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Letzte Rede des scheidenden US-Präsidenten: Barack Obama und die Magie, die Angela Merkel fehlt

Von Zum Abschied hält der scheidende US-Präsident eine letzte Rede an die Nation, selbst wenn sie anders heißt. Ganz nebenbei ist dabei zu hören und zu sehen, was hierzulande fehlt.
Barack Obama bei seiner Abschiedsrede als US-Präsident Foto: zumapress (Chicago Tribune) Barack Obama bei seiner Abschiedsrede als US-Präsident
Chicago/Berlin. 

Niemand weiß, ob Angela Merkel weinen kann. Niemand hat sie weinen sehen, seit sie auf der politischen Bühne erschien. Helmut Kohl zeigte sich schon eher gerührt, nie aber zu Tränen – und bei Gerhard Schröder schummelten sich erst ein paar über die Lidkanten, als ihm die Bundeswehr den Zapfenstreich blies. Barack Obama aber, der mächtigste Mann der Welt, hat die Tränen nicht erst bei seiner Rede zum Ende seiner Präsidentschaft fließen lassen; und, was ebenso wichtig ist, auch nicht wegen seines Abschieds.

„Revolutionär“ nannte John Blake, Journalist beim TV-Sender CNN, Obamas Tränen, die der Präsident auch schon vor genau einem Jahr nicht beherrschen konnte, als er zum wiederholten Mal eine radikale Verschärfung der Waffengesetze einforderte, die der Kongress nun bis zum Ende seiner Amtszeit verhindert hat. Obama erinnerte an die 26 Opfer des Amokschützen an der Sandy Hook Elementary School in Connecticut – und dann weinte er. Öffentlich.

Am Dienstagabend zitterte seine Stimme wieder, als er seiner Frau Michelle dankte. Und dann zog er sein Taschentuch. Falls Angela Merkel, die ja als sein Gegenpart gilt, als mächtigste Frau der Welt, eines in der Handtasche hat – dann zeigt sie es nie. Und niemals auch würde sie zu 20 000 Menschen und letztlich zur ganzen Republik sagen: „Ihr habt dafür gesorgt, dass ich ehrlich geblieben bin, habt mich inspiriert und mir Kraft gegeben.“ Nicht bloß deshalb, weil es mit ziemlicher Sicherheit nicht wahr wäre. Sondern vor allem, weil nicht allein von ihr eine solche – nüchtern analysiert nicht übergroße – Portion Gefühl als Überschwang empfunden würde. Und als unpassend dazu.

Reden ohne Pathos

Dabei gleichen sich die politischen Szenarien in den USA und in Deutschland zu Beginn des Jahres 2017 durchaus. Die Spaltung, die Obama beklagt, trennt auch hier die Gesellschaft; anders als in den USA allerdings nicht in zwei nahezu identisch große Teile. Und „Demokratie ist dann gefährdet, wenn wir sie als selbstverständlich betrachten“, könnte ebenso gut wie Obama die Kanzlerin in einer Rede an die Nation sagen. Indes: Sie hält keine.

Das liegt daran, dass ihre engsten Zuarbeiter von diesem Format überhaupt nichts halten; und das wiederum am nachgewiesen begrenzten Rede-Talent der Kanzlerin. Aber wohl nicht nur. Selbst wenn Merkel eine Meisterin der Rhetorik wäre und emotional eher hoch temperiert statt extrem niedrig: Mit einem Satz über den „gemeinsamen Titel“, der alle ununterscheidbar mache, nämlich „Bürger“, käme sie hierzulande umgehend unter Pathos-Verdacht – auch wenn John F. Kennedy mit seinem ähnlich intonierten „Isch bin ein Bealina“ einen ewigen Herzensplatz mindestens bei den Hauptstädtern hat.

Wenn die große politische Rede in Deutschland einigermaßen heruntergekommen ist, dann hat Merkel daran ihren Anteil; schuld ist sie nicht. Sie vermag klar zur Sache zu sprechen – aber kein bisschen zu den Menschen. Einer der das beherrscht wie Obama – ist Joachim Gauck. Wie der Noch-US-Präsident kann auch der scheidende Herr von Schloss Bellevue die besten Seiten der Bürger zum Funkeln bringen. Und zugleich ihr klügster und wissendster Mahner sein.

Gauck als Ausnahme

Was die Kanzlerin, eingeklemmt zwischen ihrem Anspruch an die Humanität der Republik und dem teils wütenden Protest gegen die Zahl der Flüchtlinge, nicht hinbekam, schaffte Gauck in einem Satz. „Begrenzung“ sagte er, ebenfalls vor einem Jahr, sei „nicht per se unethisch.“ Die Wirkung? Null. Auch, weil Gauck nicht regiert, sondern repräsentiert.

Mehr noch indes, weil sich nach 1945 die Deutschen durch großes Reden verführt fühlten – und ihm seitdem misstrauen. So bedingt das Nicht-Zuhören das Nicht-Sprechen und umgekehrt. Und die Jüngeren konsumieren ohnehin längst lieber Posts und Tweets im Zuspitz-Format.

In den USA ist das gleichzeitig nicht und ganz anders. Mit Obamas ersten Tränen beschäftigten sich Politologen und Historiker und diskutierten, ob sie einen geschichtsträchtigen Moment markierten oder nicht. Man muss sich Reden, über die eine ganze Republik sich Gedanken macht, nicht wünschen. Aber man darf.

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