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12 Jahre Kanzlerin: Eine ganze Generation ist mit Angela Merkel aufgewachsen

Von Schier unaufhaltsam steuert Angela Merkel den Kanzlerschaftsrekord von Helmut Kohl an. Eine ganze Generation junger Erwachsener ist im Schatten ihrer Amtszeit aufgewachsen. Dominik Rinkart, Jahrgang 1992, blickt auf die „Generation Merkel“.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht am 30. November 2005 in Berlin vor dem Deutschen Bundestag. Merkel hält ihre erste Regierungserklärung nach der Wahl zur Bundeskanzlerin. Foto: Peer Grimm dpa/lbn Foto: Peer Grimm (dpa) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht am 30. November 2005 in Berlin vor dem Deutschen Bundestag. Merkel hält ihre erste Regierungserklärung nach der Wahl zur Bundeskanzlerin. Foto: Peer Grimm dpa/lbn
Frankfurt. 

Sie war schon immer da: Seit ich denken kann, ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Es klingt erschreckend, nahezu undemokratisch. Ich, 25 Jahre jung, durch und durch politisch denkend, aufgewachsen in einer der besten Demokratien der Welt, geprägt von nur einer mächtigen Frau.

Sie war schon immer da: Das wohl frühste nationale Ereignis, das sich in meinen Erinnerungen mit scharfen Bildern und bunten Farben niederschlägt, ist das Sommermärchen 2006. Auch die historischen „Wir-sind-Papst“-Freuden ein Jahr zuvor vermögen es bei großer Anstrengung aufzuflackern. Alles Davorgewesene scheint eher eine Abbildung fremder Erzählungen denn eigene Erinnerung zu sein.

So auch die Amtszeit eines gewissen Gerhard Schröder. Es sind schleierhafte Rekonstruktionen verblasster Gedanken. Ja, es gab da mal jemanden im Kanzleramt, einen Mann sogar. Chef einer anderen Partei, nicht mal eine große Koalition. Doch in der Erinnerung rangieren diese Fakten irgendwo zwischen Mauerfall und altem Rom. Detailwissen und Emotionen setzen weitaus später ein – 2006.

In der Erinnerung rennt Phillip Lahm im WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica mit bandagiertem Arm auf Höhe des Sechzehners von Linksaußen in die Mitte und erzielt das erste Tor der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Und wer sitzt auf der Tribüne und jubelt? Angela Merkel. Ja, sie war schon immer da.

Selbst die katholische Kirche hat einen neuen Chef, obwohl sie das gar nicht müsste. 2006 ist lange her: Ins Internet zu gehen, war damals noch ein bisschen aufregend. Mein Handy war ein Nokia 6230.

Wer bin ich? Wo lebe ich eigentlich? Was bedeutet es, Deutscher zu sein? Wer sind die Guten und wer die Bösen? Was ist links und was ist rechts? Und wo möchte ich stehen? Die prägendsten Zeiten standen gerade erst bevor. Ich wurde erwachsen, machte Abitur, studierte, wurde Journalist. Ich fand heraus, was ich von einem Land erwarte und was meine politischen Prinzipien sind. Nur eines fand ich nie heraus: Wie ein Land von unterschiedlichen Politikstilen leben kann.

Was ist alles möglich in der Politik? Wie weit kann eine Regierung gehen? Ist es möglich, dass Regierungschefs sich emotional äußern, auch mal über die rhetorischen Stränge schlagen, sich mit anderen anlegen, ein Machtwort sprechen? Einen Kanzler zu haben, der auch international mal knallharte Ansagen macht – undenkbar, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte. Alles, was jenseits eines moderaten, kompromissbereiten, beruhigenden Tonfalls ist, grenzt für meine Generation bereits an Revolution. Ja, da ist Angst, Angst, emotionale Debatten könnten die Stabilität gefährden. Wir haben schlicht keine anderen Erfahrungswerte. Es ist diese beruhigende Mischung aus Mütterlichkeit und Stockholm-Syndrom, mit der ich seit jeher meine politischen Gedanken reflektiere. Grau ist jede politische Theorie – nach zwölf Jahren Kanzlerschaft. Aber es könnte wahrlich schlimmer sein. Deutschland geht es im Großen und Ganzen gut und mir sowieso. Das Leben in der Merkel-Matrix ist für gutbürgerlich Aufgewachsene zufriedenstellend. Doch plötzlich wird es aufregend: 2015 mischte sich sogar etwas Stolz mit, ein Deutscher zu sein: „Wir schaffen das“, weil wir nun mal Deutschland sind, und wenn das jemand schafft, dann wir. So patriotisch war ich selten, dank Merkel. Doch auch dieser Sturm ließ nach und der Gleichklang erobert langsam seine Vorherrschaft zurück. So beginnt sie nun, die Amtszeit „Merkel IV“ und mit ihr stellt sich eine ganze Generation die Frage: Ist das wirklich alles?

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