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FNP-Bericht sorgt für Wirbel: Empörung: 16-Jährige aus dem Unterricht abgeschoben

Die Schulgemeinde bleibt geschockt zurück. Das Entsetzen über die Art und Weise der Abschiebung erreicht den Landtag: Polizisten haben eine Hauptschülerin (16) direkt aus der Kurt-Schumacher-Schule in Karben (Wetteraukreis) abgeholt – und zum Flieger nach Serbien gebracht.
Karben/Wiesbaden. 

Die Abschiebung einer 16 Jahre alten Schülerin sorgt im Wiesbadener Landtag für reichlich Ärger. Dass die Polizei ein aus Serbien stammendes Mädchen am Dienstag aus dem Schulunterricht riss und wenig später abschob, wollte das CDU-geführte hessische Innenministerium gestern nicht kommentieren.

Dafür fordern SPD, Linke und Grüne Aufklärung: „Wir sind schockiert darüber, dass in einer derart unmenschlichen Weise gegen eine Minderjährige vorgegangen wurde“, sagt Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag.

„Das ist absolut unsensibel. So eine Aktion gehört nicht in die Schule“, kritisiert Christoph Degen, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. „Wir werden das Innenministerium bitten, uns über den Hergang der Abschiebung zu informieren und zu erläutern, warum die Polizei einen Zugriff in der Schule für nötig hielt“, sagt Jürgen Frömmrich, innenpolitischer Sprecher der grünen Landtags-Fraktion.

Mirco Overländer
Kommentar: Abschiebung in Karben Abschiebung: Ein zweischneidiges Schwert

Dass die Polizei keine andere Möglichkeit sah, als ein schulpflichtiges Mädchen aus dem Unterricht zu reißen, zeugt von mangelndem Fingerspitzengefühl und lässt reichlich Raum für Spekulationen.

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So lief die Abschiebung ab

Es ist die Schulsekretärin, die den schweren Gang gehen muss. Sie bittet die 16-jährige Hauptschülerin am Dienstagmorgen aus Klasse 7H heraus. Da läuft gerade die erste Unterrichtsstunde an der Kurt-Schumacher-Schule in Karben nördlich von Frankfurt.

Im Büro des kommissarischen Schulleiters Stephan Mierendorff stehen zwei Polizisten. Das Mädchen darf sich noch von Freunden und Lehrerinnen verabschieden. Dann nehmen die Beamten die Schülerin mit. Denn ihr der Asylantrag ist abgelehnt. Ihre Heimat gilt als „sicheres Herkunftsland“.

Eine Abschiebung direkt aus der Schule: „Dies dürfte der erste Fall gewesen sein“, räumt Dieter Ohl ein, Sprecher des als Ausländerbehörde fungierenden Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt, das landesweit für Abschiebungen zuständig ist.

Die mehr als 1200 Schüler der größten allgemeinbildenden Schule im Wetteraukreis und ihre Lehrer bleiben geschockt zurück. „Ein Unding, dadurch werden andere Kinder traumatisiert“, kritisiert der Karbener Integrations-Stadtrat Mario Schäfer (Grüne).

Das sieht Peter Zeichner vom Kreisverband Friedberg der Lehrergewerkschaft GEW ebenso: „Man kann Abschiebungen auch rücksichtsvoller vornehmen.“ Entsetzt ist auch Marcel Kalif, Oberstufenschüler in Karben und Wetterauer Kreisschulsprecher: „Wir fordern eine schnelle Aufklärung, wie es soweit kommen konnte.“

RP-Sprecher Ohl verteidigt: „In der Regel werden die zur Abschiebung vorgesehen Personen sehr früh aufgesucht.“ Doch die Polizei habe Mutter und Tochter nicht in deren Gemeinschaftunterkunft angetroffen. „Vermutlich weil sie mit der Abschiebung bereits rechneten.“

Nachdem die Asylanträge abgelehnt waren, musste die Schülerin seit dem 15. Dezember 2014 jederzeit mit der Abschiebung rechnen, ihre Mutter sogar seit Ende 2013. „Die Familie wurde auf die Möglichkeit zur freiwilligen Ausreise hingewiesen“, sagt Dieter Ohl. „Sie ließ diese Möglichkeit aber ungenutzt.“

Selbst wenn die Abschiebung rechtens sei, kritisiert Schulleiter Mierendorff doch Ort und Zeit. Es sei nicht anders möglich gewesen, beteuert Jürgen Werner, Leiter der Polizei Bad Vilbel. Schon um sechs Uhr – der rechtlich frühestmöglichen Zeit – hätten die Beamten vor der Flüchtlingsunterkunft in Karben gestanden. Mutter und Tochter seien nicht dort gewesen.

Daraufhin hätten die Polizisten mögliche Aufenthaltsorte ermittelt und die Mutter eine gute Stunde später bei ihrem Bruder im gut zwölf Kilometer entfernten Niddatal-Bönstadt aufgreifen können. Nach einem Hinweis der Mutter seien die Beamten direkt in die Schule gefahren, um auch die Tochter abzuholen.

Danach brachte die Polizei das Mädchen nach Friedberg. Dort traf sie auf ihre Mutter. Beide wurden von dort per Reisebus zum Frankfurter Flughafen gefahren, zusammen mit 14 weiteren abgeschobenen Menschen.
Rhein-Main & Hessen
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