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Engpass bei Unterricht: Bildung: Studie warnt vor Lehrermangel

Einen massiven Lehrermangel an Grundschulen sagt die Bertelsmann-Stiftung voraus – und fordert die Bundesländer zum Handeln auf. Hessen tue schon alles, was möglich sei, kontert das Kultusministerium. In Frankfurt ist das Schulamt mit Prognosen vorsichtig.
Unterricht an der Liebfrauen-Schule in Frankfurt. Foto: Alexander Paul Englert Unterricht an der Liebfrauen-Schule in Frankfurt.
Frankfurt. 

Schon jetzt gibt es an vielen Grundschulen zu wenige Lehrer – und das Problem wird größer: Die Schülerzahl steigt, Ganztagsangebote erfordern mehr Personal und Tausende von Pensionierungen stehen an. Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte am Mittwoch Prognosen, wonach bis zum Jahr 2025 bundesweit etwa 35 000 Lehrkräfte für die ersten bis vierten Klassen fehlen könnten – und nannte ihre Veröffentlichung: „Lehrkräfte dringend gesucht“.

Zahlen für die einzelnen Bundesländer veröffentlichten die Autoren der Studie nicht, ihre Prognosen beruhen auf Angaben des statistischen Bundesamts und eigenen Berechnungen. Das hessische Kultusministerium arbeite zwar mit eigenen Prognosen zu Schüler- und Lehrerzahlen, wolle diese aber nicht veröffentlichen, sagte dessen Vize-Sprecher Philipp Bender.

Dennoch zweifeln weder das Ministerium noch die Oppositionsparteien SPD und die Linke an, dass mehr Lehrer in den rund 1100 hessischen Grundschulen gebraucht werden. Doch die Schlüsse, die sie ziehen, sind unterschiedlich.

Kurzfristige Lösungen

Das Kultusministerium verweist auf bereits eingeleitete Projekte wie mehr Studienplätze und den Aufruf an Pensionäre, weiter zu arbeiten, und ist „optimistisch, dass die Maßnahmen ausreichen“, wie Bender sagte. Die Opposition wirft der schwarz-grünen Koalition vor, sie habe viel zu spät auf Prognosen von wachsenden Schülerzahlen reagiert und schöpfe jetzt nicht alle Möglichkeiten aus. „Das Kultusministerium muss vor allem die Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte in den Grundschulen verbessern“, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD, Christoph Degen, dieser Zeitung und verwies auf „ständige Überlastungsanzeigen“ der Schulen.

Nach Bertelsmann-Berechnungen müssen bundesweit bis 2025 knapp 105 000 neue Lehrer in Grundschulen eingestellt werden. Die Universitäten könnten bis dahin aber nur 70 000 ausbilden. Deshalb empfehlen die Autoren Klaus Klemm und Dirk Zorn kurzfristige Lösungen: Teilzeitkräfte, laut Bertelsmann fast 40 Prozent, dazu animieren, ihre Stundenzahl aufzustocken. Dazu müsse eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf geboten werden. Zudem könnten vor der Pensionierung stehende und bereits pensionierte Lehrer geworben werden. Und drittens schlagen die Autoren vor, Seiteneinsteigern ohne Grundschulstudium eine Chance zu geben, dabei aber auf „Qualitätsstandards und Qualifikation“ zu achten.

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Genervt reagierte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) als Vize-Präsident der Kultusministerkonferenz auf die Ratschläge: Alle 16 Bundesländer seien sich der Lage bewusst und ergriffen bereits landesspezifische Maßnahmen, teilte er mit und betonte: „Hierfür bedarf es keines ,Weckrufs‘ der Bertelsmann-Stiftung.“ Die stark steigenden Schülerzahlen führt Lorz auf „die Folgen steigender Geburtenzahlen und vor allem der Zuwanderung“ zurück. Die Bertelsmann-Stiftung verweist zudem auf den Ausbau der Ganztagsschulen.

„Auf heißen Stein“

Ministeriums-Sprecher Bender hält die Vorschläge für „teilweise unrealistisch“. So sei es „sehr schwer, Teilzeitkräfte vom Aufstocken zu überzeugen“. Auch um Pensionäre bemüht sich das Land. Laut Antwort auf eine SPD-Anfrage kamen 2017 genau 42 Pensionäre mit Grund- oder Förderschullehramt teilweise zurück, 101 verlängerten ihre Dienstzeit. Das habe „gut funktioniert“ sagte Bender. SPD-Mann Degen hingegen spricht von einem „Tropfen auf dem heißen Stein“.

Degen kritisiert zudem, die Quereinsteiger, die auch in Hessen vor allem auf Vertretungsstellen arbeiten, würden „in Hessen nicht qualifiziert“. Bender wies darauf hin, dass Hessen versuche, zumindest bei den Planstellen weitgehend auf Quereinsteiger zu verzichten. Mittelfristig setzt Hessen auf mehr Studienplätze: Diese seien für das laufende Semester um 315 erhöht worden, weitere knapp 100 Plätze seien in Planung, sagte Bender.

Eher in der Gegenwart bewegt sich der Leiter des Staatlichen Schulamts in Frankfurt. Zum 1. Februar sei es dem Amt gelungen, sicherzustellen, dass alle knapp 80 Frankfurter Grundschulen „ihre Stundentafeln abdecken können“, sagte Wolfgang Kreher. Zudem ständen bei kurzfristig Ausfällen Vertretungen bereit. Er rechne damit, dass dies auch für das kommende Schuljahr gelingen werde. Weiter in die Zukunft zu schauen, wie es die Bertelsmann-Studie tut, sei sehr schwierig.

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