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Allein in Berlin

Kristina Schröder. Sie kriegte, wie einst Angela Merkel, eine Karriere-Chance aus dem Nichts. Aber anders als die Kanzlerin zeigt sie kein bisschen Geschick dabei, sie zu nutzen.
Kristina Schröder Kristina Schröder
Berlin. 

Ihr Sprecher ruft nicht zurück. Vielleicht hat er Ferien. Vielleicht weiß er aber auch einfach nicht, was er sagen soll. So oder so ist das Schweigen nicht gut für die Ministerin. Ihr Sprecher nämlich ist nicht nur einer der geschicktesten in der ganzen Bundesregierung. Er ist auch einer der Letzten, der sich unerschüttert bemüht, gut von ihr zu reden.

Aus Befremden wird Wut

Es ist schon seit einiger Zeit nicht leicht, in Berlin und anderswo Freundliches zu hören über Kristina Schröder oder gar so etwas wie Lob oder Anerkennung. Seit vergangener Woche aber schlägt Enttäuschung um in Ärger, mindestens, und Befremden in Wut.

Da wurde bekannt, dass die CDU-Ministerin die oberste Gleichstellungsexpertin ihres Hauses in den einstweiligen Ruhestand versetzt hat. Mit sofortiger Wirkung. Und ohne Angabe von Gründen.

Nicht nur im Regierungsviertel und dort nicht allein bei der Opposition wird das als Rauswurf verstanden. Und als erneuter Beweis, dass Kristina Schröder unsouverän ist. Schwach. Überfordert. In einem offenen Brief an die Kanzlerin protestierten 1600 Frauenbeauftragte aus den Kommunen der Republik: "Ein bestürzendes Signal", schrieben sie und priesen die Gefeuerte zugleich als "äußerst kompetente und strategisch kluge Ansprechpartnerin" mit internationalem Ansehen. Für die Ministerin finden sie dagegen nur ein Wort: enttäuschend.

Das ist keine Überraschung. Die Frauen und ihre Ministerin – von Anfang an hat es geknirscht in dieser Beziehung. Inzwischen scheint es eine feste Front zu geben. Hier steht Kristina Schröder. Dort – alle anderen. Egal ob Feministin, Landfrau, Teenie oder Kollegin.

Wie hat sie es nur geschafft, sich so unbeliebt zu machen? Wenn offen gelästert wird, geht es oft um Stilfragen. Um weiße Blusen zu Kostümen und um das Helmut-Kohl-Foto, das sie sich übers Bett gehängt hat. Als Zwölfjährige. Jetzt ist Kristina Schröder fast 35. Die Abteilungsleiterin, die sie geschasst hat, ist 53. Eine Spanne. Auch eine Kluft. Viel wichtiger als das Kohl-Kinkerlitzchen.

Aber sie eckt ja nicht allein bei den Älteren an und auch nicht bloß bei den als Emanzen Verhöhnten. Im April hat sie ihr Buch vorgestellt, es heißt "Danke, emanzipiert sind wir selber!", und darin steht, dass Frauen jetzt alles haben und tun können, wenn sie nur wollen und das "Diktat der Rollenbilder" verweigern. Vor dem Podium standen junge Mütter und sangen ihr Schmählieder vor. Oben saß Kristina Schröder und konnte es nicht fassen.

Entsetzen und Häme

Umgekehrt sorgt sie im Regierungsviertel für Entsetzen. Und für Häme. Nicht nur die Politikerinnen der Opposition können ohne Nachdenken ihre Niederlagen herzählen und ihre Flops. Das Kürzen der Förderung für Antifaschismus-Gruppen, die Ausgangssperre für Teens, die gesetzlich garantierte Pflegezeit . . . Und dann sind da noch der Rechtsanspruch auf den Kita-Platz und das Betreuungsgeld.

In Wirklichkeit hat sie beides geerbt. Wahrscheinlich vermutet die halbe Republik Ursula von der Leyen noch immer dort, wo Schröder längst die Entscheidungen trifft. Oder vorbereitet. Oder verhindert. Man weiß nicht genau. Man weiß, nach zweieinhalb Jahren, nicht einmal, was sie vom Betreuungsgeld hält. Sie ganz persönlich. Das ist eine Leistung. Keine wirklich gewinnbringende allerdings.

Das Gesetz hat sie erst vorgelegt, nachdem im Mai die Kanzlerin betonte, die Ministerin sei "jetzt beauftragt". Allerdings geht seitdem nicht nur das Gerücht, Verfasserin sei in Wahrheit die Minister-Kollegin Haderthauer aus München; es geht auch unwidersprochen. Man ahnt, wer es gestreut hat. Und am Leben erhält.

Vielleicht hat Kristina Schröder an Frauen-Solidarität noch niemals geglaubt. Vielleicht hat sie deshalb auch nicht mit Unterstützung gerechnet. Ob sie aber geahnt hat, wie ihre Vorgängerin ihr in einem fort in die Quere kommen würde? Wie die Kanzlerin, die sie doch ausgesucht hat, sich nun kein bisschen kümmert. Schlimmer noch, wie die beiden sie vorgeführt haben bei der Frauen-Quote. Vorerst hat sie sich durchgesetzt. Kein Gesetz. Aber wie logisch ist das? Ausgerechnet sie, die Quoten-Ministerin par excellence. Sie wäre nicht im Amt, käme sie nicht aus Hessen. Wäre sie keine Frau.

Keine Antwort

Am Montag lässt Kristina Schröder ihren Staatssekretär Hermann Kues einen Brief schreiben. Die SPD hat, ganz formell, angefragt, weshalb die Frauenministerin ihre Gleichstellungsexpertin gefeuert hat. Eva Maria Welskop-Deffaa gilt, so wie die Frauen-Union und wie Ursula von der Leyen, als Quoten-Gesetz-Befürworterin. Nebenbei gibt es in der Leitungsebene des Ministeriums jetzt außer der Ministerin selbst keine Frau mehr.

Man habe, steht in der Antwort, Gründe genannt. "Dem Bundespräsidenten." Und dann ist da noch von der "Ausübung pflichtgemäßen Ermessens" die Rede. Auch die Bitte ums Beziffern der Kosten des Rauswurfs – schließlich muss außer den Ruhestandsbezügen für die Gefeuerte auch der Nachfolger oder die Nachfolgerin bezahlt werden – bleibt unerfüllt. "Kann", schreibt Kues "nicht ermittelt werden." Die SPD findet die Antwort "inakzeptabel". Der Sprecher der Ministerin ruft nicht zurück. Er hat Urlaub. Er ist weit weg von Berlin. Und ganz sicher kein bisschen traurig deshalb.

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