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Landgestüt Dillenburg: Auf Tierschutz herumgeritten

Von Die Hengste im Landgestüt Dillenburg haben nicht genügend Auslauf, so die Kritik. Doch möglicherweise geht es bei der beabsichtigen Schließung gar nicht vorrangig um den Tierschutz.
Bei solchen „Hengstseminaren“ versuchte eine Teilnehmerin in einer Reithalle des Dillenburger Landgestüts (Hessen) an Hengst „Nobel“ heranzutreten, um ihn danach zu führen. Foto: Christoph Schmidt (dpa) Bei solchen „Hengstseminaren“ versuchte eine Teilnehmerin in einer Reithalle des Dillenburger Landgestüts (Hessen) an Hengst „Nobel“ heranzutreten, um ihn danach zu führen.
Frankfurt/Dillenburg. 

Oliver Vitt unternimmt gerne Radtouren. Manche dürfen auch einmal etwas länger sein. So machte sich der 43-Jährige aus Kirberg, einem Ortsteil der Gemeinde Hünfelden im Kreis Limburg-Weilburg, auf zu einer Besichtigungstour nach Dillenburg. Von der Oranierstadt zeigte sich Vitt angetan. Und auch vom hessischen Landesgestüt war der Chemiker ganz begeistert.

Als er aus dieser Zeitung erfuhr, dass das Umweltministerium das Gestüt unter anderem aus Tierschutzgründen schließen wollte, sagte sich Vitt: „Das darf nicht sein. Die Tierschützer sollten sich zum Beispiel lieber einmal um die Zustände in Schweinemastbetrieben kümmern!“ Vielleicht geht der Wunsch des 43-Jährigen auch in Erfüllung, und es kommt doch nicht zur Schließung des Landesgestüts.

Die Stadt Dillenburg, die sich verständlicherweise für den Erhalt des Gestüts stark macht, hat Gutachter mit ins Boot geholt, die in ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis kommen, dass Verbesserungen in der Pferdehaltung relativ leicht umzusetzen seien. Es sei problemlos, neue Auslaufflächen für die Tiere zu schaffen. „Schon jetzt erhielten die Pferde täglich ausreichend Bewegung, etwa beim Training“, sagte die Sachverständige für Pferdehaltung, Christiane Müller. Das Angebot für freie Bewegungsmöglichkeiten für die Tiere müsse aber weiter verbessert werden, um auf dem „guten Weg“ zu bleiben. Bereits heute erfülle das Gestüt eine Vorbildfunktion, die Tiere seien in einem sehr guten Zustand und das Management arbeite auf hohem Niveau.

Das findet auch Kendra Kratz. Die Obernhainerin ist Vorsitzende des Reitvereins im Usinger Stadtteil Merzhausen und sitzt seit ihrem sechsten Lebensjahr im Sattel. Auch im Dillenburger Landesgestüt ist sie oft, besucht regelmäßig Reitlehrgänge. Kritik an der Tierhaltung in dem Gestüt will sie nicht ohne weiteres gelten lassen. „Klar, es gibt keine Koppeln für die Tiere. Aber wo werden Pferde schon viermal am Tag intensiv bewegt? Das gilt auch für die Hengste. Ich habe das jedenfalls noch nicht erlebt“, sagt die 44-Jährige.

Für Kendra Kratz geht es bei der möglichen Schließung des Gestüts nicht vorrangig um Tierschutz, auf dem herumgeritten wurde, sondern „um Geld“, Sie macht darauf aufmerksam, dass auch andere staatliche Einrichtungen defizitär wirtschaften.

Ein Exempel statuiert?

Mit der möglichen Schließung des Gestüts soll nach Meinung von Doris Gleichmann (52) „ein Exempel“ statuiert werden. Die Neu-Anspacher Reitlehrerin hat den Trainerschein B absolviert und gibt den Verantwortlichen den Tipp, sich einmal in anderen Landesverbänden umzusehen, wie es dort um die Haltung der Tiere bestellt sei. Dabei macht Gleichmann auf ein bayerisches Landesgestüt im fränkischen Ansbach aufmerksam. Dort würden die Pferde nur in den Boxen stehen.

Gleichmann würde es weiter außerordentlich bedauern, wenn nach einer Schließung des Gestüts auch die „herausragende Reitschule“ dieser hessischen Institution ihre Pforten schließen müsste. Sie habe dort einen ihrer Trainerscheine gemacht und sei damals sehr angetan von den sehr guten Ausbildern des Gestüts gewesen.

Das mögliche Ende des Landesgestüts schlägt auch in hessischen Ministerien hohe Wellen. Obwohl seitens der Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) Anfang Juli das Ende des Traditionsgestüts verkündet wurde, ruderte ihr grüner Parteikollege, Wirtschaftsminister Tarek al-Wazir, vor wenigen Tagen in einem Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk zurück. Für ihn sei das letzte Wort in diesem Fall noch nicht gesprochen, wenn bestimmte Auflagen erfüllt seien.

Online-Petition für Erhalt

Mit diesen innerministeriellen Dissonanzen konfrontierte diese Zeitung das Umweltministerium. „Minister al-Wazir wurde im hr-Sommerinterview unvorbereitet auf einen Sachverhalt angesprochen, der originär nicht in seinem Ressort verortet ist“, so Mischa Brüssel de Laskay, Sprecher des Umweltministeriums. Al-Wazir habe dabei aber „nichts anderes gesagt“ als vor ihm bereits „meine Ministerin Hinz“. Nämlich, dass das Angebot an die Stadt Dillenburg zu weiteren Gesprächen bestehe.

Vor diesem Hintergrund scheint die Schließung des Landesgestüts durchaus noch offen zu sein. Unterdessen wird für die Erhaltung des Gestüts auch kräftig getrommelt: Eine Online-Petition hat bereits 60 000 Stimmen dafür gesammelt. Das dürfte auch Oliver Vitt freuen.

Die Dillenburger Pferdezucht

Bereits unter Wilhelm dem Reichen bestand in Dillenburg eine Pferdezucht. Sie wurde im 16. Jahrhundert von Moritz von Oranien gefördert und ausgebaut.

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