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Lohndumping soll verhindert werden: Das Problem mit der Leiharbeit

Von Der Bundestag berät über ein Gesetz, das Lohndumping bei der Leiharbeit verhindern soll. Der hessische DGB will keine Arbeitnehmer zweiter Klasse mehr. Die Arbeitgeber haben eine andere Sichtweise. Sie sehen Chancen, beispielsweise für Berufseinsteiger.
Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes demonstrierten im April in München gegen Leiharbeit. Foto: Peter Kneffel (dpa) Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes demonstrierten im April in München gegen Leiharbeit.
Frankfurt. 

Für die einen ist es ein Erfolgsmodell, für die anderen ein indiskutables Beschäftigungsverhältnis. Die Rede ist von der Leiharbeit. Die Zahl der Leiharbeitnehmer hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf derzeit rund eine Millionen mehr als verdoppelt.

Hessen liegt in dem bundesweiten Trend: Die Zahl der Leiharbeiter steigt kontinuierlich, sagt Brigitte Baki, die beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Hessen-Thüringen in Frankfurt für die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik verantwortlich ist. Seien im Dezember 2013 noch circa 62 000 Personen als Zeitarbeitnehmer beschäftigt gewesen, waren es zwei Jahre später schon fast 71 000.

Die Bundesregierung hat auf das Problemfeld Leiharbeit reagiert und will das sogenannte Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) reformieren. So soll künftig geregelt sein, dass Zeitarbeitnehmer nur noch 18 Monate an einen Betrieb „ausgeliehen“ werden dürfen. Bisher gab es in dieser Hinsicht noch keine Regelung. Auch sollen die Leiharbeitnehmer nach neun Monaten den gleichen Lohn erhalten wie die Stammbelegschaft. Und als Streikbrecher sollen Leiharbeiter künftig nicht mehr zum Einsatz kommen dürfen. Die erste Lesung für das reformierte AÜG hat gestern im Bundestag stattgefunden.

Weniger Gehalt

Leih- und Zeitarbeitnehmer sind nicht auf Rosen gebettet. Wer in einem solchen Beschäftigungsverhältnis steht, verdient deutlich weniger als die Kollegen im Betrieb. DGB-Expertin Baki verweist hier auf eine Entgelterhebung aus dem Jahr 2013. Das durchschnittliche Gehalt der Leiharbeiter lag demnach deutschlandweit monatlich bei 1700 Euro. „Im Vergleich dazu lag das Durchschnittsentgelt bei allen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten bei rund 3000 Euro monatlich“, rechnet sie vor.

Leiharbeiter arbeiten außerdem häufig nicht lang für ein bestimmtes Unternehmen. Wie Baki erläutert, war in Hessen der Einsatz von Leiharbeitern in 37 Prozent nach weniger als zwei Monaten beendet. Das zeigten die aktuellen Zahlen für das zweite Halbjahr 2015. Ein Jahr und länger hätten nur etwas mehr als ein Fünftel der jeweiligen Einsätze angehalten. Die meisten Leiharbeiter (22 Prozent) seien in Hessen übrigens in den Tätigkeitsbereichen Lagerwirtschaft, Post, Zustellung und Güterumschlag angestellt. Danach folgt die Metallbearbeitung mit knapp neun Prozent der Beschäftigten. Die Büro- und Sekretariatsarbeiten liegen bei knapp sechs Prozent.

„Leiharbeit und Werksverträge sind kein Randphänomen mehr. Die mit den Hartz-Gesetzen erfolgte Deregulierung hat wesentlich dazu beigetragen. Diese hat die Flexibilität für die Betriebe erhöht und Kosten gesenkt“, sagt Gabriele Kailing, DGB-Chefin des Landesverbandes Hessen-Thüringen. Leiharbeit sei eine atypische Beschäftigung, viele Beschäftigte fühlen sich als Beschäftigte zweiter Klasse und würden auch als solche behandelt, so Kailing weiter.

Das Dreiecksverhältnis zwischen Verleiher und Entleiher sowie der Leiharbeitskraft verlagere darüber hinaus die Risiken des Arbeitsmarktes sehr einseitig auf die Beschäftigten. „Die Risiken des flexiblen Arbeitsmarktes tragen wie in keiner anderen Beschäftigtengruppe die Beschäftigten, nicht die Arbeitgeber“, sagt die DGB-Chefin.

Stefan Hoehl ist Arbeitsmarktexperte der Hessischen Unternehmerverbände. Für ihn ist der Anstieg der Leiharbeit in Hessen ein Indiz dafür, dass es den Unternehmen gut geht. „Aufgrund der guten Konjunkturlage und dem weiterhin anhaltenden Boom am Arbeitsmarkt ist dies auch nicht verwunderlich. Viele Unternehmen, beispielsweise in der Metall- und Elektroindustrie, nutzen die Zeitarbeit, um flexibel auf die schwankende Auftragslage reagieren zu können“, so Hoehl.

So funktioniert das Geschäftsmodell

Die rechtlichen Regeln für die Leiharbeit finden sich in Deutschland in einem Werk mit dem sperrigen Titel „Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG)“. Und wie funktioniert Leiharbeit?

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Er fügt hinzu, die Aufnahme einer sozialversicherten Tätigkeit in der Zeitarbeit biete dabei auch denjenigen eine Chance, die einen besonders schweren Stand auf dem Arbeitsmarkt hätten. „Fast zwei Drittel der Personen, die im zweiten Halbjahr 2015 eine Zeitarbeit aufgenommen haben, hatten vorher keine Arbeit“, sagt der Arbeitsmarktexperte. Knapp ein Viertel der Leiharbeiter sei seit einem Jahr ohne Beschäftigung oder sogar noch nie beschäftigt gewesen. Für viele sei die Zeitarbeit daher das dringend benötigte Sprungbrett in Beschäftigung.

Frank Martin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, macht sich keine Illusionen über die „Zeitarbeit“. Aber auch er sieht Chancen für Arbeitnehmer. „Die Zahl der Menschen, die in der Zeitarbeit beschäftigt sind, hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Diese Entwicklung birgt Chancen, aber auch Risiken. Der Einstieg in die Zeitarbeit kann für Arbeitnehmer, die noch über wenig Berufserfahrung verfügen oder auch längere Zeit von Arbeitslosigkeit betroffen waren durchaus den Neueinstieg in das Arbeitsleben bedeuten“, sagt er. Die hohe Dynamik dieser Beschäftigungsbranche äußere sich allerdings auch in einer oftmals vergleichsweise kurzen Beschäftigungsdauer. Oberstes Ziel sollte es deshalb sein, Mitarbeitern eine dauerhafte und existenzsichernde Beschäftigung zu geben.“

Nach Angaben des Zeitarbeit-Unternehmens Manpower ist der Großteil der Mitarbeiter unmittelbar vor der Anstellung arbeitslos gewesen. Bei Manpower würden die Mitarbeiter sozialversicherungspflichtig und in der Regel unbefristet eingestellt. Über die gesamte Branche hinweg liege der Anteil derer, die vor der Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses in der Zeitarbeit nicht beschäftigt waren, bei etwa 70 Prozent. Hierzu zählten neben Erwerbslosen auch Berufseinsteiger. Rund ein Drittel der Manpower-Mitarbeiter sei zwischen 20 und 29 Jahren und stelle die stärkste Gruppe dar.

Die wichtigsten Branchen, die bei Manpower Zeitarbeit nachfragten, seien der Maschinenbau und die Automobilindustrie sowie die Chemie- und Pharmabranche. Im gewerblich-technischen Bereich würden Helfer ebenso nachgefragt wie Facharbeiter.

„Ein Türöffner“

Bei den kaufmännischen Berufsgruppen erstreckt sich das Spektrum von Verwaltungsmitarbeitern bis hin zu Personalverantwortlichen. Arbeitssuchende und Wechselwillige entschieden sich für Zeitarbeit, weil diese ihnen berufliche Perspektiven biete, heißt es auch beim Zeitarbeitsunternehmen Randstad. Das flexible Beschäftigungsmodell könne ein Türöffner ins Wunschunternehmen sein. Denn häufig würden Zeitarbeitnehmer nach einiger Zeit beim Kunden direkt angestellt.

Zu einer anderen Einschätzung kommt man beim DGB Hessen-Thüringen. Leiharbeiter würden oft unterhalb ihrer Qualifikation eingesetzt. 40 Prozent der Leiharbeiter, die als Hilfskräfte eingesetzt werden, hätten eine abgeschlossene Berufsausbildung. Darüber hinaus fehlten Entwicklungsmöglichkeiten und Weiterbildung. „Deshalb ist es dringend nötig, dass der Gesetzgeber hier einen Riegel vorschiebt und das Gesetz zur Bekämpfung des Missbrauchs von Leiharbeit und Werkverträgen endlich verabschiedet wird“, sagte DGB-Chefin Kailing.

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