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Malediven: Die Widersprüche der Trauminseln

Von Der Inselstaat im Indischen Ozean ist für viele ein Traumreiseziel. Was den Touristen in den Resorts aber verborgen bleibt, ist die Unterdrückung der Opposition und die Gefahr durch den Islamismus. Und viele Flitterwöchner unter Palmen ahnen auch nicht, dass sie im Land mit der höchsten Scheidungsrate weltweit Urlaub machen.
Bikiniverbot im streng islamischen Land: In Hulhumale ist, wie fast überall außerhalb der Resortinseln, das leicht bekleidete Baden untersagt. Bilder > Bikiniverbot im streng islamischen Land: In Hulhumale ist, wie fast überall außerhalb der Resortinseln, das leicht bekleidete Baden untersagt.
Male. 

„Ausnahmezustand im Urlaubsparadies“ titelten im Februar Zeitungen über die Malediven. Doch Touristen wurden von den politischen Unruhen kaum tangiert. „Die Malediven sind drei Welten in einer“, erklärt Huda Adam von der lokalen Vertretung der Vereinten Nationen. „Es gibt erstens die entlegenen Inseln, auf denen die Einheimischen leben, zweitens die Touristeninseln und drittens die dicht gedrängte Hauptstadt Male mit ihren sozialen Problemen.“ Und die Kluft zwischen diesen Welten ist in vielen Bereichen groß:

  Freiheit und Unfreiheit: Während die Touristen sich frei vom Alltagsstress fühlen, ist die politische Lage in der Bevölkerung angespannt. „Ich habe noch nie eine solche Spaltung der Gesellschaft gesehen“, so die örtliche UN-Koordinatorin Shoko Noda. Ein Teil will den früheren Präsidenten Mohamed Nasheed zurück, der im Exil lebt. Die anderen folgen dem aktuellen Präsidenten Abdulla Yameen. Dieser weigerte sich im Februar, Gerichtsbeschlüsse umzusetzen, die nicht regierungstreuen Abgeordneten die Rückkehr ins Parlament erlaubten. Die Opposition hat es schwer. „Es gibt Gewalt gegen sie, etwa von der Polizei“, berichtet Mohamed Hoodh Ibrahim von der Jugendorganisation YPS. Auf den entlegenen Atollen, die sich benachteiligt fühlen und mehr Selbstverwaltung wollen, wird dennoch Kritik an der Regierung laut. Im Herbst sind Wahlen. Werden diese frei und fair ablaufen? Ibrahim lächelt: „Hoffentlich, aber vielleicht auch nicht.“ Er ist sich sicher: Der aktuelle Präsident wird die Wahl gewinnen. Dann wird auch der Einfluss Chinas auf den Malediven noch stärker werden, gilt Yameen doch als Geschäftspartner des Reichs der Mitte. Schon jetzt sind überall chinesische Baufirmen tätig.

  Bikini und Burka : Während Touristinnen in den Resorts gern im Bikini baden, verhüllen sich immer mehr Frauen in der streng islamischen Gesellschaft der Malediver komplett. Unverschleierte Frauen sind kaum zu sehen. An manchen Stränden gibt es ein Bikini-Verbot.

  Traumhochzeiten und Scheidungshochburg: Während die Touristen die Malediven als klassisches Hochzeitsreiseziel sehen, haben die Einheimischen die höchste Scheidungsrate der Welt. „Bis 30 sind die meisten schon dreimal verheiratet“, weiß Frauenaktivistin Shadya Ibrahim von der Organisation UNFPA. 15 Ehen in einem Leben sind keine Seltenheit. Viele heiraten schnell, da vorehelicher und außerehelicher Sex streng verboten sind und mit Prügelstrafe geahndet werden. 80 Prozent der Bestraften sind Frauen, weil diese, so Ibrahim, ihre vermeintlichen Fehltritte „eher zugeben“. Die Scheidung ist unkompliziert, mit keinem gesellschaftlichen Stigma behaftet. Der Mann muss nur offiziell erklären, dass er nicht mehr verheiratet sein möchte. Die Frau kann das ebenfalls, muss aber drei Monate warten – wegen einer möglichen Schwangerschaft.

  Verwestlichung und Islamismus: Der Tourismus hat schnell zu relativem Wohlstand geführt, die Malediven gelten als Land mit mittlerem Einkommen. Der Bildungsstand ist hoch. Der Konsum orientiert sich oft an westlichen Vorbildern. Andere Religionen werden jedoch nicht toleriert. Und seit dem Tsunami 2004, so erklärt Frauenaktivistin Ibrahim, gibt es mehr Islamisten. Die schreckliche Erfahrung der Naturkatastrophe bewirkte eine Hinwendung zur Religion. Vor allem aber schickte Saudi-Arabien nicht nur Hilfsgelder, sondern auch Prediger ins Land. Jetzt holen Eltern ihre Kinder von der Schule ab – nicht nur aus Angst vor der zunehmenden Gang-Kriminalität. Sondern auch damit sie nicht in die Hände von Islamisten geraten. Eine junge Frau erzählt, jeder wisse, dass es in Male ein bestimmtes Buchgeschäft gebe. Dort müsse man nur ein Codewort sagen, wenn man als Kämpfer nach Syrien gehen wolle. Die Quote der IS-Kämpfer, bezogen auf die Bevölkerung, ist die höchste weltweit. Mohamed Hoodh Ibrahim von der Jugendorganisation YPS versucht eine Erklärung: „Wir wurden sehr schnell verwestlicht, vielleicht fühlen sich manche dadurch entwurzelt und ihrer Identität beraubt.“ Seine Organisation versucht, Frühwarnzeichen zu erkennen, wenn sich jemand radikalisiert. Programme zur Resozialisierung von Rückkehrern, so bedauert Shoko Nada, gibt es aber nicht.

  Gastfreundschaft und Fremdenfeindlichkeit: Touristen werden warmherzig empfangen, genießen die große Gastfreundschaft der Insulaner. Für Fremdarbeiter aus Ban- gladesch,die etwa auf den zahlreichen Baustellen arbeiten, trifft das nicht zu. Auf 60 000 wird die Zahl der „migrant workers“ geschätzt. „Es gibt leider viele Beispiele für Fremdenfeindlichkeit“, so Mohamed Hood Ibrahim. „Malediver lassen etwa Arbeiter aus Bangladesch nicht mit dem Aufzug fahren – oder treten sie von ihrem Motorrad aus weg, damit sie mit ihrem Fahrrad im Straßenverkehr umkippen.“

 

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