Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 21°C
4 Kommentare

Ausschreitungen: Anarchie im Schanzenviertel überschattet Hamburger G20-Gipfel

Am Morgen danach werden die Spuren der Gewalt sichtbar. Geplünderte Geschäfte, herausgerissene Steine, überall Scherben - das Schulterblatt im Hamburger Schanzenviertel gleicht einem Trümmerfeld. Mehrere Stunden lang tobte hier während des G20-Gipfels ein Mob.
Foto: Christophe Gateau (dpa)
Hamburg.  «Das ist wie ein Kriegsgebiet, das ist einfach nur Wahnsinn», sagt Daniel Krohn erschüttert, als er sich im Schulterblatt die Spuren der Zerstörung ansieht. Der 42-Jährige lebt im linken Schanzenviertel und ist von den 1.-Mai-Demos Krawalle vor dem von Autonomen besetzten Kulturzentrum «Rote Flora» eigentlich gewohnt. Aber die Orgie purer Gewalt, die zuvor über Stunden die Straße zu einer rechtsfreien Zone machte, kann er einfach nicht begreifen: «Das Level der Gewalt will nicht in meinen Kopf gehen.»

Der Vergleich mit einem Kriegsgebiet mag übertrieben sein, aber wie Krohn geht es vielen Anwohnern, die sich am Morgen nach den schwersten Ausschreitungen in Hamburg seit Jahrzehnten die Schneise der Verwüstung ansehen. Geschäfte im Schulterblatt sind geplündert, überall liegen herausgerissene Pflastersteine und Scherben, letzte kleine Flammen schlagen aus den von Linksautonomen in Brand gesteckten Barrikaden aus Mülleimern, Fahrrädern und Gerüstplatten.

Bilderstrecke G20-Krawalle in Hamburg: Wütender Mob, geplünderte Supermärkte
Chaos in Hamburg: Gewaltsame Proteste überschatten in der Hansestadt den G20-Gipfel. Zerstörte Fahrräder, brennende Mülltonnen und Fahrzeuge, Steine und Trümmer liegen auf der Straße, Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Supermärkte geplündert. Unsere Bilderstrecke zeigt Szenen der Verwüstung.Chaos in Hamburg: Gewaltsame Proteste überschatten in der Hansestadt den G20-Gipfel. Zerstörte Fahrräder, brennende Mülltonnen und Fahrzeuge, Steine und Trümmer liegen auf der Straße, Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Supermärkte geplündert. Unsere Bilderstrecke zeigt Szenen der Verwüstung.Chaos in Hamburg: Gewaltsame Proteste überschatten in der Hansestadt den G20-Gipfel. Zerstörte Fahrräder, brennende Mülltonnen und Fahrzeuge, Steine und Trümmer liegen auf der Straße, Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Supermärkte geplündert. Unsere Bilderstrecke zeigt Szenen der Verwüstung.

«Das ist eine Schweinerei und hat nichts mit G20 zu tun», sagt Anwohnerin Mareike (31), die die Nacht bei Freunden verbracht hat. Die Lage im Schulterblatt war ihr zu heiß. Und nun? «Ich will gucken, ob bei mir zuhause alles in Ordnung ist.»

In einem sind sich die Bewohner des Schanzenviertels einig: Den Gipfel in ihre Stadt zu holen, war ein Fehler. «So denkt die ganze Bevölkerung», sagte Anwohner Horst (73). Er beobachtet vor seinem Stammbäcker mit einem Kaffee in der Hand, wie die Stadtreinigung mit einer Baggerschaufel den Unrat entfernt. Die Krawalle seien vorprogrammiert gewesen, sagt Horst.

Besonders schlimm hat es in der Straße Schulterblatt - dem Zentrum des Gewaltexzesses - auch eine Filiale der Drogeriekette Budnikowsky erwischt. Budnikowsky-Chef Cord Wöhlke ist fassungslos, als er über Scherben und zerstörte Waren läuft und das Ausmaß der Schäden begutachtet. «Ich habe so etwas noch nicht erlebt. (...) Das ist auch eine Tragödie für Hamburg», sagt Wöhlke und ist sicher: «Diese Bilder bleiben von G20 übrig (...) und verdrängen alles andere.»

Demonstranten protestieren bei der Demonstration «G20 Welcome to hell» am 06.07.2017 in Hamburg gegen den G20-Gipfel.
G-20-Krawalle Kommentar: Linksextremismus den Kampf ansagen

Straftaten linksradikaler Täter werden geleugnet, bagatellisiert oder mit Verweisen auf Polizeigewalt legitimiert. Ein Kommentar von Simone Wagenhaus.

clearing

Während des G20-Treffens der führenden Wirtschaftsmächte spielten sich in der Nacht zuvor in der ganzen Straße schockierende Szenen ab. Immer wieder brennen Barrikaden, Autonome zerschlagen Fensterscheiben mit Pflastersteinen, brechen in Geschäfte ein, plündern Läden, tragen alles raus, zerfetzen das Mobiliar, um es unter dem Jubel Schaulustiger auf der Straße ins Feuer zu werfen. Es brennt lichterloh.

Grässliche Bilder aus dem «Tor der Welt» gehen um die Welt. Es ist bereits die zweite Krawallnacht in Folge. Aber die Heftigkeit dieses Abends ist besonders. Drei Stunden lang herrscht in der «Schanze», wie das Viertel genannt wird, der Mob. Kleine Läden in der Straße werden nicht angegriffen, nur große Ketten. Unter der Bahnbrücke wird eine Gruppe Polizisten von Autonomen eingekesselt, sie sind lange auf sich allein gestellt.

Beamte sperren das Schulterblatt ab, Hundertschaft um Hundertschaft marschiert hinein, auch Spezialkräfte. Stundenlang kreisen Hubschrauber mit Suchscheinwerfern über dem Viertel.

Chaos in Hamburg: Gewaltsame Proteste überschatten in der Hansestadt den G20-Gipfel. Zerstörte Fahrräder, brennende Mülltonnen und Fahrzeuge, Steine und Trümmer liegen auf der Straße, Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Supermärkte geplündert. Unsere Bilderstrecke zeigt Szenen der Verwüstung.
Krawalle bei G20-Gipfel Protest eskaliert: Hessische Polizisten in Hamburg verletzt

Brutale Krawalle haben in Hamburg den G20-Gipfel überschattet. Szenen der Verwüstung boten sich am Samstag nach einer durchkämpften Nacht. Auch hessische Polizisten sind in der Hansestadt zu Schaden gekommen.

clearing

Die Nerven liegen zum Teil blank. An einem Fußübergang schreit eine Frau einen Polizisten an, der sie nicht über die Straße gehen lassen will. Hinter ihm passiert ein Mannschaftswagen nach dem anderen die Stelle. «Ihr habt gar nichts im Griff», pöbelt die Frau. «Das kotzt mich an.» Der Polizist kontert: «Willst du überfahren werden?»

Ein paar hundert Meter weiter zerschlagen Autonome den Asphalt mit Hämmern, um sich Wurfgeschosse zu basteln. Als sie Blumenkübel für Barrikaden auf die Straße ziehen, brüllt einer Anwohnerin los: «Ihr seid so scheiße! Ihr seid so scheiße!»

Als die Polizei endlich massiv einschreitet, gibt es aber auch andere Reaktionen: Aus dem ersten Stock eines Hauses wirft ein älterer Mann den Autonomen Wasserflaschen herunter, damit sie sich das Pfefferspray der Beamten aus den Augen spülen können. Gut drei Stunden lang braucht die Polizei, bis sie mit den Gewaltexzessen aufgeräumt hat.

Noch am 23. Juni hatte sich Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) überzeugt gezeigt, dass solche grässlichen Bilder verhindert werden können. «Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist.» Die Hamburger Polizei zeigt sich schockiert über die Krawalle. «Wir haben noch nie so ein Ausmaß an Hass und Gewalt erlebt», sagt Sprecher Timo Zill bei «Bild Daily».

Die Krawalle an diesem ersten Tag des G20-Treffens waren aber lediglich der Schlussakt nach einem Tag voller anarchischer Szenen. Nach morgendlichen weitgehend friedlichen Protesten im Hafen sammelten sich am Nachmittag tausende G20-Gegner am Millerntorplatz. Ihr Ziel ist klar: Alle wollen zur Elbphilharmonie, wo sich gegen Abend die Staats- und Regierungschefs zu einem klassischen Konzert einfinden werden. Als sie losmarschieren, eilt auch die Polizei zu den Landungsbrücken und schneidet den nach Veranstalterangaben 5000 Demonstranten den Weg ab. Schon dort werfen Vermummte Steine auf eine Hotelfront.

Es kommt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Böller krachen. Die Beamten können die Demonstranten zurückdrängen. Auf der Elbe versuchen Aktivisten von Greenpeace nahezu zeitgleich, mit Booten in die Sicherheitszone einzudringen. Es bleibt aber klar: In diese Zone kommt kein Demonstrant. Doch während in der Elbphilharmonie Beethovens «Freude schöner Götterfunken» erklingt, gehen draußen die Krawalle erst so richtig los. (dpa)

Zur Startseite Mehr aus Politik

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse