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Horst Seehofer im Fernduell mit der Bundeskanzlerin: Die Show von Seeon

Von Bei der ersten CSU-Landesgruppen-Klausur an neuem Ort gönnt sich Horst Seehofer den nächsten Auftritt im Fernduell mit Angela Merkel und dabei auch aufmerksamen Zuhörern einen Blick auf die teiltraumatisierte Politikerseele.
CSU-Chef Seehofer und Landesgruppenchefin Hasselfeld in Seeon Foto: Sven Hoppe (dpa) CSU-Chef Seehofer und Landesgruppenchefin Hasselfeld in Seeon
Seeon/Berlin. 

Mit ziemlicher Sicherheit geht Psychologie Horst Seehofer sonstwo vorbei. Erst recht jene Unterdisziplin, die sich mit dem beschäftigt, was Menschen unbewusst erzählen, ohne dass sie dabei auch nur ein Wort sagen. Schon, weil Seehofer ja gerne redet und viel. Auch zu Beginn des Bundestagswahljahres 2017, auch an diesem ersten Tag der ersten Klausur von Seeon. Zwar ist der Ort neu für die Klausur der Bundestags-Landesgruppe – aber der Rest traditionell. Zum Auftakt erklärt der Vorsitzende die Welt. Und die Republik. Und Bayern. Und manchmal, versehentlich, auch sich.

In Umfrage bei 46 Prozent

Am Mittwochmittag redet Seehofer vom „Zufall“. Der in Wahrheit natürlich gar keiner ist, sondern die vom Privatsender Sat1.Bayern punktgenau platzierte Umfrage zur Landtagswahl 2018. „46 Prozent“ sagt Seehofer, und dass die CSU damit „allein stärker als alle unsere politischen Wettbewerber zusammen“ ist.

Nicht indes redet er über eine andere Befragung, ebenso frisch, im Auftrag des „Sterns“. Die besagt, dass die CSU-Anhänger Angela Merkel mehr vertrauen als ihrem Vorsitzenden. Es ist keine große Distanz, drei Prozentpunkte – das geht fast noch als Fehlertoleranz durch. Aber einen wie Seehofer kann das schon zwicken. Und da hilft es auch nichts, dass ihm die Sympathisanten der AfD fast genauso viel Glauben schenken wie Frauke Petry.

Merkel also vor Seehofer, vertrauensmäßig, selbst bei den Fans der Christsozialen. Bei den Wählern insgesamt kommt er gar nicht erst unter die ersten fünf: Steinmeier, Merkel, Schäuble, Schulz, de Maizière lautet die Rangliste. Auch das noch.

Der Innenminister nämlich hat ihm die Show von Seeon einigermaßen ramponiert, schon vorab. Noch ehe im Kloster-Ambiente am Chiemsee irgendein Christsozialer überhaupt nur das obligate Wort „Taktgeber“ sagen und „für Berlin“ hinterherschieben und „Schwerpunkt innere Sicherheit“ anfügen kann – hat Thomas de Maizière in der „FAZ“ eine ganze Seite dazu veröffentlicht.

Der Titel liest sich wie in der Münchner CSU-Zentrale ersonnen: „Leitlinien für einen starken Staat in schwierigen Zeiten“. Und der Rest könnte die CSU zum Jubeln bringen. Kaum etwas darin, was die Seehoferschen in den zurückliegenden fünf Vierteljahren nicht schon gesagt oder gefordert oder wenigstens intoniert haben.

Die Sache ist ein mittlerer Coup. Und, genau genommen, eigentlich eine rechte Seehoferei. Wenn Angela Merkel – die natürlich hinter der Sache steckt – ein Mann wäre, müssten sie ihr in Seeon, wenigstens hinter vorgehaltener Hand, das höchste bayerische Kompliment gönnen. Das mit dem Hund.

Aber Seehofer ist kein Gönner. Die Kanzlerin hat es zu spüren gekriegt. Er ist, man wird es gleich noch bewiesen bekommen, eher ein Nachtrager. Zum De-Maizière-Text hat er kein lobendes oder anerkennendes oder wenigstens neutrales Wort. Dabei wäre er, wohlwollend oder wenigstens nüchternen Sinnes gelesen, durchaus als Angebot zu verstehen, vielleicht sogar als eine Art Brücke, über die CSU und CDU endlich und bald wieder zueinanderfinden könnten.

Seehofer aber kommentiert ihn mit einem einzigen schroffen Satz, der sich auf de Maizières Vorschlag bezieht, den Inlands-Nachrichtendienst beim Bund zu konzentrieren: „Die Auflösung des bayerischen Landesamts für Verfassungsschutz wird niemals kommen.“ Das „niemals“ wie in Großbuchstaben.

Es ist der 4. Januar. In exakt einem Monat und einem Tag wollen sich die Vorstände von CDU und CSU in München treffen und dort ein gemeinsames Wahlprogramm verabschieden und die Kanzlerin wieder zur gemeinsamen Kanzlerkandidatin ausrufen. Man kann auch sagen: Merkel und Seehofer haben noch exakt 32 Tage Zeit, um die Union vor der Implosion zu bewahren.

Eventuell aber platzt zuvor der Termin. Seehofer hat das schon angedeutet – und er bleibt auch 2017 dabei. Entweder die von Merkel verweigerte „Obergrenze“ für Flüchtlinge – oder… „Weiter geplant“ nennt er als Status des Treffens. Klingt wie „es ist kompliziert“ auf Facebook.

Wie einst in Erding

Und dann reißt er plötzlich und ohne Not die ganze selbstgefällige Seehofer-Fassade auf – mit einem einzigen Wort. „Erding.“

Achteinhalb Jahre liegt das zurück, es war Bayern-Wahlkampf, und Merkel war angereist, weil ihr die Anti-Stoiber-Putschisten Erwin Huber und Günther Beckstein die Erhöhung der Pendlerpauschale abringen wollten – und dann standen die beiden neben ihr, gescheitert und wie arme Tröpfe.

„War…“ und es ist, als fräße die Erinnerung Horst Seehofer nicht nur die ganze Selbstherrlichkeit weg, sondern die Wörter und Begriffe gleich dazu, „war… ja… nicht nachahmenswert“.

Am Ende, allerdings, hat unter anderem das Treffen von Erding Seehofer zu der Macht gebracht, die er jetzt hat. Und Merkel spüren lässt. Und die Republik, wenigstens die der Medien. Wenn er bei jeder Frage die Arme vor der Brust verschränkt, als wolle er aus seinem Inneren nicht die kleinste wirklich wahre Kleinigkeit hinauslassen. Eigentlich.

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