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Interview: Biograf Jürgen Neffe: "Marx hatte recht – oder nicht"

Die Lehren von Karl Marx stehen in den Krisenzeiten des Kapitalismus wieder vermehrt im Fokus. Mit dem Marx-Biografen Jürgen Neffe sprach Dieter Hintermeier über die Aktualität der Marx’schen Theorie und den Untergang des kapitalistischen Wirtschaftssystems.
Karl Marx hat Spinnweben angesetzt? Der 200. Geburtstag des Philosophen am 5. Mai diesen Jahres (hier der Kopf auf seinem Grab in London) ist häufig Anlass, sich wieder mit seinen Schriften auseinanderzusetzen. Vieles davon ist hoch aktuell, findet Jürgen Neffe, Marx’ Biograf. Foto: Christoph Driessen (dpa) Karl Marx hat Spinnweben angesetzt? Der 200. Geburtstag des Philosophen am 5. Mai diesen Jahres (hier der Kopf auf seinem Grab in London) ist häufig Anlass, sich wieder mit seinen Schriften auseinanderzusetzen. Vieles davon ist hoch aktuell, findet Jürgen Neffe, Marx’ Biograf.

In diesem Jahr steht der 200. Geburtstag von Karl Marx an. Was macht den großen Kapitalismuskritiker heute wieder populär?

JÜRGEN NEFFE: Der globalisierte Kapitalismus ist heute so, wie ihn Marx vor 150 Jahren an die Wand gemalt hat. Seine visionären Schriften – vom Früh- bis zum Spätwerk, von Entfremdung bis zum Warenfetisch – lassen ihn wie einen Propheten erscheinen – etwas, was er aber nie sein wollte.

Was wollte Marx?

NEFFE: Vielmehr basiert seine Theorie mit ihrer Vorhersagekraft auf seinen tiefgehenden philosophischen Analysen, zum Beispiel des Doppelcharakters der Arbeit, die immer zugleich einen Gebrauchs- und einen Tauschwert schafft, die nicht aufeinander beziehbar sind. Von Marx stammt auch die immer noch aktuelle Unterscheidung zwischen Wert haben und Wert sein: Geld etwa hat keinen Wert aber ist etwas wert (soviel wie draufsteht), Luft hat einen unersetzlichen Wert (für das Überleben), ist aber nichts wert in dem Sinn, dass ich sie gegen nichts eintauschen kann.

Und was ist mit dem Wert der Arbeit?

NEFFE: Arbeit, so Marx, ist die einzige Quelle von Wert, und wenn wir nun im Zuge der Industrie 4.0 mit Big Data und Robotern daran gehen, sie nach und nach abzuschaffen, dann müssen wir das ganze System neu denken, um es zu retten – etwa mit Maschinensteuer oder Grundeinkommen. All das kommt in der Marxschen Gedankenwelt direkt oder indirekt vor – ebenso wie die höchst aktuelle Frage, ob wir leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben.

Gibt es denn heute noch politische Bewegungen, die sich auf Marx berufen?

NEFFE: Ja natürlich. Alle „linken“ Bewegungen gehen ursprünglich auf Marx zurück. Dass sich ausgerechnet die SPD von ihm distanziert hat, 1959 im Godesberger Programm, was aber auch den Zeitumständen mit zwei deutschen Staaten geschuldet war, könnte ihr jetzt zum Nachteil gereichen. Jedenfalls haben „radikalere“ Linke, die sich nicht in der Form von Marx und seinen Gedanken distanzieren, ich denke an Leute wie Sanders, Corbyn oder Mélenchon, mehr Zulauf.

Aber wie sieht es denn in den Ländern aus, in denen Marx „regiert“?

NEFFE: Aber wenn ich mir etwa das „kommunistische“ China ansehe, das sich auf Marx beruft, dann gehe ich eher davon aus, dass ihm das nicht gefallen hätte. Einen Kommunismus, wie er ihm vorgeschwebt hat, wo jeder nach seinen Fähigkeit leistet und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben wird, wo die Freiheit des Einzelnen die Voraussetzung für die Freiheit aller ist, und nicht umgekehrt, einen solchen Kommunismus hat die Welt noch nicht gesehen.

Ist denn der Kapitalismus dann auf alle Zeiten das geringere Übel?

NEFFE: Marx hat den Kapitalismus als erster in einer Weise durchschaut, die heute noch gültig ist – besser würde man sagen: Heute noch mehr als zu seiner Zeit. Dieser Moloch der Moderne, wie ich ihn nenne, ist ein von Menschen geschaffenes System, über das die Menschen die Kontrolle verloren haben, das uns beherrscht, anstatt dass wir es beherrschen. Marx spricht von einem „automatischen Subjekt“, das uns alle zu Marionetten macht. Phänomene wie Ausbeutung oder Kapital-Akkumulation lassen sich bis heute bestens mit Marx’ Grundlagen erklären. Allerdings hat er die Lernfähigkeit des Kapitalismus unterschätzt.

Erklären Sie das!

NEFFE: Wäre der Kapitalismus wie zu seinen Zeiten geblieben, also etwa ohne Tarifverträge oder Sozialleistungen, hätte das System wohl nicht überlebt. Viel kritisiert wird Marx für seine „Verelendungstheorie“, nach der es den Arbeitern immer schlechter geht. National kann man das wahrlich nicht zur Regel erklären, im Gegenteil: Industriearbeiter haben heute Häuser, Autos und fahren mehrfach im Jahr in den Urlaub. Auf die Welt übertragen, Beispiel Kinderarbeit in der Dritten Welt, etwa bei der Textilproduktion, lässt sich das nicht so leicht sagen: Die Einkommen der Ärmsten sinken, die Arbeitsbedingungen sind wie im 19. Jahrhundert, während die Reichen immer reicher werden.

Aber manchmal macht der Kapitalismus auch vor den Reichen nicht halt. Ist die Bankenkrise im Jahr 2008 mit der Marx’schen Kapitalismuskritik zu erklären?

NEFFE: Ja und nein, weniger mit seiner Kritik als mit seiner Systemtheorie: Natürlich kannte Marx kein Internet, konnte sich den lichtschnellen Handel mit Wertpapieren nicht vorstellen, wie erst den mit verschachtelten Schuldverschreibungen. Aber wie sich die wachsende Verschuldung krisenhaft auswirken kann, davon hat er sich schon ein Bild gemacht. Er beschreibt den Kapitalismus wie einen Krebs, der um jeden Preis wachsen muss – und am Ende seinen Wirt auch vernichten kann.

Vielleicht nicht nur den „Wirt“, sondern auch die Umwelt. Hat Marx auf die Umweltzerstörung schon im Fokus gehabt?

NEFFE: Als einer der ersten hat Marx angesichts der kapitalistischen Produktionsweise die Endlichkeit der Erde gesehen und neben die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auch die der Erde durch den Menschen thematisiert. Manche sehen in ihm sogar einen der Vordenker der heutigen Umweltbewegung. So weit würde ich nicht unbedingt gehen.

Kommen wir zur praktischen Politik? Welche Parteien in Deutschland würde Marx heute nahestehen?

NEFFE: Da habe ich keine gute Antwort. Man würde natürlich als erstes auf die Linke tippen. Aber wenn ich mir ansehe, welche Grabenkämpfe dort die Tagesordnung bestimmen, hätte er sich eher angewidert abgewendet. Vielleicht wäre ihm eine linke Sammlungsbewegung am nächsten, wie sie jüngst das Ehepaar Lafontaine-Wagenknecht vorschlägt.

Taugen die Lehren von Marx heute noch für die Veränderung der Gesellschaft oder sind sie eine revolutionäre Anleitung?

NEFFE: Ich weiß nicht, ob sie das je wirklich waren. Ich schreibe in meinem Buch, dass man von Marx nicht lernen kann, wie man eine Revolution macht, sondern eher, wie man es nicht anstellen soll. Für die Revolutionen des 20. Jahrhunderts, etwa in Russland oder China, hat man seine Lehre ganz schön verbiegen müssen, um sich auf ihn berufen zu können.

Marx ging davon aus, dass der Kapitalismus an seinen Krisen zugrunde gehen wird. Ist diese These noch haltbar?

NEFFE: Ich würde es nicht ausschließen. Allerdings sollten wir bedenken, dass Marx keinen Zeitraum benannt hat, auch wenn ihm das immer wieder unterstellt wird. Aber wenn ich mir das System einmal so vorstelle, wie ein Monopoly-Spiel, dann kann ich mir durchaus sein Ende ausmalen, wenn einem Spieler beziehungsweise einer Handvoll Menschen alles gehört. Das Ende des Kapitalismus wird ja heute in vielen Büchern an die Wand gemalt – ob es dann mehr oder weniger im Marx’schen Sinn geschieht, dürfte zweitrangig sein.

Auf was kommt es dann an?

NEFFE: Vielmehr sollten wir für den Fall einen Plan B bereithalten, eine Idee haben, wie das Leben ohne Kapitalismus weitergehen könnte, was ja nicht bedeutet, dass unser Wirtschaften an ein Ende käme. Zugespitzt heißt das: Marx hat die Systemfrage gestellt, die Frage nach dem Privateigentum, nicht am Handy oder Häuschen, sondern an den Produktionsmitteln. Er hat als erster vom „arbeitenden Geld“ gesprochen. Eine postkapitalistische Welt in seinem Sinne würde das überwinden und die Gemeinschaft, wie auch immer, zum Eigentümer machen. Ob das ohne Revolution passieren könnte, mag sich jeder selbst beantworten. Vielleicht würden wir es erst im Nachhinein merken und dann feststellen, dass Marx recht gehabt hat – oder nicht.

Jürgen Neffe, Marx – der Unvollendete, C. Bertelsmann Verlag, 2017, 656 Seiten, 28 Euro

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