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Experten gehen davon aus, dass die Automatisierung an Grenzen stößt: Arbeitsplätze: Mensch besteht neben Roboter

Die Digitalisierung verändert rasant unsere Gesellschaft und all ihre Lebensbereiche. In einer Serie fragen wir, was die Zukunft bringt. Heute geht es darum, was die digitale Revolution für den Arbeitsmarkt bedeutet. Sind wirklich so viele Arbeitsplätze in Gefahr wie befürchtet? Viele Experten sehen die Zukunft nicht so düster.
Eine Mitarbeiterin im Volkswagen-Werk Salzgitter überwacht, wie ein Roboter Glühstiftkerzen greift, die in Motoren zum Einsatz kommen. Bilder > Foto: Thomas Gasparini/VW (Volkswagen) Eine Mitarbeiterin im Volkswagen-Werk Salzgitter überwacht, wie ein Roboter Glühstiftkerzen greift, die in Motoren zum Einsatz kommen.
Frankfurt. 

Viele Studien sagen voraus, dass die Digitalisierung der Industrie, hierzulande als Industrie 4.0 bekannt, deutlich mehr Arbeitsplätze kosten wird als neue bringen. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Untersuchung des Weltwirtschaftsforums in Davos prognostizierte beispielsweise einen Abbau von etwa fünf Millionen Jobs in den 15 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern bis Ende 2020. Doch viele Experten stellen dies infrage.

So mahnt Professor Detlef Zühlke, Forschungsbereichsleiter am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern: „Wir müssen nicht alles vernetzen, wenn der gleiche Mehrwert auch mit einfachen Mitteln zu erreichen ist.“ Zühlke erinnert an den Hype der späten 1980er Jahre: „Schon damals wurde die vollautomatische Fabrik ausgerufen. In den 1990er Jahren kam dann der Katzenjammer: die Technologien erwiesen sich als zu unreif, die Realisierungskosten als zu hoch, die Komplexität als nicht mehr beherrschbar. Sicherlich sind wir heute technisch weiter, die Probleme aber bleiben.“

Professor Pfeiffer
„Facharbeiter sind nicht einfach zu ersetzen“

Zwei Studien werden immer wieder für das Fortschreiten der Automatisierung zitiert: Erstens die der Oxford-Professoren Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne.

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Auch in der Praxis zeigt sich in bestimmten Bereichen der Industrieproduktion ein Umdenken. Die Grenzen der Automatisierung werden immer offensichtlicher. Bei den Autobauern Toyota und Daimler wird die Automatisierung heruntergefahren, und der Mensch steht wieder im Zentrum des Arbeitsprozesses. Zwei Gründe dafür: Den Firmen fehlt die Kreativität und Innovationskraft, die aus menschlicher Arbeit hervorgehen. Außerdem müssen viele Unternehmen oft schnell und flexibel auf Trends und Kundenwünsche reagieren.

Chance für Beschäftigte

Markus Schäfer, der die weltweite Produktion und Logistik bei Mercedes-Benz Cars verantwortet, sagt: „Wir haben erkannt, dass die Vollautomatisierung an ihre Grenzen stößt. Deshalb fahren wir den Automatisierungsgrad zurück, gewinnen deutlich an Flexibilität und können somit die Wünsche unserer Kunden noch individueller umsetzen.“ Sollen also plötzlich wieder Menschen Roboter ersetzen?

Nein, Daimler setzt weiterhin auf die Kraft und Ausdauer der Roboter, aber „unter der Federführung des Menschen“. Es gehe Daimler um eine Kooperation von Mensch und Maschine. „So lässt sich die kognitive Überlegenheit und Flexibilität des Menschen optimal mit der Kraft und Ausdauer der Roboter verbinden“, sagt Schäfer.

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Darin liegen auch die Chancen für die Beschäftigten: Einerseits können durch Digitalisierung und den Einsatz von Robotern körperlich belastende Tätigkeiten künftig entfallen, auf der anderen Seite kommt dem Menschen in der Industrie der Zukunft eine eher steuernde und überwachende Funktion zu. Damit werden die Jobs interessanter und qualifizierter, und es bieten sich neue Möglichkeiten für altersgerechtes Arbeiten.

Bei Toyota in Japan ist dieser Prozess schon länger im Gange. Schon 2014 erklärte der technischer Direktor, Mitsuru Kawai, in einer Rede vor Angestellten von Toyota, dass der Konzern 100 Arbeitsbereiche schaffen wolle, in denen Roboter durch Menschen ersetzt werden. Wie konnte so etwas sein im technikverliebten Japan?

„Wir müssen solider werden und uns auf die Ursprünge besinnen, wir müssen unsere manuellen Fähigkeiten verbessern und weiter- entwickeln und uns dabei nicht von Maschinen abhängig machen“, sagte Mitsuru Kawai jetzt und erzählte aus seiner Lehrlingszeit, in der erfahrene Meister „Götter“ genannt wurden. Diese „Götter“, auf Japanisch Kami-Sama, erleben derzeit bei Toyota ein Comeback. Denn langfristig führt die „Erledigung“ der Arbeit durch Roboter zu einem Verlust von Handwerkern und Meistern, die den Produktionsprozess verstehen.

Der Hintergrund ist eine einfache Wahrheit: Menschen sind kreativ und schaffen Innovationen, Maschinen nicht. Die Führung des japanischen Konzerns hatte nach Kawais Worten erkannt, dass zu früheren Zeiten viele Innovationen aus der Arbeiterschaft kamen, also von Menschen, die tagtäglichen mit den Dingen beschäftigt waren. Mit den menschenleeren Roboterfabriken versiegte diese wichtige Quelle der Produktentwicklung.

Skepsis bei Kunden

Nicht nur beim Maschinen- und Autobau sagen Studien einen Abbau von Stellen voraus. Kassierer, Krankenpfleger, Taxifahrer, Schiedsrichter, Packarbeiter, Finanzanalysten, Steuerberater, Ärzte, Übersetzer und sogar Journalisten – die Liste der durch Maschinen, Roboter und Computer ersetzbaren Jobs ist lang. Doch wird der Kunde Dienstleistungsroboter für die Pflege, Selbstbedienungs-Kassen im Supermarkt, von Algorithmen geschriebene Texte für die Zeitung und maschinengenerierte, medizinische Diagnosen auch wirklich akzeptieren?

„In vielen Bereichen wie etwa in der Medizin oder in Supermärkten und Geschäften wäre heute schon deutlich mehr Automatisierung möglich“, sagt der Soziologe Uli Meyer von der TU München. Er fügte hinzu: „Allerdings wird diese schlicht nicht akzeptiert. Viele Menschen wollen einen Arzt aus Fleisch und Blut und keine Maschine, selbst wenn diese ähnlich gute oder gar bessere Diagnosen stellen würde.“

Häufig wird die Automatisierung im Dienstleistungsgewerbe auch als zusätzliche Arbeit empfunden. Etwa beim Bedienen technischer Geräte. Bereits vor 20 Jahren wurde zum Beispiel der Siegeszug des Selbsteinscannens von Waren und Bezahlens ohne Kassierer angekündigt. Stattgefunden hat er in Deutschland nicht.

Das Kölner Handelsforschungsinstitut EHI zählt 150 Märkte mit rund 620 Selbstscanner-Kassen im klassischen Lebensmitteleinzelhandel. Das ist nicht viel in Relation zu den fast 200 000 herkömmlichen Kassen.

Ein Nutzer schrieb im Internet auf der Seite „shopblogger“: „Bei uns hat ein Edeka vor ca. 2 Monaten eingeführt, dass es in den Abendstunden NUR noch Selbstscanner-Kassen gibt. Als ich das sah, habe ich den Laden das letzte Mal betreten. Ich arbeite nach meinem Job doch nicht noch unentgeltlich im Supermarkt mit.“

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