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Jugendfrei: Dienst als Tugend

Die Kolumne Die Kolumne

Sind Pflichten und Dienst für die Allgemeinheit notwendig oder sind sie unnötige Lasten, die in unserer modernen Zeit abgelegt werden müssen? Die Antwort auf diese Frage wird unser Leben in Zukunft bestimmen. Friedrich der Große (1712–1786) empfand sich als erster Diener seines Staates. Für die gewöhnlichen Bürger galt der Dienst an der Gemeinschaft als Selbstverständlichkeit. Unsere Generation ist zum Pflichtbewusstsein erzogen worden. Ein obligatorischer Dienst war bei gesunden jungen Männern die Wehrpflicht. Männer, die aus religiösen oder ethischen Gründen staatliche Gewalt und Krieg als letztes Mittel der Politik ablehnten, hatten die Möglichkeit zum zivilen Ersatzdienst. Sie dienten der Gesellschaft auf ihre Weise.

Ich habe auch in meiner Kolumne deutlich gemacht, dass die Beschränkung der Wehrpflicht auf Männer dem Gleichheitsgrundsatz unserer Verfassung widersprach. In Israel unterliegen Frauen ebenso wie Männer der Wehrpflicht. Deutschland ist relativ sicher, daher mag jeder wählen, ob sie als Soldatin dient oder er im sozialen Bereich seine Pflicht erfüllt. Doch prinzipiell sollte jeder junge Mensch eine Zeit lang der Allgemeinheit dienen.

Die Politik handelte anders. Vor sieben Jahren setzte der damalige Verteidigungsminister Freiherr zu Guttenberg die Wehrpflicht aus und wurde dafür allseits gelobt. Eine Berufsarmee mag kostengünstiger sein. Doch darum geht es nicht allein. Ich meine, dass ein Staatswesen nur funktionieren kann, wenn jeder bereit ist, auch für andere da zu sein.

Nun hat eine führende Politikerin den Vorschlag zur Diskussion gestellt, ein soziales Jahr für alle jungen Menschen einzuführen. Dies wird von vielen Seiten als ein Eingriff des Staates in die persönliche Freiheit vehement abgelehnt.

Diese Begründung steht für eine Haltung, vom Staat alles und vom Einzelnen nichts, zumindest nichts für die Gesellschaft, zu erwarten. Wir führen Steuern ab. Doch das genügt nicht. Jede Gemeinschaft ist auf die Solidarität ihrer Mitglieder angewiesen. Unangenehmes, Riskantes, Schwieriges kann man nicht auf den Staat abschieben. Bemerkenswert, dass jetzt der Vorschlag erörtert wird, junge Männer aus fremden Ländern als Soldaten anzuwerben. Soll das Schicksal unseres Landes in die Hände von Söldnern gelegt werden? Während die Pflege von Alten und Kranken ebenfalls weitgehend von Ausländern erledigt wird? Das ist kein Votum gegen Menschen aus anderen Ländern, sondern ein Einfordern unserer Pflicht.

Der Staat hat uns zu sehr verwöhnt. Genauer, die Politiker trauen sich nicht mehr, uns an unsere Pflichten zu erinnern. Zehntausende warten in Deutschland verzweifelt auf die Transplantation eines Organs, um zu überleben. Dies darf jedoch nur Menschen mit einem Organspenderausweis entnommen werden. Warum verkehrt der Staat nicht diesen Prozess? Fortan sollten jedem Toten Organe entnommen werden dürfen – außer sie verfügten zur Lebenszeit das Gegenteil. Viele Menschen könnten so gerettet werden. Zudem besteht bei Organübertragungen eine Altersgrenze. Ab sechzig wird man kaum mehr berücksichtigt. Warum? Ältere Menschen leben genau so gerne wie junge. Geld oder Prominenz dürfen nicht entscheidend sein. Wohlhabende haben auch die Möglichkeit, sich in anderen Ländern Organe transplantieren zu lassen.

Die aufgeführten Felder setzen sich zu einem gesellschaftlichen Mosaik zusammen. Wir wollen einen solidarischen Staat. Doch der kann nur bestehen, wenn Bürger und Politik sich bewusst sind, dass sie neben Rechten auch Pflichten besitzen, die man nicht auf andere abwälzen kann. Dienst an anderen Menschen ist keine Last, er ist eine Tugend.

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