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Einer der Terroristen war sogar TV-bekannt – Dritter Angreifer identifiziert: Anschlag in London: Der Dschihadist von nebenan

Mindestens einer der Terroristen war den britischen Sicherheitsbehörden bekannt –sie geraten zunehmend in die Kritik. Derweil trauern die Briten um die Opfer, reagieren aber auch auf besondere Weise mit ihrem berühmten englischen Humor.
Die Nr.3: Joussef Zaghba Foto: HANDOUT (METROPOLITAN POLICE) Die Nr.3: Joussef Zaghba
London. 

Er war einer der „Dschihadisten von nebenan“, so der Name einer Dokumentation aus dem vergangenen Jahr. Ungeniert präsentierte Khuram Butt sich und seine extremistische Gesinnung im Fernsehen. Für den Privatsender Channel 4 posierte er unter anderem mit einer Fahne der Terrororganisation des sogenannten Islamischen Staats (IS) in einem Londoner Park, während Spaziergänger kaum Notiz von der Männergruppe nahmen.

Die Sicherheitsbehörden hatten den Briten mit pakistanischen Wurzeln bereits 2015 im Visier, überprüften ihn nach einer Meldung eines besorgten Bekannten abermals im vergangenen Jahr, aber hätten keine Belege gefunden, dass er einen Anschlag plante, teilte der britische Anti-Terror-Chef Mark Rowley nun mit. Daraufhin sei Butt als nachrangig eingestuft worden. Am Samstagabend überfuhr der 27-Jährige gemeinsam mit zwei weiteren radikalen Islamisten mit einem Lieferwagen auf der London Bridge etliche Menschen und attackierten im Anschluss Passanten und Barbesucher im beliebten Ausgehviertel um den Borough Market mit Messern. Mindestens sieben Menschen starben. Dutzende erlitten teils schwere Verletzungen. Polizisten schossen die drei Angreifer nieder. Neben Butt wurden mittlerweile der 30-jährige, marokkanisch-libysche Konditor Rachid Redouane, der laut Berichten eine Tochter mit einer Irin hatte, sowie der 22-jährige Joussef Zaghba, ein Italiener marokkanischer Herkunft, der wie die anderen zuletzt in Ost-London gelebt hatte, identifiziert. Offenbar war nur Butt dem Inlandsgeheimdienst MI5 sowie der Polizei bekannt.

Die Medien auf der Insel zeigten sich gestern schockiert: „Warum haben sie den TV-Dschihadisten nicht gestoppt?“, fragte die „Sun“ neben einem Foto von Khuram Butt, der einem Millionenpublikum bekannt war und am Samstag im Arsenal-Trikot auf Menschen einstach. „Wie zur Hölle konnte er durchs Netz rutschen?“, klagte der „Daily Mirror“. Medien warfen den Sicherheitsbehörden Versagen vor und forderten eine stärkere Überwachung von potentiellen Gefährdern. Die konservative Regierungschefin Theresa May geriet kurz vor der Parlamentswahl weiter unter Druck. Sie verantwortete in ihrer sechsjährigen Amtszeit als Innenministerin sowie seit einem Jahr als Premierministerin in großen Teilen das Thema Sicherheit.

Derweil identifizierten die Behörden immer mehr Opfer. Neben der Kanadierin Christine Archibald, die für ihren Verlobten auf die Insel zog und in seinen Armen starb, wurde auch ein 27-jähriger Franzose sowie die 28-jährige Australierin Kirsty Boden getötet, die im britischen Gesundheitsdienst arbeitete.

Gestern um 11 Uhr Ortszeit gedachte das Land den Opfern mit einer Schweigeminute, Flaggen wehen derzeit auf Halbmast. Und doch reagieren die Briten nicht nur mit Trauer und Trotz auf den schrecklichen Anschlag, sondern auch mit Humor. In den sozialen Netzwerken provozierte etwa eine Schlagzeile der „New York Times“ eine Welle des Zorns, nach der sich die britische Nation nach dem Terroranschlag in London angeblich in einem Zustand des Taumelns und Schwankens befände. Das wiesen die Briten sofort von sich. Das Land sei keineswegs „gebrochen“. Vielmehr brächten sie ganz andere Dinge aus dem Gleichgewicht als eine Terrorattacke. Unter dem Hashtag #ThingsThatLeaveBritainReeling (Dinge, die Briten zum Taumeln bringen) gaben die Nutzer allerlei Vorschläge ab. Etwa, wenn Menschen Scone, die Bezeichnung für ein Gebäck, falsch aussprechen würden. Oder wenn Toaster nicht groß genug seien, damit eine ganze Scheibe Toastbrot hineinpasse – „was soll das?“, fragte ein Mann aus Manchester. Die Britin Sarah bringt dagegen aus der Ruhe, wenn man bei der Vorstellung des Gegenübers dessen Namen nicht verstehe „und dann drei Jahrzehnte damit verbringt, es zu umgehen, ihn mit anderen bekanntzumachen.“ Über angeblich sogenannte „No-go-Zonen“ in London, also Gegenden, die man aus Sicherheitsgründen besser meiden sollte, machte sich das Netz mit englischem Humor ebenfalls lustig. „Die einzige Zeit, in der Borough Market eine No-go-Zone ist, ist im Feierabend an Donnerstagen, wenn man sich kaum bewegen kann, weil die Pubs von Anzugträgern überlaufen sind.“

Auch die Tweets von US-Präsident Donald Trump, in denen er Londons Bürgermeister Sadiq Khan harsch kritisierte, kamen alles andere als gut an. Das muslimische Stadtoberhaupt ist beliebt und fand in den Tagen nach dem Anschlag die richtigen Worte und Gesten. Und wird deshalb in breiter Mehrheit gegenüber Trump verteidigt. Dieser hatte mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat Khan vorgeworfen, die terroristische Bedrohung in der Hauptstadt nicht ernstzunehmen.

Der Bürgermeister hatte nach dem Anschlag zur Besonnenheit aufgerufen und gemeint, es gebe keinen Grund, wegen des erhöhten Polizeiaufgebots in der Stadt in Alarmstimmung zu verfallen.

Auf Trumps ersten verbalen Angriff antwortete Khan nicht. Ein Sprecher ließ ausrichten, der Bürgermeister habe gerade Wichtigeres zu tun. Am Montag legte der US–Präsident nach und beschuldigte Khan, auf seine Kritik mit einer „erbärmlichen Ausrede“ reagiert zu haben. Am gestrigen Dienstag meldete sich dann Sadiq Khan persönlich zu Wort. Er lehnte in einem Interview einen Staatsbesuch von Trump im Königreich als unangemessen ab. Bereits nach der Einladung durch Premierministerin May habe er gesagt, dass Trump nicht der rote Teppich ausgerollt werden dürfe. „Daran hat sich nichts geändert.“ Das Gros der Briten sieht das laut Umfragen im Übrigen ähnlich.

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