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Die Würde der toten Kinder

Von Totgeborenen Kindern soll künftig mit mehr Würde begegnet werden. Das fordert das Ehepaar Martin in einer Petition an den Bundestag. Mehr als 40 000 Unterschriften zur Unterstützung sind dazu eingegangen.
Gedenken an die drei toten Kinder: Die Anrichte im Wohnzimmer von Barbara und Mario Martin ist der Platz, an dem mit Kerzen, Engeln und Plüschtieren an Joseph-Lennard, Tamino-Federico und Penelope-Wolke erinnert wird. Foto: Laubach Bilder > Gedenken an die drei toten Kinder: Die Anrichte im Wohnzimmer von Barbara und Mario Martin ist der Platz, an dem mit Kerzen, Engeln und Plüschtieren an Joseph-Lennard, Tamino-Federico und Penelope-Wolke erinnert wird. Foto: Laubach
Brechen-Niederbrechen. 

"Wir haben unsere Geschichte so oft erzählt, irgendwann ist es auch mal gut", sagt Barbara Martin. Es ist eine traurige Geschichte von ihr, ihrem Mann Mario und ihren Kindern Joseph-Lennard und den Zwillingen Tamino-Federico und Penelope-Wolke. Die Kinder sind tot. Frühgeburten für das Gesetz, Sternenkinder für die Eltern. Bis auf Penelope haben die Kinder nach dem Gesetz gar nicht existiert, bei Joseph-Lennard kämpft das Ehepaar seit drei Jahren mit der Klinik um eine Anerkennung. Joseph-Lennard und sein Bruder haben es nicht ins Stammbuch, ins Personenstandsregister, geschafft: zu klein, unter 500 Gramm Gewicht, ohne erkennbare Lebenszeichen. Kein Eintrag, kein Platz für die letzte Ruhe, kein Platz für die Eltern zum Trauern.

Und hier beginnt die neue Geschichte nach dem Tod der Kinder. Joseph-Lennard, Tamino-Federico und Penelope-Wolke haben einen Platz für ihre letzte Ruhe gefunden, auf dem Friedhof in Niederbrechen im Grab der Großeltern. Keine Selbstverständlichkeit. "Oft verlassen die Eltern die Klinik, ohne zu wissen, was mit ihren Kindern passiert ist", erzählt der Vater. Hygienisch entsorgt oder für medizinische Zwecke genutzt, das sind zwei Möglichkeiten, wenn die geborenen Kinder weniger als 500 Gramm wiegen. Ein Tod ohne Würde.

Das wird sich ändern. "Der Petitionsausschuss des Bundestags hat die Bundesregierung mit seinem höchsten Votum aufgefordert, eine Lösung zu erarbeiten", sagt Stefanie Vogelsang. Die CDU-Bundestagsabgeordnete aus dem Berliner Stadtteil Neukölln gehört dem Petitionsausschuss an und ist Berichterstatterin für die vom Ehepaar Martin eingereichte Petition, auch totgeborene Kinder unter 500 Gramm ins Personenstandsregister aufzunehmen. Nach Angaben der Abgeordneten wird noch vor der Sommerpause ein entsprechender Vorschlag der Bundesregierung erwartet.

Recht für alle Kinder

Doch damit noch nicht genug. "Wir wollen von der Koalition einen eigenen Gesetzentwurf einbringen", sagt Stefanie Vogelsang. Dazu hatten sie und Ingrid Fischbach als stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kurz vor Weihnachten zu einem Expertengespräch nach Berlin eingeladen. Mit am Tisch saßen auch Barbara und Mario Martin. "Unser Ziel ist es, dass alle geborenen Kinder ein Eintragungsrecht erhalten", hat Barbara Martin auch vor den Experten deutlich gemacht. Der Petitionsausschuss hat angeregt, im Rahmen einer gesetzlichen Neureglung auf eine starre Gewichtsgrenze von totgeborenen Kindern ganz zu verzichten.

"Viele hätten es gar nicht für möglich gehalten, dass Bürger mit einer Petition tatsächlich Gehör finden und es am Ende sogar eine Gesetzesänderung geben kann", darauf weist Georg Ehrmann von der Deutschen Kinderhilfe im Expertengespräch hin. Auch für Stefanie Vogelsang ist es außergewöhnlich, dass sie eine Petition von Privatpersonen begleitet. Normalerweise werden Petitionen von Verbänden oder Institutionen eingereicht.

"Aus meiner Sicht ein feines und wichtiges Anliegen", zollt Stefanie Vogelsang als zuständige Berichterstatterin dem Anliegen des Ehepaars aus Niederbrechen inhaltlich Respekt. Den Erfolg einer nun geforderten Gesetzesänderung habe sich das Ehepaar Martin jedoch nicht nur aus dem inhaltlichen Anliegen verdient, sondern vor allem auch durch seinen persönlichen Einsatz.

Ein Lob, das Barbara und Mario Martin zurückgeben. "Wir haben uns mit unserem Anliegen bei Frau Vogelsang immer gut aufgehoben gefühlt", sagen sie. In der Tat, ein Selbstläufer war die Petition nicht. Nachdem die Martins – nicht zuletzt auch mit Unterstützung des CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus-Peter Willsch – ihre Petition eingereicht hatten, wollte der Ausschuss die Akte schon schließen. Doch nach einem Gespräch mit dem Ehepaar war für Stefanie Vogelsang klar: Das Anliegen verdient weiter Unterstützung.

Lesen Sie im zweiten Teil von dem Treffen zwischen Barbara und Mario Martin und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Dem Ziel ganz nahe

Barbara und Mario Martin sind ihrem Ziel nun ganz nahe. "Wir haben immer wieder auch gehört: Die wollen in die Zeitung, die wollen ins Fernsehen. Uns ging es aber immer um die Petition", sagt Barbara Martin. Viele Anfragen von Fernsehsendern und Printmedien hat das Ehepaar abgelehnt. Auf der anderen Seite hat die Veröffentlichung in der Frankfurter Neuen Presse am 11. November 2009 ("Im Herzen leben die Kinder weiter") ihrem Anliegen einen richtigen Schub an Unterstützung gegeben.

Natürlich war es für sie spannend und aufregend, nach Berlin zu reisen, mit Abgeordneten und Fachleuten zu diskutieren und dabei auch den Mächtigen zu begegnen. Es gab sogar ein kurzes Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Sie war sehr interessiert und hat uns ihre Unterstützung zugesagt", berichtet Mario Martin.

Viele persönliche Betroffene haben ihr Schicksal mit Fehl- und Totgeburten dem Ehepaar mit auf den Weg gegeben. "Das ist schon sehr eindringlich", sagt auch Stefanie Vogelsang als Berichterstatterin des Petitionsausschusses. "Es war auch ein wenig beklemmend, wie viele Menschen ihre Hoffnungen mit unserer Petition verbanden", sagt Barbara Martin. Hoffnung, die nun zur Würde wird. Zur Würde für die totgeborenen Kinder, zur Würde für ihre Eltern.

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