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Die Winterstarre bleibt aus

Von Wegen der weiterhin sehr guten Konjunkturlage finden in Hessen immer mehr Menschen Arbeit. Ohne Job waren so wenige Hessen wie seit 24 Jahren nicht mehr. Im Dezember fiel sogar die übliche saisonale Flaute aus.
Frankfurt. 

Die Lage auf dem hessischen Arbeitsmarkt war Ende 2017 so gut wie seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Im Dezember waren 156 350 Hessen arbeitslos, 9766 weniger als im Vorjahresmonat. Die Quote lag damit bei 4,7 Prozent. Die Arbeitslosenzahl sank sogar gegenüber November leicht. Das ist absolut unüblich, denn nach dem saisonalen Muster steigt sie im Dezember praktisch immer, weil Bauarbeiter oder Biergartenkellner ihre Jobs verlieren und viele Kündigungen zum Jahresende wirksam werden; entsprechend gab es auch bundesweit, anders als in Hessen, die saisonübliche Winterflaute.

Auch im Jahresdurchschnitt ging die Arbeitslosenzahl in Hessen zurück. Der Trend werde sich im laufenden Jahr fortsetzen, prognostizierte Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit (BA). Der Grund ist die blendende Lage der Wirtschaft: Viele Unternehmen sind ausgelastet bis zur Schmerzgrenze, der Neubau im Rhein-Main-Gebiet boomt, die Steuereinnahmen sprudeln.

Freilich zeigt die Statistik nur einen Teil der Wahrheit: Zählt man auch Menschen mit, die arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie Umschulung oder Fortbildung machen oder kurzfristig arbeitsunfähig sind, so lag diese sogenannte Unterbeschäftigung zuletzt bei 222 670 Hessen. Gleichzeitig waren Ende Dezember bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern knapp 53 650 offene Stellen gemeldet – deutlich mehr als vor einem Jahr. Aber rechnerisch kamen dennoch vier Stellensuchende auf jeden freien Job.

Fehlen Fachkräfte?

Vor allem in den Bereichen Verkehr und Lager sowie Dienstleistungen waren Arbeitsplätze frei. „Längerfristig fehlen uns die Fachkräfte“, warnte BA-Regionalleiter Martin und forderte, das Arbeitskräftepotenzial von Langzeitarbeitslosen, Älteren und Frauen auszuschöpfen. Prof. Alfons Schmid vom Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe-Universität Frankfurt schätzte diese „stille Reserve“ allein in Hessen auf bis zu 400 000.

Der neue Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen, Michael Rudolph, verlangte ebenfalls verstärkte Anstrengungen: „Der beruflichen Weiterbildung kommt angesichts der Digitalisierung, veränderten Arbeitsbedingungen und einem steigenden Renteneintrittsalter eine Schlüsselrolle zu. Wir fordern eine Qualifizierungsoffensive, im Zuge derer sich alle Beschäftigten für diese Veränderungen fit machen.“

Auf Bildungsdefizite machten ebenso die Arbeitgeber aufmerksam: „Die Bildungspolitik des Landes muss dafür sorgen, dass junge Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund so früh wie möglich Deutsch lernen, um gute Voraussetzungen für Schule und Ausbildung zu haben“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), Dirk Pollert.

Die Zahl arbeitsloser Ausländer stieg – entgegen der öffentlichen Wahrnehmung – gegenüber dem Vorjahr nur minimal. Dennoch lag bei ihnen die Erwerbslosenquote mehr als drei Mal so hoch wie bei Deutschen. Mittlerweile haben 14 591 arbeitslos gemeldete Menschen in Hessen einen Fluchthintergrund. Allerdings befinden sich viele derzeit noch in Integrationskursen oder Qualifizierungsmaßnahmen. Sie werden nach Martins Einschätzung dem Arbeitsmarkt noch in diesem Jahr schrittweise zur Verfügung stehen; mittelfristig werden es von rund 120 000 Flüchtlingen, die in den Jahren 2014 bis 2016 in Hessen angekommen sind, rund 45 000 sein. Es dürfte viele Jahre dauern, bis ein Großteil von ihnen tatsächlich beschäftigt ist.

Mehr Beschäftigte

Immerhin ist der Markt für sie aufnahmefähig, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung lag zuletzt 2,5 Prozent höher als im Vorjahr. Starke Anstiege gab es in den Wirtschaftszweigen Information und Kommunikation sowie Logistik. Doch natürlich ist die Lage nicht überall gleich gut: Die niedrigste Arbeitslosenquote haben der Landkreis Fulda (2,7 Prozent) und der Main-Taunus-Kreis. Die höchste Quote verzeichnet weiterhin die Stadt Offenbach mit 9,3 Prozent. Das zeitweilige Schlusslicht Kassel hat mit 7,4 Prozent dagegen fast zu Wiesbaden (7,2 Prozent) aufgeschlossen – übermäßig starr ist die Lage eben das ganze Jahr über nicht. Kommentar S. 2

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