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Die 68er: Drei Schüsse auf Rudi Dutschke und Unruhen in Frankfurt

Von Ein Hilfsarbeiter voller Hass wollte Dutschke töten. Die Studenten gaben der Springerpresse die Schuld an dem Anschlag.
Der frühere Studentenführer Rudi Dutschke im Oktober 1977, neun Jahre nach dem Mordanschlag auf ihn, im Festspielhaus in Recklinghausen. Nach dem Attentat musste Dutschke alles neu lernen. Foto: Hannes Hemann (dpa) Der frühere Studentenführer Rudi Dutschke im Oktober 1977, neun Jahre nach dem Mordanschlag auf ihn, im Festspielhaus in Recklinghausen. Nach dem Attentat musste Dutschke alles neu lernen.
Frankfurt. 

Es war im Jahr 1978 an der Universität Kassel. Ein dunkelgekleideter Mann mit Baskenmütze betrat die Aula: Rudi Dutschke. Tosender Beifall, Hoch-Rufe auf „die internationale Solidarität“ und dann nur noch „Rudi, Rudi“: Die Kasseler Studenten fühlten sich gestreift vom Mantel der Geschichte. Die 68er-Revolte lag zwar erst zehn Jahre zurück, aber ihr Anführer Rudi Dutschke war schon ein Mythos.

Ende der 70er Jahre zog er mit dem emigrierten tschechischen Dissidenten Milan Horacek durch die Lande, um für die in der Gründung befindlichen Grünen zu werben. Die Autorität des Studentenführers trug in der Tat viel dazu bei, im Umfeld der Universitäten eine Vertrauensbasis für die neue Umweltpartei aufzubauen. Die Hochschulen waren noch voll mit Reformdebatten, aber vor allem mit Nachfolgegefechten um die Deutungshoheit der 68er-Revolte. Moskautreue und maoistische Kommunistengruppen kämpften miteinander und gemeinsam gegen die mehr an der Selbstverwirklichung interessierten antiautoritären „Spontis“. All diese getrennten, aber doch durch die 68er-Zeit untergründig verbundenen Stränge kamen dank der Beglaubigung Dutschkes bei den Grünen wieder zusammen. Insofern wirkt „Rudi“ bis heute in die deutsche Politik hinein.

Damals in Kassel sprach er mit etwas schleppender Stimme und wirkte noch ein wenig gezeichnet von dem Attentat vom 11. April 1968, an dessen Spätfolgen er am 24. Dezember 1979 sterben sollte. Nach den Schüssen aus der Waffe des Hilfsarbeiters Josef Bachmann hatte Dutschke lange um sein Leben gerungen. Danach musste er das Sprechen mühsam wieder erlernen und blieb körperlich angeschlagen.

„Der Kampf geht weiter“

Das Attentat auf Dutschke trug wie der Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 maßgeblich zur Radikalisierung der Studentenbewegung bei. Deren extremste Stränge führten bis in den Terror der Roten-Armee-Fraktion (RAF). Dutschke war solidarisch auch mit dieser gefährlichen Abspaltung der Familie. 1974 rief er am Grab des RAF-Terroristen Holger Meins aus: „Der Kampf geht weiter!“

Das Attentat auf Rudi Dutschke wurde zum Auftakt von heftigen Studentenprotesten wie hier an der Mainzer Landstraße in Frankfurt. Bild-Zoom
Das Attentat auf Rudi Dutschke wurde zum Auftakt von heftigen Studentenprotesten wie hier an der Mainzer Landstraße in Frankfurt.

Dutschke kokettierte 1967/68 durchaus mit der Möglichkeit eines gewaltsamen Widerstands gegen das Establishment, weshalb der Soziologe Jürgen Habermas vor einem „linken Faschismus“ warnte. Aber Dutschke war kein Scharfmacher. Er hatte trotz mancher Guerilla-Romantik mit Terrorismus nichts am Hut. Als Anfang der 70er der RAF-Terror tobte, schrieb Dutschke seine Dissertation: „Versuch, Lenin vom Kopf auf die Füße zu stellen“. Es war gleichzeitig der Versuch, die russische Revolution von oben als eine Form despotischer asiatischer Anarchie darzustellen, die mit der marxistischen Idee einer Massenrevolution wenig zu tun hatte.

Die Springer-Presse hatte den Chef des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) 1968 zum Staatsfeind Nummer eins gemacht. Dutschke war die unumstrittene Führungsfigur der Bewegung. Das kam nicht von ungefähr: „Dutschke besaß großes Charisma. Er war ein begnadeter Redner, der mit seiner rauen und rauchigen Stimme binnen Minuten große Menschenmenge in seinen Bann schlagen konnte.“ So beschreiben ihn Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger in ihrem Buch „Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968.“ Man muss aus heutiger Sicht klar sagen: Nicht alles, was Dutschke sagte, war genau durchdacht. Die Begriffe, die er benutzte, waren, um mit dem Philosophen Arthur Schopenhauer zu sprechen, zum Teil wie ungedeckte Schecks. Noch in Dutschkes Dissertation sollte „Spiegel“-Autor Georg Wolff 1974 die „ungeheuer komplizierte Sprache“ bemängeln. Dutschke wirkte wohl mehr durch den Gestus seiner Rede als durch präzise Logik. Er war Symbolfigur einer ganzen Generation. Diese rannte gegen die Autorität der Eltern an, die wiederum dem Doppel-Phänomen von freier Rede und freier Liebe hilflos gegenüberstanden.

In seinem starken Song „Vatis Argumente“ lässt der Liedermacher Franz Josef Degenhardt einen Herrn der Kriegsgeneration wutentbrannt über Dutschke reden. Der Refrain: „Lieber Rudi Dutschke, würde Vati sagen: kaputt schlagen, kann jeder, aber wie wär’s denn mit Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbaun?“ Das Lied endet mit den knallharten Zeilen in Richtung Vati: „Hat er denn nicht gemerkt, dass ihn keiner mehr ernst nimmt . . .?“

Adresse für eine Mark

Als Rudi Dutschke am 11. April 1968, es war der Gründonnerstag, aus der Berliner SDS-Zentrale auf den Berliner Ku’damm trat, kam ihm ein kleiner, schmächtiger Mann entgegen. Der hatte nichts anderes im Sinn, als den Studentenführer zu töten.

Bachmann hatte sich zuvor bei verschiedenen Leuten nach Dutschkes Adresse erkundigt und diese schließlich für die Gebühr von einer Mark im Einwohnermeldeamt bekommen. Dutschke war in der SDS-Zentrale gemeldet. „Sind Sie Rudi Dutschke?“, fragte Bachmann. Als der Studentenführer bejahte, sagte Bachmann: „Du dreckiges Kommunistenschwein“ und schoss.

Bachmanns Hass war offenbar angestachelt worden durch einen Artikel in der NPD-Postille Deutsche Nationalzeitung. Überschrift: „Stoppt den roten Rudi jetzt“. Dazu fünf steckbriefartige Fotos. Bachmann hatte sich in München in einen Nachtzug nach Berlin gesetzt. Niemand, auch die Grenzpolizisten nicht, hatte gemerkt, dass er eine Waffe dabei hatte. Als sich die Nachricht vom Attentat verbreitete, gab der SDS sofort der Springer-Presse die Schuld. „Bild“ und „ BZ“ hatten in der Tat monatelang gegen die „Hippies“ und „Gammler“ gehetzt. In seinem Lied „Drei Kugel auf Rudi Dutschke“ sang Wolf Biermann: „Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald“.

Wie so oft war diese Erklärung zu einfach. Bachmann war eine traurige Existenz. Er hatte zuvor einen Job in München nach nur neun Tagen gekündigt („Ihr werdet noch von mir hören“) und machte später widersprüchliche Angaben zum Tatmotiv. Er nannte zwar vor Gericht auch einmal „Bild“ als die Ursache für seinen Hass, aber es war wohl eher ein unklares Gedanken- und Wutgebräu, das ihn leitete. Später in Haft unternahm Bachmann mehrere Selbstmordversuche. 1970 nahm er sich das Leben. Man kann ihn mit Menschen vergleichen, die eine ausländerfeindliche AfD-Rede so verstehen, dass sie ein Asylheim anzünden, oder mit dem unbedarften Frankfurter 68er Hans-Joachim Klein, der die Gewaltfantasien seiner intellektuellen WG-Freunde zu wörtlich nahm. Er glitt in den RAF-Terror ab. Mancher Brandredner ist überrascht, wenn den Worten Taten folgen.

Demonstranten versuchen vor der Frankfurter Societäts-Druckerei, in der eine Teilauflage der «Bild»-Zeitung gedruckt wurde, die Ausgänge zu verbarrikadieren, um die Auslieferung der Zeitung zu verhindern. Archivfoto: dpa
Historischer Liveticker So verliefen die Osterunruhen 1968 in Frankfurt

Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke waren die Ostertage in vielen westdeutschen Städten von großen Unruhen geprägt. Am 15. April 1968 ging es in Frankfurt besonders heftig zur Sache. Ein Protokoll in Echtzeit.

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Die Redaktion zeichnet die Frankfurter Ereignisse von vor 50 Jahren in einem Ticker in Echtzeit nach. Start: heute um 16 Uhr.

Dutschke hatte zwei Monate vor dem Attentat eine Art Vorahnung formuliert. Er befürchtete zwar nicht, dass der Staat, aber dass „individualisierter Faschismus“ gegen ihn und die Studenten „mobilisiert“ werden könnte.

Am Karfreitag nach dem Attentat wollte der SDS in der Mainzer Landstraße, wo damals in der Frankfurter Societätsdruckerei die „Bild“-Zeitung gedruckt wurde, deren Auslieferung verhindern. 2000 Demonstranten blockierten das Haupttor des Verlages. Die herbeigerufene Polizei versuchte freizuräumen: Es folgten heftige Straßenschlachten, die sich über das Osterwochenende hinzogen und bald vom Gallus aus in andere Stadtteile ausgriffen. Auch in Berlin und München gab es heftige Unruhen.

Die Polizei setzt damals noch nicht auf Deeskalation sondern ging im Wortsinn knüppelhart vor. „Wasserwerfer hielten in die Menge, berittene Polizei drang auf die am Boden Sitzenden ein. Schmerzensschreie waren zu hören, von den Demonstranten flogen Flaschen und Steine“, schreiben Göpfert und Messinger in ihrem 1968-Buch.

Die harten Auseinandersetzung schweißten den SDS zusammen. Über das gesamte lange Wochenende konnte er an die 10 000 Menschen mobilisieren. Damit begann an Ostern 1968 in Frankfurt eine harte Protestkultur, die auch die später von beiden Seiten gewaltsamen Demonstrationen im Frankfurter Westend, der Startbahn West oder in Brokdorf prägte.

Rudi Dutschke, die Ikone der in Berlin entstandenen Bewegung, konnte nicht mehr aktiv teilnehmen, als sie nach ganz Deutschland ausgriff. Als dann der Frankfurter SDS-Anführer Hans-Jürgen Krahl, ein begnadeter Theoretiker, 1969 bei einem Verkehrsunfall starb, war die Studentenrevolte im engeren Sinne beendet. In den 1970er Jahren rückten der aus Frankreich ausgewiesene Studentenführer Daniel Cohn-Bendit und sein Freund Joschka Fischer, der 1968 noch ein (sehr lernbegieriger)Zaungast war, mehr und mehr in den Vordergrund. Sie wurden dann maßgebliche Kräfte beim Aufstieg der Grünen, zu deren Entstehung Rudi Dutschke noch beigetragen hatte.

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