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Kriminalität: Fall Johanna: Polizei in der Kritik

Von Hätte der mutmaßliche Mörder von Johanna Bohnacker aus Ranstadt in der Wetterau früher gefasst werden können? Der Mann war auf jeden Fall polizeibekannt. Seltsam bleiben die Umstände des Vorfalls, der zu seiner Festnahme führte.
Archivfoto: dpa Bilder > Foto: Polizei (dpa) Archivfoto: dpa
Gießen. 

Der mutmaßliche Mörder von Johanna stand in mehr Fällen als bisher bekannt im Fokus der Polizei. Das haben Recherchen dieser Zeitung ergeben. Immer wieder ging es um Anschuldigungen im Zusammenhang mit sexueller Nötigung von Minderjährigen. Die ersten Fälle, in die er verwickelt war, liegen 24 Jahre zurück. Ein weiterer Fall geschah im Jahr 2011, zwölf Jahre nach Johannas Ermordung.

Im Jahr 1993 verletzt der Mann aus Friedrichsdorf ein junges Mädchen in Bad Homburg. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt gegen den damals 17-Jährigen auch wegen sexueller Nötigung. Er erhält eine Verurteilung wegen Körperverletzung, aber nicht wegen eines Sexualdelikts. Zwei Jahre später berührt er ein Mädchen in einem Schwimmbad unsittlich. Wieder ermittelt die Staatsanwaltschaft. Nach der Entführung und Ermordung von Johanna Bohnacker 1999 gerät er aber nicht wegen dieser Vorfälle ins Visier der Ermittler, sondern als einer von rund 600 Haltern eines VW Jetta aus dem Hochtaunuskreis. Ein Zeuge hatte den Wagen in der Nähe des Tatorts in Ranstadt-Bobenhausen gesehen.

Nach Recherchen des Hessischen Rundfunks ist der Mann auch für einen Vorfall aus dem Jahr 2011 in Friedrichsdorf verantwortlich. Er versuchte, ein siebenjähriges Mädchen in Friedrichsdorf-Köppern zu entführen. Ihr Vater und ein Nachbar können das Kind an sich ziehen, der Vater erleidet eine Handverletzung. Ermittelt wird wegen Körperverletzung.

Interne Details genannt

Weder die alten Fälle noch der jüngere bekannte Fall führen dazu, dass der Beschuldigte bei den Ermittlern oben auf der Verdächtigen-Liste steht. Auch nicht, dass er mehrfach erkennungsdienstlich behandelt wurde. Im Jahr 2000 kommt der Mann wegen Drogendelikten ins Gefängnis. Die Fingerabdrücke zeigen bei einer Datenbank-Suche keine Übereinstimmung zu den im April 2000 gefundenen Fingerabdrücken bei der Leiche Johannas. 2006 werden dem Friedrichsdorfer erneut Fingerabdrücke abgenommen – diesmal im Zuge einer Reihenuntersuchung von Jetta-Fahrern im Fall Johanna. Wieder rutscht er durchs Raster.

„Der Mann hätte aufgrund der Beweislage viel früher festgenommen werden müssen“, behauptet nun ein Mann, der dieser Zeitung interne Ermittlungsdetails nennt. Er erzählt von den Fällen aus den Jahren 1993 und 1995, welche die Staatsanwaltschaft bestätigt hat. Vor allem bezieht sich der Anrufer aber auf den Maisfeld-Fall im August 2016 im Niddaer Stadtteil Borsdorf im Wetteraukreis, der letztlich zur Festnahme des Mannes führte. Hier erhebt er schwere Vorwürfe gegen die Polizei.

Streife kommt nicht

In dem Feld hatte der Tatverdächtige ein damals 14-jähriges Mädchen mit Klebeband gefesselt, sie auch geknebelt. Zeugen sprachen zunächst von einem Pärchen, zwei Männer hielten den Verdächtigen schließlich fest und verständigten die Polizei in Büdingen.

Die zuständige Beamtin schickte aber keine Streife los – und die beiden Zeugen ließen den Mann wieder gehen. Nach Aussage von Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, kontaktierte die Polizistin erst später die Zeugen per Telefon. Die beiden Männer hatten offenbar in den Taschen des mutmaßlichen Täters Ausweisdokumente gefunden und konnten der Polizei den Namen nennen. Ob die erste Einschätzung der Beamtin damals falsch war, will die Polizei laut Reinemer überprüfen.

Thomas Hauburger, ermittelnder Staatsanwalt in Gießen, spricht von einer schwierigen Einordnung des Falles. Eine Vergewaltigung habe es nicht gegeben. „Sie hat der Fesselung zugestimmt.“ Erst im Laufe der Ermittlungen fielen Parallelen zum Fall Johanna auf. Dabei geht es um das Klebeband, Fasern daran und die Art der Fesselung. „Wir brauchten diesen konkreten Verdacht, um weiter belastbare Indizien zusammenzubringen und den Beschuldigten überführen zu können“, sagt Hauburger. Ein erster Vergleich der Fingerabdrücke brachte wieder keinen Erfolg. Der Verdacht aber blieb bestehen, weil das Profil des Verdächtigen ins Raster passte. Die Ermittler wendeten sich an das Bundeskriminalamt, welches die Abdrücke mit modernsten Mitteln untersuchte. Und genug Übereinstimmungen fand.

Die Vorwürfe, dass man den Täter früher hätte haben können, wollen Reinemer und Hauburger nicht gelten lassen. Man müsse die jeweiligen Zeitpunkte betrachten, zu denen der Mann ins Visier der Ermittler geriet. Und auch die Tatorte. Die jeweils zuständigen Ermittler hätten den Mordfall Johanna nicht zwingend bei jedem Anfangsverdacht vor Augen. Die Brücke zwischen den Vorfällen im Hochtaunuskreis und jenen im Wetteraukreis dränge sich in der Nachbetrachtung auf – im Polizeialltag aber nicht.

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