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Die andere Meinung: Die Netzwerk-Gesellschaft

Die Bundestagswahl hat klargemacht: Deutschland ist gespalten. Worin aber besteht diese Spaltung wirklich? Ein Blick auf die tieferen Muster der kulturellen Gräben – und auf die Möglichkeit eines „dritten Weges“.
Christian Schuldt arbeitet für das Zukunftsinstitut. Der Systemtheoretiker betrachtet kommunikative Muster der digitalisierten Gesellschaft. Christian Schuldt arbeitet für das Zukunftsinstitut. Der Systemtheoretiker betrachtet kommunikative Muster der digitalisierten Gesellschaft.

„Die Republik ist gespalten“ – die Worte von Grünen-Chef Cem Özdemir nach der Bundestagswahl spiegeln eine breite Wahrnehmung in unserer Gesellschaft. Schon der Wahlkampf war geprägt von einer konfrontativen Stimmung und tiefen Gräben zwischen den Wählergruppen. Hass auf die etablierten Parteien auf der einen Seite, Unverständnis für die Toleranz gegenüber rechten Ressentiments auf der anderen. Eine Kluft, die sich nun auch im Wahlergebnis spiegelt.

Symptome der Spaltung

Wie können diese tiefen Gräben überbrückt werden? Dafür gilt es zunächst zu verstehen, was sie eigentlich ausmacht. Die tief gespaltene Haltung der Wähler zu den Reizthemen Migration und Sicherheit – Angst vor zu viel Zuwanderung auf der einen, Freude über eine kulturelle Bereicherung auf der anderen Seite – ist ja nicht die Spaltung selbst, sondern nur eines ihrer Symptome. Gleiches gilt für Unterschiede im Wahlverhalten von West- und Ostdeutschen: Die eigentliche Spaltung liegt tiefer. Man erkennt sie erst, wenn man genauer hinsieht. Und zugleich die Perspektive erweitert.

Dann nämlich wird deutlich: Unsere Gesellschaft, wie wir sie kennen, löst sich auf. Sie transformiert sich – wieder einmal – in etwas Neues, Anderes, dessen Umrisse wir erst langsam zu erfassen und zu verstehen beginnen. Die zahlreichen Krisenphänomene, die auch dieses Wahlergebnis prägen, haben direkt mit dieser Transformation zu tun – von der Erosion einer breiten (Werte)-Mitte bis zum schwindenden Zuspruch für etablierte Institutionen. Sie sind Krisensymptome eines großen gesellschaftlichen Umbruchs hin zu einer neuen Gesellschaftsform: der Netzwerk-Gesellschaft.

Die aktuelle Spaltung unserer Gesellschaft speist sich nicht zuletzt aus der zunehmenden – digitalen wie auch analogen – Vernetzung. Denn vernetzte Kommunikation bedeutet immer: Zunahme von Komplexität. Unsere Welt wird unübersichtlicher, undurchschaubarer, unvorhersehbarer. Dieser neuen Realität muss sich jeder Einzelne stellen. Aber nicht jeder kommt damit gleich gut zurecht. Deshalb weckt und stärkt die Vernetzung bei vielen Menschen den Wunsch nach einer Welt, die weniger komplex gestrickt ist. Eine Welt, wie sie früher einmal war.

Diese konträre Sicht auf „Veränderung“ und „Zukunft“ bildet den kulturellen Kern der heutigen gesellschaftlichen Spaltung. Es stehen sich zwei Varianten im Umgang mit Komplexität gegenüber – über die auch bei der Bundestagswahl abgestimmt wurde. Die beiden Gruppen, die diese Spaltung repräsentieren, lassen sich als „Ichlinge“ und „Wirlinge“ bezeichnen:

Kein gemeinsamer Wert

Ichlinge sind komplexitätsaffin: Sie setzen auf individuelle Leistung und Wettbewerb, vertreten einen „progressiven Individualismus“ und sehen viele Zukunftsperspektiven. Sie denken aber vor allem in individuellen Kategorien und sind frustriert, dass nicht die gesamte Gesellschaft ihre Ideale vertritt.

Wirlinge sind komplexitätsscheu: Sie setzen auf kollektiven Zusammenhalt und Bewahrung – und haben kaum noch Zukunftshoffnungen. Umso mehr setzen sie auf Strukturen und Institutionen, die in der Vergangenheit gute Dienste geleistet hatten.

Dieses Phänomen hat das Zukunftsinstitut gemeinsam mit dem nextpractice Institut für Komplexität und Wandel in der Studie „Next Germany“ untersucht. Das Ergebnis ist deutlich: Zwischen den Einstellungen der Ich- und Wirlinge ist heute kein gemeinsamer Wert mehr vorhanden – außer vielleicht dem Gefühl, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Kritisch ist das vor allem für die Wirlinge: Sie fühlen sich in der veränderten Welt fehl am Platz, ihre Wertemodelle haben mit der aktuellen Entwicklung gefühlt nichts mehr zu tun. Die Spaltung von Ich- und Wirlingen ist daher auch ein Split in gefühlte Gewinner und Verlierer. Es entsteht ein Machtgefälle – und das Gefühl einer Ohnmacht, die dezidiert rückwärtsgewandte und „antikomplexe“ Ideen stark macht.

Wie kann nun ein konstruktiver Umgang mit dieser Spaltung aussehen? Eine „Lösung“, auch das machte die Studie klar, kann nur auf einer anderen, höheren Ebene entstehen: Aus einer „dritten Position“ heraus, die Gemeinschaft will, aber dafür auch die Stärke des Einzelnen nutzt. Ein solches „Mindset“ zeichnet sich bereits in vielen theoretischen Diskursen ab. Es ist aber erst in Teilen in der Gesellschaft angekommen. Um diesen Prozess zu stärken, gilt es nicht nur, einen ehrlichen, unvoreingenommenen Blick auf die momentane Unvereinbarkeit der Wertewelten zu werfen. Entscheidend wird auch die Frage nach der Zukunft der Partizipation sein, nach sozialer Teilhabe in einer vernetzten, globalisierten und granularisierten Gesellschaft – jenseits simplifizierender Zugänge.

Eine Leitformel für die Gesellschaft von morgen lautet deshalb: mehr Selbstorganisation – innerhalb abgesicherter Rahmenbedingungen. Das heißt: Aktiv unterstützt von einem Staat, der seine wahre Macht in der Ermächtigung anderer erkennt, ohne Verantwortung von sich zu weisen.

Akute Handlungsstarre

Die zentrale Zukunftsfrage lautet dabei: Wie kann eine konstruktive Auseinandersetzung mit der neuen Dimension von kommunikativer und kultureller Komplexität gelingen? Eine Antwort auf diese Frage braucht dann auch Vertrauen darauf, dass die momentane Handlungsstarre und Desorientierung in unserer Gesellschaft Teil eines evolutionären Prozesses ist und eine vorübergehende Phase der Instabilität markiert. Ein Atemholen für eine neue Entwicklungsstufe.

So gesehen hat die „populistische Revolte“, die sich im Wahlergebnis der AfD manifestiert, auch einen positiven Effekt: Sie bringt zumindest Teile der ausgegrenzten, weniger privilegierten und weniger engagierten Schichten zurück auf das politische Spielfeld. Und sie ruft etablierte Parteien und Regierungen dazu auf, politische Räume argumentativ zurückzuerobern.

Denn die Überwindung tiefer Differenzen kann nur gelingen durch attraktive Alternativen und Kompromisse, die gemeinschaftliche Begeisterung entfachen. Erst recht in einer Zeit des Wandels, der große Teile der Gesellschaft verunsichert und spaltet. So gespalten die Ichlinge und die Wirlinge sind: Beide Gruppen wünschen einen strukturellen Paradigmenwechsel. Es ist an der Zeit, diesem Wechsel eine Richtung zu geben.

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