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100 Jahre Erster Weltkrieg: Die Netze des Krieges

Von Neue Kommunikationsmittel haben die tödliche Maschinerie des Ersten Weltkriegs vorangetrieben. Dabei war die Umstellung auf Telefon auf deutscher Seite erst geplant, als schon die ersten Schüsse fielen.
Besonders wichtig war die Telefontechnik für die Artillerie. Über das Fronttelefon wurden die Zielkoordinaten der Geschütze abgestimmt - und so die Trefferquoten erhöht. Teilweise saßen die Späher in Ballons, um die Position der Feinde durchzugeben. 	Fotos: Museum für Kommunikation Berlin Bilder > Besonders wichtig war die Telefontechnik für die Artillerie. Über das Fronttelefon wurden die Zielkoordinaten der Geschütze abgestimmt - und so die Trefferquoten erhöht. Teilweise saßen die Späher in Ballons, um die Position der Feinde durchzugeben. Fotos: Museum für Kommunikation Berlin
Berlin. 

Ein Päckchen Feldpostkarten rettete dem Soldaten Hanning Schröder das Leben. Der junge Mann kämpfte im Ersten Weltkrieg, als ein Granatsplitter seine Uniformjacke durchbohrte. Das Stück Metall hätte ihn ins Herz getroffen, er wäre wahrscheinlich verblutet – hätte nicht seine Brieftasche mit den Grüßen aus der Heimat den tödlichen Schuss abgehalten.

Die durchbohrte Tasche liegt hinter Glas im Museum für Kommunikation in Berlin. „Netze des Krieges. Kommunikation 14/18“ heißt die Ausstellung dort, die im nächsten Januar nach Frankfurt kommt und sich mit einem bisher wenig beachteten Aspekt der Katastrophe Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigt: Dem Einsatz von Medien als unerlässlicher Teil der tödlichen Maschinerie.

„Medien sind Waffen. Ohne den Einsatz von Fernsprechern, Telegrafen und Funkgerät hätte der Erste Weltkrieg seine schrecklichen Dimensionen wahrscheinlich nicht erreicht“, ist Veit Didczuneit überzeugt. Der freundliche Mann mit der randlosen Brille koordiniert die Sammlungen des Museums. Auf 100 Quadratmetern haben er und seine Kollegen aufgebaut, was die Menschen vor 100 Jahren zum Informationsaustausch nutzten: Eiserne Armeefernsprecher, Funkgeräte, Dechiffrierlisten. Feldpostkarten mit zehn, zwölf Zeilen: „Ich hatte Euch vor dem Abmarsch nimmer schreiben können, weil wir plötzlich vor dem Essen alarmiert wurden, die Engländer hatten gesprengt und ein Grabenstück besetzt ...“

Foto aus der Schlacht um Verdun im Jahre 1916. Französische Soldaten verlassen den Schützengraben und greifen an: Für viele von ihnen wird das mit dem Tod enden.	Foto: dpa
100 Jahre Erster Weltkrieg Die Hölle von Verdun

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, der Europa radikal veränderte. In unserem Lokalteil veröffentlichen wir seit längerem Artikel zu dem Thema. In dieser Woche legen wir nach. Es geht dabei um Foto und Film als Propagandamittel oder um Pazifisten auf verlorenem Posten.

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Das deutsche Kaiserreich befand sich von Beginn an in einem Mehrfrontenkrieg und war deswegen auf ein dichtes Kommunikationsnetz angewiesen. Kurz vor dem Krieg beschloss die Militärführung, die gesamte strategisch-operative Kommunikation über Telefone zu führen. So hatte auch der japanische Marshall Iwao Oyama 1905 die Schlacht bei Mukden gewonnen – er gab Befehle telefonisch vom Befehlsstand aus.

„Das Problem war allerdings, dass die Technik bei Kriegsausbruch noch nicht so weit fortgeschritten war“, berichtet Didczuneit. Telegrafie war bis dahin kommunikatives Rückgrat. Zu unmodern und unpraktisch, fand die Heeresleitung, verkaufte alle Feldtelegrafen – und investierte zu wenig Geld in neue Geräte. „Die Umstellung auf Telefone war erst 1920 geplant“, sagt Didczuneit. Als der Krieg 1914 ausbrach, befand sich das militärische Kommunikationsnetz mitten im Umbruch.“

Heißt konkret: Es fehlten Kabel, Baugeräte, Fernsprecher und Vermittlungen, es gab zu wenig Personal für die Bedienung und keine Regeln für den Nachschub. Alle Truppen bastelten sich ihre eigenen Kommunikationsmittel zurecht, ohne sich mit anderen abzustimmen. Ein heilloses Durcheinander, während die ersten Schüsse fielen.

Diese Situation, haben Didczuneit und seine Kollegen herausgefunden, führte auch zum Stellungskrieg: Denn im kommunikativen Wirrwarr beurteilte die Heeresleitung die Lage an der Front negativ und befahl die Kehrtwende. Der Vormarsch vor Paris war gestoppt. Der Stellungskrieg aus den Schützengräben heraus begann.

Gelegenheit für das deutsche Heer, das Fernsprechnetz auszubauen. Ab 1916 wurden über sechs Millionen Kilometer Kabel verlegt und neue Geräte wie der „Große Feldklappenschrank 16“ entwickelt.

Didczuneit weist auf das wuchtige Möbel, das ebenfalls in der Ausstellung steht und zum Verbinden von Gesprächen verwendet wurde. „Das Telefon entwickelte sich im Krieg vom rein zivilen Kommunikationsmittel zu einem Tötungsinstrument: Ohne die Soldaten, die beispielsweise im Fesselballon über dem Schlachtfeld schwebten und der Artillerie die Position des Feindes durchgaben, wäre diese gar nicht in der Lage gewesen, die Gewehre zu justieren.“

„Feind hört mit!“

Die Telefonleitungen waren aber auch anfällig für Sabotage und Störungen. Deswegen besann sich das deutsche Militär im Laufe des Krieges auf „altmodische“ Mittel: Die Soldaten ließen Hunde und Brieftauben Nachrichten überbringen, schickten Lichtsignale und erweckten auch die Telegrafie wieder zum Leben – vor allem, um Meldungen und Befehle zwischen der Obersten Heeresleitung und den Kommandostellen hinter der Front auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen zu übertragen.

„Später kam auch die drahtlose Funktechnik auf. Allerdings diente sie vor allem dafür, fremde Nachrichten abzuhören“, weiß Didczuneit. Um die feindliche Kommunikation zu überwachen, baute die deutsche Seite ab 1915 Abhörstellen ein. Sie wurde selbst oft Opfer von Spionage-Attacken der Franzosen und Engländer, weil sie zu lange dieselben Dechiffrierlisten verwendeten. Da blieb oft nur Disziplin beim Telefonat: „Feind hört mit!“, prangte an den Fernmeldern, und manche Codes für Gefechtssituationen trieben seltsame Blüten: „Helene spuckt in unseren Graben, lauter dicke Brocken, wir brauchen Kartoffeln, große und kleine!“, ist als Funkspruch überliefert. Was der Soldat damit meinte, allerdings nicht.

Klarer waren da die Feldpostkarten. Zwischen August 1914 und November 1918 beförderte die Feldpost in 123,5 Millionen Postbeuteln rund 11 Milliarden Sendungen in Richtung Deutsches Reich und 17,7 Milliarden an die Fronten und in die besetzten Gebiete.

Um die Soldaten und auch die Angehörigen bei Laune zu halten, war es der Heeresleitung wichtig, die Zustellung reibungslos zu organisieren. Im Juni 1918 waren dafür insgesamt 250 000 Menschen zuständig.

Das System war in viele Postsammel-, Leitstellen und Feldposteinrichtungen aufgeteilt, teilweise zog ein kleines Postamt den Truppen hinterher. Sogar einen Feldpostkasten gab es, sagt Didczuneit und zeigt auf einen verrosteten Behälter mit Schlitz. „Die Inhalte solcher Feldpostkarten waren oft trivial, weil der Alltag vieler Soldaten aus schwerer Arbeit und Langeweile bestand“, erläutert er. „Aber sie waren eine Möglichkeit, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.“ Oder das eigene Leben zu schützen, wie beim Soldaten Hanning Schröder.

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