ist, muss sich also etwas ändern. Auch in meinem Leben. Erster Schritt: Selbstanalyse. Ich mache den interaktiven Test der Nichtregierungsorganisation (NGO) „Brot für die Welt“. Mir ist klar: Ich lebe definitiv nicht perfekt nach der Maxime des Umweltbewusstseins. Aber als 23-Jähriger, der gerade dem studentischen Leben entwächst, ist mein „ökologischer Fußabdruck“ doch bestimmt eher Sport-Sneaker als Wanderstiefel, oder? Pustekuchen.

1. Ernährung

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Ich habe ein Problem. Es ist ein deutsches Problem und heißt: Wurst. Eine Studie des Bundesagrarministeriums hat festgestellt, dass 47 Prozent der Männer täglich Fleisch verzehren – mehr als doppelt so viel wie bei den Frauen. Insgesamt isst der Bundesbürger rund 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr und Kopf. Mehr als zehn Prozent der Emissionen, die ein durchschnittlicher Bundesbürger verursacht, seien zurückzuführen auf seinen Fleischkonsum, hat die Umweltorganisation WWF herausgefunden. Massentierhaltung und Futtermittelproduktion sind echte Klimakiller. Darunter leidet auch mein ökologischer Fußabdruck. Ich habe deshalb vor zwei Jahren mal einige Wochen auf Fleisch verzichtet – bis mein Appetit in einem schwachen Moment entschied, wieder dem deutschen Klischee entsprechen zu wollen. Heute ist mein Fleischkonsum wieder zu regelmäßig, um überhaupt die Chance auf einen anständigen Öko-Fußabdruck zu haben. Die NGO empfiehlt für den Anfang zweimal in der Woche den Verzicht. Das klingt einfach. Aber der Gedanke, mich auch bei anderen tierischen Produkten einzuschränken – Käse, Joghurt oder Schokolade beispielsweise – fällt schwer. Wie sollen Linsen und Kichererbsen die Butter auf dem Brötchen ersetzen? Trotzdem zeigen die ersten Fragen ganz klar, ich darf mich dem Trend nicht mehr verweigern. Ich sollte Bio, regional und saisonal einkaufen. Also: Weniger Supermarkt-Bananen, und mehr auf dem Wochenmarkt einkaufen.

2. Wohnen

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Lange Plüsch-Würste mit Tigerkopf werden unser Klima retten. Vielleicht. Laut Umweltbundesamt fallen rund 70 Prozent des Energieverbrauchs im Bereich Wohnen zurück auf das Heizen – und damit auch ein Großteil des CO2-Ausstoßes. Der Plüschtiger ist ein Türvorleger, der verhindern soll, dass mein Zimmer abkühlt. Als klimatechnisch vertretbar gelten 20 Grad Raumtemperatur. So warm ist es bei mir aber selten. Das ärgert zwar meine Freundin, freut aber das digitale Thermometer. Dank meines überschaubaren Wohnraums hinterlasse ich einen kleineren „ökologischen Fußabdruck“ als der Durchschnittsdeutsche. Allerdings ist das ein auf Zeit gelebtes Umweltglück: Spätestens wenn ich in eine andere Wohnung ziehe, wird das einen Einfluss auf die Polkappen haben. Auf dem angespannten Wohnungsmarkt in Rhein-Main, steht „klimafreundlich“ auf der Prioritätenliste deutlich hinter „kein Frankfurter Bad“.


3. Mobilität

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Man kann im Grunde leben, wie der umweltbewussteste Mensch der Welt – einmal fliegen und alles ist futsch. Ein Jahr Mittelklassewagen bei rund 12 000 Kilometer Fahrt verursachen knapp zwei Tonnen CO2. Allein mit meinem Hin- und Rückflug von Frankfurt nach Athen habe ich schon die Hälfte dessen verursacht. Jeder Mensch darf im Jahr aber insgesamt nur 2,3 Tonnen CO2 verursachen, um noch klimaverträglich zu handeln. Auf dem Internetportal „atmosfair“ kann man sich von seiner Flug-Schuld freikaufen. Mit einer Spende von 24 Euro für Umweltprojekte kompensiere ich den Urlaubsflug. Meinen ökologischen Fußabdruck bewahrt das aber nicht vor der Durchschnittlichkeit.

4. Konsum

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Meine Mutter hat mich schon als Kind gewarnt: „Der Gameboy wird dir zum Verhängnis.“ Eigentlich ist mein Konsum, laut Test, das kleinste Problem für meine Ökobilanz. Ein europäischer Haushalt besitzt heute rund 10 000 Gegenstände. Untersuchungen haben ergeben: Wir nutzen nur einen Bruchteil dieses Besitzes. Beispiel Kleidung: Die Umweltschützer von Greenpeace sagen, 40 Prozent der Kleidung in unseren Schränken würden wir nie tragen. Im Zweifel haben sie aber die wenig nachhaltige Produktionskette von Bangladesch bis in den deutschen Klamotten-Discounter durchlaufen. Mein Problem ist die Technik-Affinität. Platinen und Plastikknöpfe ausgedienter Spielekonsolen, die unzähligen CDs, die alte Stereoanlage – sie alle haben einst wertvolle Ressourcen gekostet und spielen heute in meinem Leben kaum eine Rolle.

Bilanz

Haben Sie sich mal gefragt, ob die Welt ein wenig besser wäre, wenn jeder so wäre wie Sie? Fest steht: Wenn jeder so wäre wie ich, wäre die Umwelt genauso am Ende wie jetzt auch. Um bei der Metapher zu bleiben: Mein Öko-Fußabdruck kommt von einem schönen Wanderschuh für das mitteldeutsche Gebirge. Selbst meinen winzigen Vorsprung rechne ich allein meinen Lebensumständen als Mensch Anfang 20 zu. Welche Erkenntnis bleibt also? Überall, wo ich aktiv gehandelt habe, und sei es nur eine Plüschwurst vor die Türritze zu legen, habe ich etwas Gutes erreicht. So banal und abgegriffen es klingt: Das größte Hindernis für unsere Umwelt ist die Bequemlichkeit.

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