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100 Jahre Erster Weltkrieg: Gezwitscher aus dem Krieg

Von Der Erste Weltkrieg in 140 Zeichen: Auf dem Kurznachrichtendienst veröffentlicht Dirk Baranek täglich Schlagzeilen aus dem Jahr 1914 – und gibt damit ganz besondere Einblicke in die Jahre des Schreckens.
Botschaften von 1914, aufbereitet für ein modernes Medium.	Foto: jro Botschaften von 1914, aufbereitet für ein modernes Medium. Foto: jro
Stuttgart. 

„Paris. Sensation im Parlament. Seit einem Tag amtierendes rechtsliberales Kabinett Ribot verliert mit 306 zu 262 Stimmen heikle Abstimmung.“ Es ist der 12. Juni 1914, und in Frankreich wackelt die Regierung. In wenigen Wochen, am 28. Juli 1914, wird Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklären, und damit eine Kettenreaktion auslösen, die zu einer der schlimmsten Zäsuren der Menschheitsgeschichte führte: dem Ersten Weltkrieg. Rund 17 Millionen Menschen werden am Ende tot, die Dimensionen des Krieges völlig verändert sein.

Die Tweets auf dem Kurznachrichtendienst Twitter lesen sich so, als wäre es 1914, und das ist gewollt: „Ich tue so, als würde ich damals twittern“, sagt Dirk Baranek, Online-Journalist und Spezialist für soziale Medien aus Stuttgart. Seit Anfang des Jahres veröffentlicht der Journalist die Ereignisse des Jahres 1914 in täglicher Abfolge, 140 Zeichen hat er pro Ausgabe Platz, etwa 2400 Tweets wurden bis gestern veröffentlicht.

Baranek versucht, „den Leuten ein historisches Rucksäckle mitzugeben, dass sie einordnen können, was da passiert“, sagt der Schwabe. Baranek wollte aber auch eine neue Art der historischen Vermittlung, die gleichzeitig „fundiert, kompetent, professionell“ sein sollte. Und weil Baranek seit vielen Jahren ein Twitter-Vorreiter ist, startete er das Projekt „1914Tweets“.

Seither widmet der 55-Jährige jeden Tag ein bis zwei Stunden dem Geschichtsprojekt. Baranek ist Historiker; seine Tweets entwickelt er mit Hilfe von digitalisiertem Archivmaterial. Bis zu 30 historische Zeitungsausgaben wertet Baranek aus, aus Frankreich, Spanien, Österreich, Deutschland und den USA.

„Meine Tweets sind eigentlich die Schlagzeilen, die in jenen Tagen die Presse beherrschten“, sagt Baranek. Aus den Zeitungsberichten macht Baranek eine Meldung einen Tag früher, getwittert wird die zu dem Zeitpunkt, an dem das Ereignis vor genau 100 Jahren geschah. „Ich breche das zum Teil auf die Minute herunter“, sagt Baranek. Die Tweets funktionierten, weil das Medium eine emotionale Bindung auslöse: „Das ist jetzt vor 100 Jahren tatsächlich passiert.“

Fast 4000 Benutzer folgen dem Account @1914Tweets, Baranek nennt das eine große Verantwortung. Einen falschen Tweet habe es noch nicht gegeben, sagt Baranek. Historisches in heutige Sprache gefasst und in nur 140 Zeichen transportiert – darf man das? Baranek zuckt mit den Schultern. „Es ist ein Versuch“, sagt er.

Twitter entwickele sich ja eher zu einer weiteren Kulturform von Nachrichten, sagt Baranek. Per Twitter könne heute jeder zum Newsmaker werden: „Jeder hat das Potenzial, Weltgeschichte zu schreiben.“ Oder sie nachzuvollziehen. Kämpfe in Mexiko, Demonstrationen in den USA, Frauenrechtlerinnen in England – Baranek lässt seine Follower – so nennt man die Benutzer, die einen Kanal abonniert haben – auch nachvollziehen, was die Menschen im Jahr 1914 bewegte. Das unglaubliche Ausmaß des Militarismus in der Gesellschaft wolle er transportieren: „Es macht unglaublichen Spaß, im Zeug zu wühlen und das in Tweets zu packen“, sagt er. Und so entsteht aus den vielen Kurznachrichten ein Mosaik einer Zeit, die so anders erscheint als unsere heute, und doch auch wieder nicht: „Beim Parteitag der französischen Sozialisten betonen Redner Notwendigkeit einer dt-franz. Annäherung. ,Kernfrage der europäischen Politik‘“, twitterte Baranek zum Beispiel gestern.

Seit ein paar Tagen befindet sich @1914Tweets in der heißen Phase, die Julikrise, das Attentat in Sarajewo, die Kriegserklärung und der Einmarsch der Deutschen in Luxemburg und Belgien, alles dies wird Baranek nachvollziehbar machen.

„Es gibt dann auch Tweets morgens um 5 Uhr, wenn die Deutschen die Grenze überschreiten“, sagt er. Moderne Technik macht auch das möglich. „Jetzt“, sagt Baranek, „geht’s erst richtig los.“

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