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Kolumne "Jugendfrei": Danke, Jeanne Moreau!

In unserem Dasein kommt es, wie wir mit den Jahren immer deutlicher erkennen, nur auf wenige zentrale Dinge an. Freude zu haben, zu empfangen und zu schenken.
Rafael Seligman Rafael Seligman

„Das Älterwerden hat mir nicht mehr als zwei Stunden Angst eingejagt.“ Hat Jeanne Moreau bei ihrer Feststellung ein wenig geschummelt? Manches spricht dafür. Etwa ihre Erkenntnis: „Älter werden ist nichts für Feiglinge.“ Aber ob wahr oder gelogen, Jahre später, wenn sich die Richtigkeit des Urteils nicht mehr feststellen lässt, oder, was noch häufiger geschieht, wenn es im Laufe der Zeit unwichtig geworden ist, ob die einstmalige Aussage richtig oder falsch war – dann rückt vielmehr eine andere Frage in den Mittelpunkt: Hat die Aussage den Menschen Mut gemacht? Verlässt man sich auf diesen humanen Maßstab, dann hat die soeben im Alter von knapp 90 Jahren von uns gegangene französische Schauspielerin Jeanne Moreau mit ihrer Eingangsbemerkung zweifellos recht gehabt.

Denn in unserem Dasein kommt es, wie wir mit den Jahren immer deutlicher erkennen, nur auf wenige zentrale Dinge an. Freude zu haben, zu empfangen und zu schenken. Dem steht vielfach die Angst entgegen. Jedes höher entwickelte Tier hat mehr oder minder häufig Angst. Das ist ein gesunder Mechanismus, der uns Lebewesen davor warnt, Gefahren zu ignorieren. Über zu weite Gräben zu springen, sich überlegenen Tieren oder Gegnern schutzlos entgegenzustellen. Bei uns Menschen kommt eine spezielle Furcht hinzu, die bald alle anderen überschattet: die Todesangst.

Als einziges Lebewesen wissen wir, dass wir sterben müssen. Diese Kenntnis begleitet uns und wird bei vielen im Laufe der Jahre immer erdrückender. Doch wenn es uns gelingt, mit dieser allzu menschlichen Herausforderung zurechtzukommen, leben wir leichter.

Es gibt den unanfechtbaren Glauben. Menschen, die aus tiefer Überzeugung Gott anhängen und daher ihr Leben vertrauensvoll in dessen Hand geben: „Dein Wille geschehe!“

Doch die Masse der Menschen bewahrt sich bei aller Religiosität ihre rationale Angst. Man kann diese nicht abschalten wie eine Stromleitung. Alkohol und Psychopharmaka wiederum betäuben für eine Weile die Furcht, beheben aber keineswegs die Ursachen der Angst.

Ich meine, wir sollten statt zu flüchten, der Wirklichkeit ins Auge sehen und unser Dasein als Geschenk verstehen. Wir sollten die Gelegenheit ergreifen, unser und das Leben der Mitmenschen so schön wie möglich zu gestalten. Das wichtigste dabei ist die Liebe. Darum gebieten uns die Religionen die Nächstenliebe.

Doch der Mensch ist nicht nur idealistisch. Wir sind nicht darauf aus, immerdar unseren Artgenossen zu helfen und sie zu lieben. Wir wollen vielmehr geliebt werden und lieben. Nicht nur unserer guten Taten wegen, sondern um unsere Sinne zu erfreuen und jene der von uns geliebten Menschen.

Das geschieht direkt mit unseren Partnern, aber auch durch den Genuss der Kunst. Der Musik, der Malerei und, seit einem Jahrhundert, des Films. Jeanne Moreau war dabei „die größte Liebe des französischen Films“, wusste der geniale Regisseur François Truffaut.

Durch ihre Darstellung im Film „Jim und Jules“ versinnbildlichte Jeanne Moreau die Sehnsüchte der Nachkriegsgeneration, die mit einem verlogenen Sittenbild aufgewachsen war. Die Schauspielerin gab sich frei davon und animierte zahllose jüngere Menschen, es ihr gleich zu tun und damit Freiheit und Sinnlichkeit zu gewinnen. Nicht nur im Film, sondern in der Realität. Das half uns als Junge und zumindest ebenso im Alter. Danke, Jeanne Moreau.

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