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Interview-Reihe: Anton Hofreiter: „Wir mischen die Republik auf“

Zwölf Jahre in der Opposition: Den Grünen reicht es. Sie wollen drittstärkste Kraft im Bund werden und damit Königs- oder Königinmacher. Allerdings sind ihre Umfragewerte bei acht Prozent betoniert. Fraktionschef Anton Hofreiter erzählt im ersten Teil unserer Interviewreihe vor der Bundestagswahl mit Cornelie Barthelme, warum die Wähler am Ende doch auf Weltrettung stehen.
Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Anton Hofreiter, hier bei einem kleinen Parteitag seiner Partei im vergangenen Jahr. Foto: Andreas Gebert (dpa) Der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Anton Hofreiter, hier bei einem kleinen Parteitag seiner Partei im vergangenen Jahr.

Merkel, Schulz, egal mit wem: Hauptsache regieren. Sind die Grünen machtversessen, Herr Hofreiter?

ANTON HOFREITER: Nein, wir sind darauf versessen, Dinge zu verändern. Und zwar, weil uns die Zeit davonläuft – beispielsweise bei der Klimakrise. In der Politik ist ganz wenig alternativlos – aber bei den Naturgesetzen sehr vieles. Mit dem steigenden Meeresspiegel lassen sich keine Kompromissverhandlungen führen. Wir wollen regieren – aber wir treten selbstverständlich nur in eine Regierung ein, die veränderungswillig ist. Das Unverzichtbare steht in unserem Zehn-Punkte-Plan.

Aber vielleicht würde der grüne Wähler gerne vorher wissen, ob er mit seiner Stimme Merkel oder Schulz ins Kanzleramt holt?

HOFREITER: Unser Kurs ist Eigenständigkeit, wir wollen Platz 3 – und abhängig vom Wahlergebnis reden wir mit allen demokratischen Parteien. Die SPD ist uns am nächsten, das wissen unsere Wähler. Aber für Rot-Grün wird es nicht reichen. Dann reden wir auch mit der Union und über Rot-Rot-Grün.

Die SPD ist Schulz, klar, die CDU Merkel und die CSU Seehofer. Aber wer oder was sind die Grünen?

HOFREITER: Die Grünen sind die Partei, die die 20 schmutzigsten Kohlekraftwerke abschalten will, die Rüstungsexporte in Krisenregionen beenden und einen solidarischen Umgang in Europa fordert. Die Leute wissen, dass sie mit uns Veränderung kriegen! Wir haben ein tolles Programm, gute Spitzenkandidaten…

Sie wären ja auch gern einer gewesen. Wann während des Wahlkampfs haben Sie’s ganz schrecklich bedauert, dass es nicht geklappt hat?

HOFREITER: Es war ein Basisvotum – und wir haben die Spitzenkandidaten, die wir jetzt gerade brauchen: Cem Özdemir nimmt unerschrocken und glaubhaft die Auseinandersetzung mit Erdogan auf und setzt sich mit Energie und Sachverstand für Fortschritte bei der Integrationspolitik ein. Katrin Göring-Eckardt hat als Bürgerrechtlerin Erfahrung aus erster Hand im Umgang mit autoritären Regimen. Und beide kümmern sich um Ökothemen – das passt.

Und der eher links denkende Grün-Wähler hat Pech und kann sich bei Sahra Wagenknecht ausweinen?

HOFREITER: Nein! Wenn wir den Zehn-Punkte-Plan umsetzen, werden wir dieses Land modernisieren – wenn Sie so wollen, deutlich nach links schieben. Kinderarmut bekämpfen, Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor, Bürgerversicherung statt Zwei-Klassen-Medizin, keine Asylrechtsverschärfungen, endlich gleiche Bezahlung für Mann und Frau, gerechte Handelspolitik – also bitte!

Katrin Göring-Eckardt hat versprochen, die Republik zu rocken. Und wo, bitte, rockt’s?

HOFREITER: Unsere Veranstaltungen sind krass voll. Wir mussten überall noch Stühle reinschleppen. Und wir mischen die Republik auf: Bei der Autoindustrie scheppert’s, die Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft findet zwischen CDU und uns statt. Wer redet bei den Fluchtursachen davon, dass Deutschland mit seinen hochsubventionierten Exporten afrikanische Kleinbauern in Massen ruiniert? Wir doch! Und wer sagt, dass wir beim Klimaschutz von 2009 bis 2016 null Fortschritt gemacht haben?

Ein Geschenk für die Grünen – wie der Diesel-Skandal. Nur: Wo bleibt Ihr Prozente-Profit?

HOFREITER: Es dauert vier bis acht Wochen, bis ein Thema sich in Prozente verwandelt, sagen die Umfrage-Experten. Das kommt noch.

Sagen die auch, dass den Grünen vielleicht ein paar mehr knackig und klar redende Toni Hofreiters fehlen?

HOFREITER: Unsere Spitzenkandidaten sprechen sehr klar und knackig: Die Manager der Autoindustrie haben drei Gruppen von Leuten betrogen – und die Bundesregierung hat ihnen dabei geholfen. Sie haben Kunden schmutzige Autos verkauft – und wussten das. Sie haben die Leute in den Städten betrogen; das ist krass – da sterben Leute früher. Und sie haben ihre Arbeitnehmer betrogen und bringen ihre Arbeitsplätze in Gefahr.

Außer den Dieseln interessiert viele Wähler das Geld. Sie wollen die Vermögenssteuer für „Superreiche“ – drücken sich aber um eine konkrete Zahl.

HOFREITER: Konkret wird man am besten, wenn man das Finanzministerium hat. Superreiche sind für uns die, die mehrere Millionen haben.

Bei anderen Themen sind Sie klarer – haben Sie bei Steuern ein Trauma, weil sich 2013 jeder ausrechnen konnte, was er verliert, wenn er grün wählt?

HOFREITER: Vor vier Jahren war unser Steuerkonzept sehr kompliziert. Und es wurde von vielen falsch dargestellt. Da wurde vom politischen Gegner einiges an Unwahrheiten gebracht. Das hat viele potenzielle Wähler verunsichert.

Und diesmal wollen Sie sich’s vorab auch nicht mit der Union verscherzen?

HOFREITER: Wir haben klare grüne Ziele. Darauf richtet sich unser Programm aus, nicht auf die Präferenzen anderer Parteien.

Gibt aber beispielsweise Horst Seehofer die Chance, die Grünen weiter als missionarische Weltretter hinzustellen, die von konkreter Politik keine Ahnung haben.

HOFREITER: Ich glaube, dass uns die Leute wählen, weil wir die Welt retten wollen. Wenn wir die Klimakrise nicht in den Griff kriegen, dann werden wir unsere Lebensgrundlagen zerstören. Daher: Ja, wir haben den Weltretteranspruch – auch wenn das sehr pathetisch klingt. Und wenn ich mir das Regierungshandeln der CSU-Minister Schmidt und Dobrindt anschaue, zeigt sich ja ziemlich klar, wem die Bewahrung unserer Lebensgrundlagen praktisch wurscht ist.

Haben Sie das schon geahnt, als sie 2013 nicht mit der Union koalieren wollten, obwohl sogar Herr Seehofer, wie er sagt, bereit gewesen wäre?

HOFREITER: So war’s halt nicht. Die Union hat uns lediglich beim Fracking und bei der Gentechnik ein paar Zugeständnisse angeboten – null aber bei der Landwirtschaft, bei der Mobilität und beim Klimaschutz. Das war einfach dreist. Und das ging nicht.

Und diesmal geht’s?

HOFREITER: Wenn sie uns wieder nichts anbieten, gehen wir in die Opposition. Wenn doch – kann’s auch klappen.

Zur Not mit der FDP?

HOFREITER: Das macht’s noch komplizierter. Die FDP hat krudeste Vorstellungen zum Thema Klimawandel. Aber wie schon gesagt: Reden sollte für demokratische Parteien eine Selbstverständlichkeit sein.

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