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Stadtdenker im Interview: Georg-Christof Bertsch: "Wir müssen größer denken in Frankfurt"

Von Professor Georg-Christof Bertsch findet, dass die Planungspolitik zu kleinteilig denkt. Die Zukunft sei nur sinnvoll zu gestalten, wenn man die Stadtentwicklung der nächsten Jahrzehnte antizipiert. Damit der Wohnungs- und Verkehrsdruck auf Frankfurt nicht noch weiter steigt, müssten Arbeit und Wohnen wieder zusammengeführt werden, sagt der Stadtdenker im Gespräch mit Politikchef Dieter Sattler.
?Die Planung ist zu kleinteilig.? Foto: Alexander Eilender/Metropol Images ?Die Planung ist zu kleinteilig.?

Nach jüngsten Berichten ist Frankfurt hinter München Pendlerhauptstadt Nummer zwei. Sie haben sich etwas skeptisch dazu geäußert. Aber es ist doch prima, wenn Frankfurt wirtschaftlich boomt. . ?

GEORG-CHRISTOF BERTSCH: Auf der einen Seite ist es gewiss ein positiver ökonomischer Indikator, dass viele Menschen nach Frankfurt pendeln. Auf der anderen Seite haben wir die ökologischen Kosten. Wir haben aber auch soziale Kosten, z.B. lange Abwesenheit von zu Hause. Wir haben Gesundheitskosten, die mit diesen unangenehmen, immer wiederkehrenden, frustrierenden Stau-Erfahrungen zu tun haben, bis hin zu Depressionen, wenn der Tag gleich mit Frust beginnt, Rückenleiden, denn nicht jeder sitzt in einer S-Klasse. Aber der entscheidende Punkt ist schlicht und ergreifend die Zerstörung von Arbeits- und Lebenszusammenhängen, an die wir uns im Laufe der Geschichte gewöhnt haben.

Was meinen Sie damit genau?

Georg-Christof Bertsch Bild-Zoom Foto: Alexander Eilender
Georg-Christof Bertsch
BERTSCH: Wenn wir die alte Stadt Frankfurt betrachten, da hatten wir ein ökonomisches Wertschöpfungszentrum, das waren die Marktplätze, und außen herum wohnten die Menschen. Sie wohnten in unmittelbarer Nähe ihres Arbeitsplatzes. Diese Trennung der Arbeitsplätze von den Wohnstätten seit dem 19. Jahrhundert hat sich zur Normalität im 20. Jahrhundert entwickelt. Doug Saunder hat in seiner viel beachteten Studie Arrival City darauf hingewiesen, dass gerade der Zusammenhang von Arbeiten und Wohnen in EINEM Haus einer der produktivsten sozio-ökonomischen Faktoren überhaupt ist. Wir haben uns jedoch fatalerweise daran gewöhnt, dass es normal sei, sehr lange zum Arbeitsplatz zu pendeln. Das ist keineswegs normal, das sollte auch keineswegs so bleiben.
ARCHIV - Die Skyline mit Bankentürmen von Frankfurt am Main (Hessen),
Zukunftsplanung Wie soll Frankfurt wachsen?

Frankfurt wächst und wächst. Der Druck auf den Wohnungsmarkt steigt, der Verkehr wird immer dichter. Deshalb empfehlen Städteplaner die Region mehr zu vernetzen, um Frankfurt zu entlasten.

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Was kann die Politik tun, um das in Ihren Augen intelligenter zu steuern? Das heißt, wie können Verkehr, Wohnen und Arbeit besser organisiert werden, um Druck von den Ballungsräumen und vom Ballungsraum Frankfurt speziell zu nehmen?

BERTSCH: Es gibt natürlich steuerliche Möglichkeiten, das ist nicht mein Gebiet. Es muss ein Umdenken im Mobilitätsverhalten stattfinden. Künftig kann, ja darf nicht mehr jeder individuell mobil sein. Und wir müssen einfach besser planen. Es wird zwar in Frankfurt mehr gebaut, und die städtische Baugesellschaft baut ja unterdessen auch außerhalb Frankfurts, um diesen Druck etwas zu mindern. Der entscheidende Punkt bleibt aber dieses Paradigma, dass Arbeit und Wohnung getrennt sein können, und zwar derartig weit getrennt sein können, dass eine erhebliche Zeit des Tages im Auto verbracht wird oder im ÖPNV.

Sehen Sie irgendwo politische Kräfte, die in Ihrem Sinn wirken könnten?

BERTSCH: Ich denke, dass wir momentan eine Situation erleben, in der Frankfurt in einem Ausmaß wächst, wie wir es schon lange nicht mehr kannten. Das wird vermutlich noch zunehmen. Wachstumsdynamiken sind zwar prognostiziert, es kann aber durchaus wesentlich schneller gehen. Kein Mensch hätte erwarten können, dass die Städte im ausgehenden 19. Jahrhundert explosionsartig wachsen. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts hätten die Prognostiker mit Sicherheit falsche Angaben gemacht. Der Druck auf diese Region wird auch durch die neue Rolle Deutschlands in der EU, nicht nur aufgrund des Brexits, deutlich steigen. Wir haben seitens der HfG im Laufe der letzten Jahre einige Mobilitätsprojekte durchgeführt unter anderem in den großen, boomenden Städten des Südens – in Rio, in Delhi, in Istanbul, wo eben dieses explosionsartige Städtewachstum zu Verkehrsinfarkten führt. Das ist dort der Normalzustand.

Können Sie beschreiben, was da passiert?

BERTSCH: Brücken in Istanbul sind konstant blockiert, Tunnel in Rio sind immer blockiert. Delhi: Der Stadtverkehr ist eine einzige Katastrophe. Das heißt, die Vernichtung volkswirtschaftlicher Produktivität durch diese ungedachten Verkehrssituationen ist gewaltig. Das heißt, wenn man es wirklich ökonomisch betrachten würde, ernsthaft ökonomisch, dann müsste man sagen: Man muss Arbeiten und Wohnen wieder näher zusammenbringen. Dafür gibt’s auch durchaus Möglichkeiten und Konzepte.

Kann man auch kurzfristig für Anreize sorgen, damit die Menschen nicht alle in die Metropole drängen? Wir sehen das selbst an den Flüchtlingen, die sich immer in den Ballungsräumen ansiedeln wollen und nicht auf der Fläche, wo es vielleicht mehr Arbeit gäbe. Wie kann man gegensteuern?

BERTSCH: Die Flüchtlinge suchen natürlich nach sozialer Teilhabe. Sie suchen nach der Möglichkeit, sich in Großstädten mit Menschen aus ihren eigenen kulturellen Kontexten zu treffen. Das ist auf dem Land schlechter möglich. Soviel zu diesem speziellen Thema. Zu der allgemeinen Fragestellung will ich darauf hinweisen, dass es in der Geschichte Modelle wie die klassische Werkswohnung gibt. Im 19. Jahrhundert war es noch völlig üblich, dass Firmen um Industrieanlangen herum sehr attraktive Wohnviertel gebaut haben. Davon hat kein Mensch mehr etwas gehört in den letzten Jahrzehnten. Das ist ein großes Thema.

FRAGE: Könnte man auch an Steuererleichterungen denken, z. B. für Unternehmen, damit diese sich stärker in der Region, also außerhalb von Frankfurt, ansiedeln, um näher an den Menschen zu sein, bei den potenziellen Arbeitskräften.

BERTSCH: Wir erleben ja momentan das Hindrängen vor allem der Logistik, das sind ja große Wachstumszentren, das sind Logistikknoten, zum Beispiel in Dietzenbach. Die versuchen, möglichst nah an die Stadt ranzukommen, aber weit genug draußen zu bleiben, um vernünftige Verteilerstrukturen aufzubauen. Man muss, um das beantworten zu können – das ist eine sehr komplexe Fragestellung – Logistik und Mobilität zusammendenken. Deshalb haben Kai Vöckler, Peter Eckart und ich 2013 das Designinstitut für Mobilität und Logistik gegründet. Denn nur den Personenverkehr und nur den Fracht- und Güterverkehr allein zu betrachten, macht keinen Sinn. Gerade die Kombination von Fracht- und Güterverkehr und Personenverkehr ist interessant. Dass man beides kombiniert, wie im Flugzeug zum Beispiel. Man kann sich auch vorstellen, dass das stärker kombiniert wird, auch über Apps oder über internetbasierte Systeme, so dass man weniger Verkehr auf die Straße bekommt, zum Beispiel weniger Lieferverkehr, weil Fracht eben auch in privaten Fahrzeugen transportiert wird. Das ist ein Modell.

Haben Sie ein Beispiel zur Entlastung?

BERTSCH: Ja, gerade im Dienstleistungssektor ist es möglich, Meetings nicht in der Stadt zu veranstalten, sondern sie um die Stadt herumwandern zu lassen. Einmal in Glashütten, einmal in Hanau, einmal in Michelstadt im Odenwald, eben da, wo die Leute wohnen. Dann müssen nicht alle nach Frankfurt kommen und den Verkehr noch mehr belasten. Dies in Kombination mit besseren Heimarbeitsplätzen und Teleworking würde die Situation bereits verbessern.

Gibt es positive internationale Beispiele in anderen Städten, die Arbeit und Wohnen wieder näher zusammenzubringen?

BERTSCH: Selbstverständlich. Aber ich will hier nichts aufzählen, sondern auf ein Mega-Phänomen verweisen: Gerade in den informellen Städten des Südens, also in den Favelas und den Slums, liegen ganz natürlich Produktionsstätten und Arbeitsplätze an einem Ort. Das ist so wie in unseren Städten des Mittelalters organisch gewachsen, ungeplant im heutigen Sinne. Da entsteht genau das. Es ist natürlich jetzt keine Perspektive für uns, hier gezielt Favelas entstehen zu lassen. Es ist aber durchaus eine interessante Beobachtung, dass man sich das mal genauer anguckt. Mein Kollege Eckhart Ribbek hat sich damit ausführlich beschäftigt, mit der informellen Moderne und dem informellen Wachstum dieser Städte, auch den Wachstumsstrukturen. Man kann eine Menge daraus lernen, wie diese Städte im vermeintlichen Chaos irgendwie doch funktionieren.

Angenommen Dynamik und Wachstum in Frankfurt würden sich so fortsetzen. Wird dann in 10, 15 Jahren eine Wohnung in Frankfurt für die Krankenschwester, für den Polizisten überhaupt noch finanzierbar sein? Oder müssen die außerhalb wohnen?

BERTSCH: Wenn das so weitergeht wie momentan, wäre das tatsächlich der Fall: Eine Wohnung wäre nicht mehr finanzierbar, denn Sozialwohnungen werden aufwendiger und teurer, es werden mittlerweile viel zu wenige wirklich günstige Wohnungen gebaut. Wenn das so weitergeht, wird es bedeuten, dass diese Dienstleistungskräfte, die für das Metropolenleben notwendig sind, sehr weit außerhalb wohnen, unglaublich lange Anfahrtswege haben und dadurch eine noch viel schlechtere Lebensqualität, als sie ohnehin schon haben bei ihren vergleichsweise geringen Gehältern. Mein Großvater zum Beispiel war Schmied in Darmstadt bei der Reichsbahn in Darmstadt. Der ist morgens zwei Stunden aus Klein-Gumpen bei Reichelsheim im Odenwald mit dem Odenwaldbähnchen in die Stadt gefahren und dann noch mal eine Stunde gelaufen. So etwas würde dann möglicherweise wiederkommen. Das war eben auch ein Effekt dieser explosionsartig wachsenden Städte des 19. Jahrhunderts, dass die Arbeitskräfte gar nicht untergebracht werden konnten und von weit außerhalb kamen. Das darf kein Zukunftsszenario sein.

Sie sprachen einmal davon, dass wir Frankfurts Zukunft in größeren Zeiträumen planen müssen und nicht so kleinteilig wie im Moment, wo schon jahrelang über einzelne Bebauungsflächen im Frankfurter Norden gestritten wird.

BERTSCH: Die Entwicklung von Städten muss wirklich in Generationen, wenn nicht in Jahrhunderten gedacht werden. Wir denken aber normalerweise in Wahlperioden. Das ist vollkommen unzulänglich. Wir müssen auch fragen: Wie wird Planung geplant? Wir verlassen uns auf die Planer und hinterfragen den Prozess der Planung nicht. Der Prozess der Planung muss nach Lucius Burckhardt, da bin ich ein großer Anhänger von ihm, von der menschlichen Dimension ausgehen, nicht von der Vogelsicht. In dem Moment, in dem man sich auf die Ebene der menschlichen Dimension begibt, verändert sich die Stadtwahrnehmung komplett. Normalerweise wird die Planung in der Flächennutzungsplanentwicklung in Maßstäben vollzogen, in denen der Mensch überhaupt nicht mehr vorkommt. Aber die Verbindung zwischen Planung und Stadtteilpolitik zum Beispiel ist ein großes Thema. Wie kriege ich die kleine Politik, die relevant ist, weil darin unsere Lebensumwelt gestaltet wird, mit der großen Planung zusammen?

Ihr Zukunftsappell an die Politik und Stadtplanung?

BERTSCH: Wir werden einen erheblich größeren Druck auf unsere Region bekommen, als wir uns heute überhaupt nur vorstellen können. Und das muss einfach mehr mitgedacht werden. Da wagt sich keiner dran. Was bedeutet es denn eigentlich, wenn Frankfurt um 300 000 Einwohner wächst, oder um 500 000? Diese Stadtvorstellung wird nicht in Erwägung gezogen. Weil diese großen Systeme, diese großen Strukturen, diese großen Potenziale, die auch da sind, im Guten wie im Schlechten, nicht gedacht werden, quälen wir uns mit kleinteiligen Geschichten herum. Wir sind einfach nicht bereit und in der Lage, groß und langfristig zu denken. Das ist das Problem.

Zur Person: Professor Georg-Christof Bertsch (ge. 1959 in Jugenheim a.d.B.) ist seit 2009 Honorarprofessor für interkulturelle Designprojekte an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach. Seit 1995 führt er zusammen mit Annette Bertsch ein Büro für Innovations- und Markenkonzepte. Er hat Mobilitätsprojekte in zahlreichen Megacities der Welt durchgeführt.

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