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Kritik an der Globalisierung ist einseitig: Die andere Meinung: Nie nur in eine Richtung

Globalisierungskritik ist seit Jahren en vogue. Doch ist diese Kritik berechtigt? Oder hat die Globalisierung nicht auch ihre positiven Seiten? Zwei Forscher des Frankfurter Zukunftsinstituts geben Antworten.
Symbol der Globalisierung: Containerterminal im Hamburger Hafen. Foto: Axel Heimken (dpa) Symbol der Globalisierung: Containerterminal im Hamburger Hafen.

Wir leben im Zeitalter der Krisen. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Flüchtlingskrise . . . Wir scheinen von einer Katastrophe in die nächste zu stürzen. Klimawandel, Terror und Rechtspopulismus zeigen, wo es langgeht mit der Menschheit – nämlich steil bergab. Kein Wunder, dass die Globalisierung als solche einen schlechten Ruf hat.

Doch dieser Blick auf die Welt ist von Angst geprägt und vor allem von einer Medienwelt, die es sich zur Gewohnheit gemacht hat, diese Ängste zu nutzen, um möglichst viel Aufmerksamkeit – und damit Klicks – auf sich zu ziehen.

Schütteln wir diese Endzeit-Fantasien doch einmal ab und blicken auf den Zustand der Menschheit als Ganzes. Der Human Development Index (HDI) ist ein guter allgemeiner Wohlstandsindikator für Staaten. Er basiert auf statistischen Durchschnittswerten, die Lebenserwartung, den Bildungsgrad und den Lebensstandard einer Bevölkerung betreffend.

Betrachtet man die Entwicklung des HDI seit 1990, stellt man fest: Es geht stetig nach oben. Wurden 1990 noch 49 Länder als Nationen mit sehr hoher oder hoher menschlicher Entwicklung eingestuft, waren es 2016 105 Länder. Ebenso hat die Anzahl der Länder mit sehr niedrigem HDI abgenommen.

Auch abseits des HDI als Kennzahl für den allgemeinen Zustand der Welt offenbaren sich tiefgreifende positive Entwicklungen. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben müssen, verringert sich seit einem Jahrhundert – trotz steigender Bevölkerungzahlen. Tatsächlich verringert sich der Anteil der Armen an der Weltbevölkerung seit Jahren: in den vergangenen 16 Jahren von 80 auf 69 Prozent.

Immer mehr Menschen auf der Welt rutschen von prekären Verhältnissen in die Mittelschicht. Ähnlich positive Tendenzen zeigen sich in allen möglichen Bereichen: Immer weniger Menschen auf der Welt müssen hungern, Großstädte werden sicherer, die Anzahl der Gewalttaten sinkt, Bildung und insbesondere Alphabetisierung steigen in rasendem Tempo an, die Bereitschaft von Menschen, für ihre Nation in den Krieg zu ziehen, sinkt.

Es ist also an der Zeit, unser Bild von Globalisierung zu korrigieren. Trotz der Schattenseiten, die globalisierte Produktionsketten und Warenströme mit sich gebracht haben, stehen wir als Menschheit besser da als je zuvor. Noch fehlt uns die richtige Haltung. Zeit, einen kritischen Optimismus zu wagen und konstruktiv auf die Entwicklungen unserer Zeit zu blicken.

Völlig neue Generation

Das haben wir am Zukunftsinstitut mit unserem neuen „Generation Global Report“ getan. Dieser fokussiert nicht auf die bestehende Ungleichheit und die anscheinend unlösbaren Probleme. Ohne diese auszublenden, versuchen wir, die Chancen und Potenziale einer globalisierten Welt aufzudecken und ins Licht zu rücken – und zu zeigen, dass eine völlig neue Generation an Weltbürgern heranwächst, die die globale Gesellschaft formen wird, zu der wir uns dazu zählen.

Wir wissen, dass Globalisierung nicht Verwestlichung bedeutet. Sicher, die wirtschaftliche Dominanz des Westens und seiner Großkonzerne lässt sich nicht leugnen. Auch nicht der Fakt, dass mit wirtschaftlicher Expansion auch kulturelle Werte, Bilder und Konsumgüter in andere Gesellschaften diffundieren.

Jedoch nimmt die wirtschaftliche Vormachtstellung der USA und Europas seit Jahren ab: 1980 wurde die Weltwirtschaft noch zu 22 Prozent von den USA bestimmt, 2020 werden es noch 15 Prozent sein. Die G 7-Staaten machten 1980 noch 51 Prozent der Weltwirtschaft aus, 2020 sind es voraussichtlich noch 29 Prozent. Gleichzeitig streben nicht-westliche Länder zu neuen Wirtschaftsmächten auf. Globalisierung ist natürlich nicht nur ein ökonomischer, sondern vor allem auch ein sozialer Prozess. Und dieser geht nie nur in eine Richtung. Das Paradox der Globalisierung ist, dass sie gleichzeitig standardisiert und diversifiziert, zu mehr Einheitsbrei führt und zu mehr Komplexität, die sich in alle möglichen Richtungen spezialisiert. Einerseits trinken alle möglichen Leute überall auf dem Globus Pepsi und gucken Filme aus Hollywood, andererseits werden – vom Buddhismus über Zumba bis zu Holi-Festivals – ständig Elemente aus nicht-westlichen Kulturen in westliche Gesellschaften integriert.

Standard vs. Heterogenität

Gemeinschaften in Dörfern und Städten waren früher sehr stark kollektivistisch geprägt, Kirche und Staat prägten die Werte und Lebensweise der überwältigenden Mehrheitsgesellschaft. Heute leben wir in Städten, die bevölkert sind von Individuen, die in ihrer Lebensweise kaum heterogener sein könnten. Gleichzeitig ähneln sich die Global Cities untereinander teilweise mehr als die Großstadt der benachbarten Kleinstadt.

Selbst McDonald’s, das Sinnbild für Amerikanisierung, führt nicht allein zu Standardisierung von Arbeitsplätzen und gastronomischen Angebotsformaten. Eine Studie zeigt überraschende Effekte: Nicht nur nimmt die Kette in jedem Land eine andere soziokulturelle Bedeutung ein – in Russland als schickes Restaurant, in Deutschland als Ort, wo Jugendliche sich ihre Zeit vertreiben, in Amerika als klassisches Fast-Food-Restaurant. Auch die Produkte unterscheiden sich stark, je nach kulturellem und religiösem Umfeld der Filialen.

Das Beispiel zeigt: Globalisierung geht in alle Richtungen. Wir müssen Globalisierung weniger als Einfluss einer dominanten Kultur auf eine andere sehen, als vielmehr in komplexen Wechselwirkungen denken, in denen ständig neue hybride Formen entstehen.

Globalisierung bedeutet Wechselwirkung, Vernetzung, Diversifizierung. Und gleichzeitig Homogenisierung und Standardisierung. Vor allem erweitert sie den Möglichkeitsraum um eine neue Dimension einer bis dato einmaligen Optionenvielfalt. Diese Prozesse sind unaufhaltsam. Die sozialen, kulturellen oder ökonomischen Aspekte der Globalisierung sind nicht rückgängig zu machen. In dieser Welt der Paradoxe und zahllosen, dynamischen Verbindungen wächst gerade eine kaum sichtbare Generation von jungen, gebildeten Menschen heran, die sich durch eine neue Haltung auszeichnet: die Generation Global.

Lena Papasabbas und Tristan Horx sind Trend- und Zukunftsforscher am Frankfurter Zukunftsinstitut. Am 17. Juli erscheint der neue Trend-Bericht „Generation Global Report“, der einen neuen Blick auf das Thema Globalisierung wirft. Internet: onlineshop.zukunftsinstitut.de/shop/generation-global/

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