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Erster Weltkrieg: Der lange Weg zum Frieden

Von Nicht alle Deutschen bejubelten den Ersten Weltkrieg. Friedensorganisationen und politische Gruppen forderten schon früh, die Waffen schweigen zu lassen. Ihre Appelle verhallten; viele Pazifisten wurden verfolgt.
Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gründeten die „Spartakusgruppe“. Sie wurden 1919 von Freikorps-Offizieren ermordet.	Foto: dpa Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gründeten die „Spartakusgruppe“. Sie wurden 1919 von Freikorps-Offizieren ermordet. Foto: dpa
Berlin. 

Die Situation in der deutschen Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges erreichte 1917 einen Tiefpunkt. Die Oberste Heeresleitung hatte den „uneingeschränkten U-Boot-Krieg“ befohlen: Damit wollte man die Seeblockade der Briten durchbrechen. Lebensmittel wurden knapp. Die Menschen hungerten; Frauen mussten in der Industrie für die Kriegsproduktion ran. Streiks und Meutereien mehrten sich. 1917 hatte sich die Stimmung längst gegen den Krieg gekehrt.

Bis dahin hatte die Staatsmacht jede pazifistische Regung unterdrückt; nun regte sich die Bevölkerung. Vorreiter war die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG), 1892 in Berlin von Baronin Bertha von Suttner und Alfred Hermann Fried gegründet. Die österreichische Schriftstellerin von Suttner hatte die Stiftung des Friedensnobelpreises angeregt, mit dem sie 1905 ausgezeichnet wurde. Die DFG war bis zu Beginn des Krieges die größte pazifistische Organisation mit rund 10 000 Mitgliedern in 100 Ortsgruppen, auch in Frankfurt. Ziel war es, die imperialistische Politik des Kaiserreichs zu korrigieren. Mitglieder war unter anderem Albert Schweitzer – selbst Friedensnobelpreisträger.

Die DFG ist die älteste überregionale pazifistische Organisation in Deutschland. Sie wollte von Anfang an eine Vertiefung zwischenstaatlicher Beziehungen, eine Übertragung des demokratischen Ordnungsgedankens auf die auswärtige Politik und eine Etablierung internationalen Rechts.

Die deutschen Pazifisten unterlagen jedoch der Selbsttäuschung, dass die Regierungen mit ihrem Krisenmanagement den Krieg noch abwenden könnten. Sie blieben ratlos und angesichts der Kriegsbegeisterung auch ungehört. Zudem wurde die Bewegung ein Opfer der gezielten Desinformation, glaubte die These vom Verteidigungskrieg und hatte das Recht eines Staates auf Notwehr niemals in Frage gestellt.

Am 16. November 1914 wurde in Berlin der „Bund Neues Vaterland“ gegründet. Dieser Bund umfasste Konservative, Liberale und sämtliche Flügel der Sozialdemokratie. Sie forderten, keine Gebiete ohne die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung zu annektieren, den Handel mit den Kolonien zu liberalisieren, die Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907 fortzusetzen, den Rüstungsabbau voranzutreiben und die Außenpolitik durch die Parlamente zu kontrollieren.

Die Deutsche Friedensgesellschaft unterstützte diese Forderungen. Die Obrigkeit reagierte mit Repressalien: Verschärfung der Presse- und Briefzensur, Beschränkung der Versammlungsfreiheit pazifistischer Organisationen, Bespitzelung und Observierung, Reisebeschränkungen, Publikationsverbote, Beschlagnahmung von Schriften, Hausdurchsuchungen und Festnahmen. Die Presse fuhr Diffamierungskampagnen.

Das Aus für den „Bund Neues Vaterland“ begann am 31. März 1916 mit der Verhaftung von Geschäftsführerin Lilli Jannasch. Sie musste 14 Wochen in „Schutzhaft“. Die Lahmlegung des „Bundes Neues Vaterland“ bedeutete den Anfang eines Schlages gegen die Friedensbewegung. Die Obrigkeit machte sie weitgehend mundtot.

Widerstand gegen den Krieg regte sich jedoch auch bei den politischen Parteien. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr setzten sich die Linksparteien für eine Verständigung mit den Gegnern ein. Die Sozialdemokraten hatten dem Krieg schließlich nur unter der Voraussetzung zugestimmt, dass es sich um eine reine Verteidigung handelte. Es brodelte in der SPD.

Die Enttäuschung über ausbleibende Reformen und die Dauer des Krieges führten zur Spaltung der Partei. Radikale Kriegsgegner um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gründeten 1916 die sozialistische „Spartakusgruppe“. Ein Jahr später schlossen sie sich der „Unabhängigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) an. Sie spaltete sich von den Mehrheitssozialdemokraten (SPD) ab, nahm den wachsenden Protest der Arbeiter gegen das Kriegselend auf und verkündete den „Burgfrieden“. Später ging die Partei in der KPD auf.

Beim Zusammentritt des Reichstags 1917 wurden erstmals öffentlich Zweifel an der Wirksamkeit des „uneingeschränkten U-Boot-Kriegs“ geäußert. Zentrum, Liberale und Sozialdemokratie forderten eine „Friedensresolution“, eine Erklärung, dass Deutschland zu einem Frieden bereit ist, ohne Anspruch auf Gebiete. Die Oberste Heeresleitung versuchte vergeblich, diese Resolution zu verhindern.

Mit der Entschließung zeichnete sich zum ersten Mal die Möglichkeit einer parlamentarischen Regierungsmehrheit ab. In dem Aufruf vom 17. Juli 1917 hieß es: „Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verständigung und der dauernden Verständigung der Völker“ und zwar „ohne erzwungene Gebietserwerbungen“. Einen echten Umbruch gab es jedoch erst mit den Oktoberreformen von 1918. Da war der Krieg längst verloren.

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