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Reportage: Georgiens vergessene Flüchtlinge

Georgien entwickelt sich zu einem angesagten Reiseland. Doch unweit der hippen Hauptstadt Tiflis reiht sich ein Flüchtlingsdorf ans nächste. Die Bewohner denken seit Jahren sehnsüchtig an ihre alte Heimat hinter einer nahen Grenze, die eigentlich gar keine ist.
Isolda Schitischwili sitzt in ihrem Haus in Freseti. „Ich denke an die Heimat und bekomme keine Luft. Ich sterbe ganz langsam“, sagt sie. Foto: Sopho Aptsiauri (-) Isolda Schitischwili sitzt in ihrem Haus in Freseti. „Ich denke an die Heimat und bekomme keine Luft. Ich sterbe ganz langsam“, sagt sie.
Freseti. 

Liebevoll streifen die von Kratzern gezeichneten Hände über das kleine Bett. Isolda Schitischwili streicht die braune Decke glatt. Die Frau versucht ihr Heim wohnlich zu machen, ordentlich – auch wenn das Flüchtlingsdorf Freseti zwischen Georgien und Südossetien gar nicht ihr Zuhause ist. Seit zehn Jahren lebt sie hier. Seit zehn Jahren wartet sie. Und denkt dabei an die nur 20 Kilometer entfernte Heimat.

Die Menschen in Freseti lebten auch schon Tür an Tür, als ihr Dorf unter einem anderen Namen etwas weiter nördlich lag, in Südossetien. Sie alle waren wegen des Krieges zwischen Russland und Georgien im August 2008 geflohen. Die Dorfgemeinde wurde von der georgischen Regierung hierher verpflanzt, wie die 58-Jährige es nennt. „Jeder weiß, dass wir wohl nie zurückkehren können. Aber die Hoffnung ist das einzige, was wir haben.“

Eine Straße führt durch das georgische Flüchtlingsdorf Freseti zu einem Berg nahe Südossetien. In der Nähe der Hauptstadt Tiflis träumen die Menschen in einem vergessenen Flüchtlingsdorf von ihrer alten Heimat. Bild-Zoom Foto: Sopho Aptsiauri (-)
Eine Straße führt durch das georgische Flüchtlingsdorf Freseti zu einem Berg nahe Südossetien. In der Nähe der Hauptstadt Tiflis träumen die Menschen in einem vergessenen Flüchtlingsdorf von ihrer alten Heimat.

Ethnische Georgier wurden damals aus Südossetien und Abchasien an der russischen Grenze vertrieben. Die beiden Regionen spalteten sich von Tiflis ab. Häuser wurden niedergebrannt, Menschen getötet, Landstriche verwüstet.

Unkraut jäten

„Wegen der Angst, des Stresses, sind wir alle krank“, sagt die Frau. Seit sie vor zehn Jahren ihr Haus verlassen hat, leidet sie an Panikattacken. „Ich denke an die Heimat und bekomme keine Luft. Ich sterbe ganz langsam.“ Um sich abzulenken, verbringt sie ihre Zeit im Garten, gräbt um, jätet Unkraut, bis die Hände von innen zerkratzt sind und bluten.

Zehntausende Menschen leben als Flüchtlinge in Georgien, einem kleinen Staat am östlichen Rand Europas im Kaukasus. Einem Land, das gerade viele Touristen als hippes Reiseziel und Weinparadies für sich entdecken – auch aus Deutschland.

Dabei ist das von Reiseführern als Touristenziel des Jahres beworbene Georgien tief gespalten – wirtschaftlich und politisch. Die Regierungen in den verarmten, abtrünnigen Provinzen Südossetien und Abchasien im Norden treiben seit Jahrzehnten all diejenigen Bewohner in die Flucht, die gegen die Unabhängigkeit sind.

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Deshalb hat es sich Tiflis zur Aufgabe gemacht, einmal Mitglied in der Europäischen Union und der westlichen Verteidigungsallianz Nato zu werden. Doch es gibt eine Hürde, die auch für die EU-Oberen in Brüssel bislang unüberwindbar scheint: Solange der Konflikt in der Ex-Sowjetrepublik am Schwarzen Meer nicht gelöst ist, führt wohl selbst auf lange Sicht kein Weg zur Mitgliedschaft. Auch die Nato will sich den explosiven Streit nicht ins Haus holen.

Isolda und ihre geflüchteten Nachbarn wissen nichts von diesen politischen Absichten. Die Frau blickt aus dem Fenster. Sie sieht Reihen von Häusern, die sich kaum unterscheiden: weißes Dach, schmale Veranda, Gartentor. 300 Mal hintereinander findet man dieses Bild auf dem Hügel.

Vom Staat bekommen die Flüchtlingsfamilien in Freseti eine kleine finanzielle Hilfe, die kaum zum Leben reicht. Im Monat müssen sie mit 45 Lari (rund 16 Euro) pro Person auskommen. Sieben von zehn Bewohnern haben keine Arbeit. „Die in Tiflis lachen uns doch ins Gesicht. Wer kann so schon überleben?“, fragt Isolda, die von Verwandten noch Geld zugesteckt bekommt. Die Regierung hat nur wenig Finanzmittel zu verteilen. 100 Millionen Lari sind für die Flüchtlingsfragen vorgesehen. Die Grundstücke und Häuser erhalten die Menschen als Besitz – in einer verlassenen Region, wo Land kaum verkäuflich ist.

Für die Flüchtlinge hatte das Drama in der Nacht zum 8. August 2008 begonnen, als die Welt gebannt auf die Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking wartete. „Wir haben nie geglaubt, dass die Panzer zu unserem kleinen Dörfchen oben am Berg kommen“, sagt Isolda und wischt sich mit der Handfläche Tränen aus dem Gesicht.

Vergeltungsschlag

Hunderte Menschen starben bei dem Fünf-Tage-Krieg, der eine humanitäre Katastrophe auslöste. Nach zahlreichen Provokationen hatte sich der damalige Präsident Michail Saakaschwili zu einem Angriff auf das abtrünnige Südossetien und Abchasien hinreißen lassen. Russlands Regierungschef Wladimir Putin kündigte noch von Peking aus einen Vergeltungsschlag an. Mit der Begründung, Moskau müsse Südossetien schützen, setzte die Großmacht Panzer, Bomber und Bataillone in Bewegung, die Putin auch in das georgische Kernland hinein schickte. Erst die Vermittlung durch die EU stoppte das Blutvergießen.

Die Südkaukasusrepublik Georgien musste danach die Hoffnung auf Rückkehr eines Fünftels ihres Gebietes begraben. Abchasien und Südossetien erklärten sich für unabhängig, was nur von Russland und wenigen Staaten akzeptiert wird. Russische Soldaten kontrollieren seitdem die Regionen, Geldspritzen aus Moskau halten die isolierten Gebiete am Leben.

Damals flohen innerhalb weniger Wochen schätzungsweise 130 000 Menschen. Die Regierung in Tiflis stampfte mit ausländischer Hilfe künstliche Orte wie Freseti aus dem Boden. Mitten im Nichts, nur die Berge des Großen Kaukasus bieten in der Ferne Orientierung.

Beide Seiten sind in ihren Positionen unverändert: Russische Politiker klagen darüber, dass Georgien sich dem Gespräch verschließt. „Wer hindert denn die georgische Führung, einen Dialog mit Südossetien und Abchasien zu suchen? Niemand!“, sagte der Ex-General und russische Außenpolitiker Wladimir Schamanow.

Warten ist Tagesinhalt

Tiflis hält dagegen. „Wenn es zu Gesprächen kommt, wird das torpediert und behindert“, sagt die georgische Staatsministerin für Versöhnung und Gleichstellung, Ketewan Zichelaschwili.

Besonders leiden die Menschen in Freseti darunter, dass es kaum Arbeit gibt. Warten wird zum Tagesinhalt. Obwohl das Leben in der alten Heimat wirtschaftlich oft schlechter sei, wollten mehr als vier Fünftel der Menschen eigentlich dorthin zurück, sagt Staatsministerin Zichelaschwili. Auch wenn die Chance gering scheint.

dfg f dgh tg

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