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Die Pille für den Zappelphilipp

Von Eine neue Behandlungsleitlinie unterteilt die Hyperaktivität (ADHS) in verschiedenen Schweregrade. Künftig können Medikamente schon bei einer „mittelschweren Ausprägung“ der Erkrankung verabreicht werden.
Das Medikament griffbereit neben den Hausaufgaben – so wie auf dem Symbolbild nehmen viele Kinder Ritalin gegen ihre Hyperaktivität. Foto: Julian Stratenschulte (dpa) Das Medikament griffbereit neben den Hausaufgaben – so wie auf dem Symbolbild nehmen viele Kinder Ritalin gegen ihre Hyperaktivität.
Frankfurt. 

Es ist für viele ein Reizthema: Pillen gegen das „Zappelphilipp-Syndrom“. Jetzt sollen Kinder, die an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, schneller und leichter Medikamente wie Ritalin verabreicht bekommen.

Das sieht die neue Behandlungsleitlinie für ADHS vor. Bis jetzt war es die Regel, dass Kinder nur dann Medikamente gegen eine ADHS erhalten sollten, wenn sie in „schwerem Maße“ hyperaktiv, impulsiv und unkonzentriert sind. Künftig soll die Verschreibung für Schulkinder auch bei mittelschwerer Ausprägung möglich sein. Das ist eine Empfehlung der medizinischen Fachgesellschaften von Psychiatern und Kinderärzten in Deutschland. Bislang war in solchen Fällen eine Verhaltenstherapie empfohlen worden, bevor Pillen bei den Betroffenen zum Einsatz kamen.

Die Medikamente gegen ADHS sind schon seit Jahren Gegenstand von Diskussionen. Vor allem Ritalin, so der Handelsname des Medikaments, sorgte für viele negative Schlagzeilen. Der Stoff, der Ritalin in Verruf brachte, heißt Methylphenidat. Es handelt sich dabei um eine Psychostimulans aus der Gruppe der Amphetamine, das vorrangig zur Behandlung einer ADHS eingesetzt wird.

Häufigste Störung

ADHS ist heute die am häufigsten diagnostizierte psychische Störung bei Kindern. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte schätzt, dass rund 500 000 Kinder davon betroffen sind. Doch nicht nur sogenannten ADHS-Kindern werden Medikamente wie Ritalin verschrieben. Auch Studenten „nutzen“ die Pille zur Leistungssteigerung.

Die Nebenwirkungen dieser ADHS-Medikamente haben es allerdings in sich. Schlafstörungen und Appetitlosigkeit zählen hier noch zu den kleineren Übeln. Die Forschung berichtet auch von Angststörungen, suizidalen Phasen und Wachstumsverzögerungen. In den sozialen Medien finden sich viele negative Erfahrungsberichte über diese Pille, die hier auch als „Droge“ bezeichnet wird.

Für Bettina Oberman, Leitende Oberärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) am Klinikum Frankfurt-Höchst, ist der Medikamenten-Einsatz bei einer ADHS-Diagnose nicht per se abzulehnen. „Der Wirkstoff, den auch Ritalin enthält, heißt Methylphenidat. Es handelt sich hierbei um eine sogenannte Stimulanz, deren Wirkung bei ADHS sehr gut untersucht und belegt ist“, so die Medizinerin. Grundsätzlich komme eine medikamentöse Behandlung dann in Frage, wenn die Diagnose gestellt ist, eine deutliche Funktionsbeeinträchtigung vorliegt, andere Maßnahmen nicht den ausreichenden Erfolg zeigten und Eltern und Kind „nach ausführlicher Aufklärung“ diese Form der Therapie wünschten, so Oberman.

Denise Jacoby, Sprecherin der Techniker Krankenkasse Hessen, verweist darauf: Studien hätten nachgewiesen, dass Methylphenidat die Aufmerksamkeit verbessern und die Hyperaktivität und Impulsivität mildern könne, die Anzeichen für eine ADHS seien.

Dennoch sei die Arzneimitteltherapie aus Sicht der TK lediglich eine Option, um ADHS zu behandeln. Eine Behandlung mit Arzneimitteln sollte erst dann begonnen werden, wenn andere, nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichten. „Manchen Patienten helfen Entspannungstechniken, oder sie finden im Sport einen wichtigen Ausgleich. Andere benötigen die medikamentöse Behandlung, um die Krankheit in den Griff zu bekommen“, sagt Jacoby.

Mittel mindert Impulsivität

Prinzipiell gehen die TK-Experten davon aus, dass Methylphenidat-haltige Arzneimittel wirken, indem sie unter anderem die Konzentration der Nervenbotenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöhen, die eine wichtige Rolle für die Gedächtnisfunktion und das Lernen spielten. Dadurch verbesserten sich die Aufmerksamkeit und die Konzentration; die Hyperaktivität und Impulsivität könne gemildert werden.

Welche Behandlung im Einzelfall sinnvoll sei, sollte immer auf die individuelle Situation und die vorhandenen Symptome abgestimmt werden. „Wichtig ist, dass die betroffenen Kinder und die Angehörigen lernen, die Krankheit zu verstehen. Das kann ihr Selbstbild und Selbstwertgefühl positiv beeinflussen“, so Jacoby weiter.

ADHS-Expertin Oberman verweist darauf, dass die Forschung und der Kenntnisstand der Erkrankung sich in den letzten Jahren erheblich verbessert habe. „Damit kommt es zu einer besseren Diagnosestellung und nachfolgend auch zu einer Steigerung der Verordnungen, um den betroffenen Familien eine adäquate Behandlung bieten zu können“, erläutert die Medizinerin und verweist gleichzeitig darauf, dass es nun erstmals in den Leitlinien eine Definition der „Schweregrade“ gebe. So seien bei einer „leichtgradigen“ Ausprägung alle für die Diagnose geforderten Symptome vorhanden, beeinträchtigen den Patienten aber nur wenig in seinen sozialen oder schulisch/beruflichen Funktionsbereichen.

Individueller Plan

Die „mittelgradige“ Ausprägung sei so definiert, dass entweder viele schwerere Symptome mit noch nicht so schwerer Beeinträchtigung vorliegen – oder die Symptome bereits zu einer deutlichen und erheblichen Beeinträchtigung führten. „In der letzten Gruppe wurde die medikamentöse Behandlung auch bisher empfohlen“, sagt Oberman. Von daher ändere sich in der Behandlung der Patienten nichts Wesentliches. Die Expertin: „Es muss immer einer individueller Behandlungsplan erstellt werden, der die konkrete Lebenssituation des Patienten und seiner Familie berücksichtigt.“

dfg f dgh tg

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