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Arme Vororte der französischen Hauptstadt: Banlieue: Vergessen am Rande von Paris

Nirgendwo ist bei französischen Präsidentschaftswahlen die Enthaltungsquote so hoch wie in den Banlieues, den Vororten der Metropolen. Die Menschen dort haben wenig Hoffnung in die Politik, sie bleiben ausgeschlossen. Ihre Probleme spielen im Wahlkampf kaum eine Rolle.
Brennende Autos., wütende Jugendliche und harte Polizisten: In den Pariser Banlieues gibt es immer wieder nächtliche Proteste. Foto: imago stock&people (imago stock&people) Brennende Autos., wütende Jugendliche und harte Polizisten: In den Pariser Banlieues gibt es immer wieder nächtliche Proteste.
Bobigny. 

Am Ortseingang von Bobigny sticht das Wahlkampfplakat einer Partei hervor: das der trotzkistischen Arbeiterbewegung Lutte Ouvrière mit ihrer Präsidentschaftskandidatin Nathalie Arthaud. Diese verspricht, für alle Abgehängten und für mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen, und erhofft sich Wählerstimmen in dem Vorort im Nordosten von Paris – und das wohl zu Recht.

Bobigny liegt im Département (Bezirk) Seine-Saint-Denis – dem ärmsten in Frankreich, das berüchtigt für seine sozialen Brennpunkte ist. Wo die Arbeitslosenquote bis zu 25 Prozent erreicht und die der Jugendlichen sogar doppelt so viel. Wo die Zahl der Menschen, die unter der Armutsschwelle leben, überdurchschnittlich hoch ist und die große Mehrheit einen Einwanderungshintergrund hat – aber einen französischen Pass und damit das Stimmrecht. Doch nirgendwo ist die Enthaltungsquote so hoch wie dort.

An der Präsidentschaftswahl 2012 beteiligten sich nur gut zwei Drittel der Berechtigten, landesweit waren es 80 Prozent. Bei den Regionalwahlen vor zwei Jahren machte nur einer von vieren sein Kreuz. Auch Klassenkämpferin Nathalie Arthaud dürfte daran bei der Präsidentenwahl am kommenden Sonntag wenig ändern. Die Menschen in Bobigny haben resigniert.

„Nichts bewirkt“

„Warum sollte ich wählen? Es ändert ja eh nichts“, seufzt die 24-jährige Leila, die ihre Tochter im Kinderwagen durch den Wochenmarkt am Fuße der Wohnblöcke schiebt. Dort sind Pullis und T-Shirts ab drei Euro zu haben, allerlei Haushaltswaren oder Strumpfhosen. „Jedenfalls habe ich noch keinen gesehen, der etwas bewirkt hätte“, sagt Leila.

Vor fünf Jahren, ja, da sei das anders gewesen. „Ich habe für François Hollande gestimmt, wie alle hier“, sagt die junge Frau, die für ihre Arbeit als Kellnerin nach Paris pendelt. Tatsächlich erhielt der Sozialist Hollande damals in Bobigny einen Spitzenwert von 76,7 Prozent in der Stichwahl gegen den amtierenden konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. „Hollande hat einen Aufschwung der Wirtschaft und neue Arbeitsplätze versprochen“, so Leila. „Aber darauf warten wir immer noch.“

Mehr Jobs, mehr Kaufkraft, ein besseres Leben, aber auch mehr Anerkennung, das wünschen sich viele Menschen in den sozial benachteiligten Vorstädten Frankreichs, den Banlieues. Hochhaustürme, die in den Himmel ragen, prägen sie. Und immer wieder gibt es Ausbrüche von Gewalt.

Immer wieder Gewalt

Hohe Wellen schlug die brutale Misshandlung eines jungen Schwarzen durch Polizisten bei einer Personenkontrolle im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois Anfang Februar. Der gedemütigte Théo L. wurde zum Symbol für Polizeigewalt und Rassismus, gegen die Tausende Menschen demonstrierten; die größte Kundgebung fand in Bobigny statt. Doch den friedlichen Protest störten gewalttätige Krawallmacher, welche die Polizei mit Steinen bewarfen.

Präsident Hollande besuchte den jungen Mann im Krankenhaus, zeigte Betroffenheit und Mitgefühl. Die Regierung wollte verhindern, dass die Lage eskaliert, wie in den Herbstmonaten 2005 und 2007. Damals lieferten sich junge, aufgebrachte Banlieue-Bewohner wochenlang gewaltsame Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy kündigte an, er werde die Vorstädten „mit dem Hochdruckreiniger vom Gesindel reinigen“.

Für kurze Zeit gerieten die tristen Zustände an den Rändern der Metropolen ins Schlaglicht. Der Staat lancierte zwar Renovierungs- und Integrationsprojekte, aber die Probleme blieben.

Im aktuellen Wahlkampf spielen diese nur eine untergeordnete Rolle, anders als in den früheren Kampagnen, als Sarkozy Recht und Ordnung versprach und Hollande eine Beruhigung der Gemüter. Heute geht es, wenn überhaupt, meist um den Sicherheitsaspekt. Fast alle Kandidaten, vom Konservativen François Fillon über die Rechtspopulistin Marine Le Pen bis zum Sozialliberalen Emmanuel Macron, versprechen die Schaffung Tausender neuer Polizisten- und Gendarmenstellen.

Macron will in sozial benachteiligten Orten die Zahl der Grundschüler pro Klasse halbieren, um sie besser zu fördern. Der sozialistische Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon verspricht, mit systematischen Kontrollen gegen Diskriminierung bei der Job- oder Wohnungsvergabe vorzugehen. Die Entwicklung „sozialer Ghettos“ gehe einher mit dem Aufkommen von religiösem Fundamentalismus, warnt er. Junge Männer in den Vororten gelten als besonders empfänglich für die Botschaften extremistischer Organisationen; von den Tausenden Franzosen, die sich inzwischen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ anschlossen, stammen die meisten aus den Banlieues.

Der frühere Premierminister und Bürgermeister der Vorstadt Évry Manuel Valls, der Hamon bei den Vorwahlen der Sozialisten unterlag, sprach sogar von einer „sozialen und gebietsabhängigen Apartheid“ im Land – einer Chancenungleichheit, die am Wohnort beginnt. Denn wer in einer verrufenen Banlieue aufwächst, startet benachteiligt ins Leben: Die guten Schulen, ein Studium an der Uni oder eine Ausbildung scheinen unerreichbar. Viele Jugendliche rutschen in Kleinkriminalität ab; der Drogenhandel floriert.

Dealen am Hauseingang

„Unten an meinem Hauseingang hängen sie rum und dealen“, klagt die 59-jährige Kheira Hamzoui aus Bobigny. „Ständig ist die Polizei da. Ich habe Angst vor der Gewalt.“ Wählen kann sie nicht, da sie zwar vor 35 Jahren von Algerien nach Frankreich kam, aber nicht die Staatsbürgerschaft besitzt. Am besten gefällt ihr von allen Kandidaten Macron, der 39-jährige frühere Wirtschaftsminister, der die üblichen Gräben zwischen Links und Rechts überwinden will. „Ich bin für die Jugend, die soll es besser machen“, sagt sie.

Glaubt sie an eine schönere Zukunft auch für ihre Stadt? Kheira Hamzoui zuckt die Schultern. Dann geht sie weiter.

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