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Stahlmantels vom Unglücksreaktor in Tschernobyl: Eine Hülle über dem Sarkophag

Gut 30 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl versiegelt die größte bewegliche Konstruktion der Welt den Unglücksreaktor. Die Ukraine feiert den neuen Stahlmantel als technisches Meisterwerk. Doch viele drängende Fragen bleiben offen
Der neue Stahlmantel über der brüchig gewordenen Betonhülle am Unglücksreaktor in Tschernobyl ist 36 000 Tonnen schwer, 108 Meter hoch und 162 Meter lang. Bilder > Foto: imago stock&people (imago stock&people) Der neue Stahlmantel über der brüchig gewordenen Betonhülle am Unglücksreaktor in Tschernobyl ist 36 000 Tonnen schwer, 108 Meter hoch und 162 Meter lang.
Prypjat. 

Eine blasse Wintersonne steht über der Atomruine von Tschernobyl. Felder und Wälder in der Ukraine sind frisch verschneit. Doch das bekannte Bild des düsteren Reaktors im Osten Europas ist an diesem Novembertag dem glänzenden Stahl einer neuen Schutzhülle gewichen. Einzig der Schornstein erinnert an die markante Silhouette der Anlage, in der sich am 26. April 1986 eine fatale Explosion ereignet hatte. Wie ein drohender Zeigefinger ragt der rot-weiße Schlot in den Himmel. Den Rest des Katastrophenreaktors verschluckt der riesige neue Stahlmantel.

„Als sie mich anriefen, dass der Bogen drüber ist, machte es bei mir einfach nur Wuhh“, sagt Witali Petruk. Sichtlich erleichtert steht der Verwaltungschef der Sperrzone in der Nähe der Hülle, neben ihm Umweltminister Ostap Semerak. Die Kapuzen wegen des Schnees tief ins Gesicht gezogen, schießen beide Erinnerungsfotos. „Immerhin ist das ein historischer Tag“, sagt Semerak.

„Wie nukleare Wunde“

Auch beim ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ist die Stimmung gelöst, als er zur Zeremonie am Unglücksreaktor eintrifft. „Yes, wir haben es geschafft“, ruft er und reckt einen Daumen nach oben. Der neue Sarkophag soll 100 Jahre Sicherheit vor Strahlung garantieren. „Es ist, wie eine nukleare Wunde zu schließen, die uns alle betrifft“, sagt Hans Blix, ehemaliger Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA.

Doch trotz vieler nachdenklicher Worte: Kritik an der Nutzung der Atomkraft ist an diesem Tag nicht zu hören. Allein die Ukraine betreibt vier weitere Kernkraftwerke. Eine Ausstiegsdiskussion wie etwa in Deutschland ist weder in Europas zweitgrößtem Flächenstaat, noch in anderen früheren Sowjetrepubliken in Sicht – im Gegenteil. Viele von ihnen sehen trotz Tschernobyl keine Alternative zur Atomkraft.

„Eine Herausforderung für Architekten und ...

Für die neue Hülle des havarierten Atomkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine laufen die Fäden bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung zusammen. Die Organisation mit Sitz in London hilft Ländern in Mittel- und Osteuropa bei ihrem Transformationsprozess. Mit dem Direktor der Abteilung Nukleare Sicherheit sprach Wolfgang Jung von der Deutschen Presse-Agentur.

clearing

So versüßt Russland seinem Nachbarn Weißrussland gerade mit einem Milliardenkredit den Einstieg in die Atomkraft. Dabei leben seit dem Tschernobyl-GAU mehr als eine Million Weißrussen in radioaktiv verseuchten Gebieten. Viele Menschen nehmen mit Milch und Fleisch weiter das Strahlengift Cäsium-137 auf. Soziologen etwa in der Ukraine sehen aber auch angesichts der Katastrophe im japanischen Fukushima 2011 ein langsam wachsendes Bewusstsein für die Gefahren der Kernenergie.

Nur zwei Kilometer von Tschernobyl entfernt ist die zerstörerische Kraft radioaktiver Strahlung noch greifbar – in Prypjat. 30 Jahre nach dem Super-GAU ist die einstige sowjetische Musterstadt noch immer hoch radioaktiv und unbewohnbar. Als am 26. April 1986 nach Mitternacht der Druckröhrenreaktor wegen einer Technik-Panne explodiert, schlafen die meisten der rund 50 000 Einwohner. Rund 30 Stunden nach dem Unglück beginnt die Evakuierung. Im Zentrum von Prypjat sind zu der Zeit für die Maifeiern ein Riesenrad und Karussells aufgebaut. Diese stummen Zeugen von damals rosten in der verstrahlten Umgebung vor sich hin.

Vor dem Unglückskraftwerk steht noch immer eine Skulptur der griechischen Sagengestalt Prometheus, die das Feuer bändigt. Es ist das unheilvolle Symbol, mit dem der kommunistische Machtblock Überlegenheit selbst über Naturgewalten demonstrieren wollte.

Doch Verwaltungschef Petruk blickt im gut geheizten Zelt nahe der neuen Hülle lieber nach vorn. „Ich hoffe, dass der Unterhalt des Sarkophags aus dem Staatsbudget bestritten wird“, sagt er. Umweltminister Semerak schätzt die Betriebskosten für den Stahlmantel auf jährlich 600 Millionen US-Dollar. Woher die von einer Wirtschaftskrise und einem Krieg gegen Separatisten ausgelaugte Ukraine das Geld nehmen soll, ist unklar.

Ferngesteuerte Maschinen

Der Stahlmantel soll von nun an einen Austritt von Strahlung verhindern und die Ruine vor Umwelteinflüssen schützen. In den kommenden Jahrzehnten wollen Experten mit Hilfe ferngesteuerter Baumaschinen den alten Sarkophag und den restlichen Brennstoff unter der Stahlglocke abbauen. Wie genau, gilt aber als offen.

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