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Ex-Minister: Guttenberg: Vor dem Comeback?

Von Vielleicht kommt er zurück in die Politik, vielleicht auch nicht. Sicher ist bislang nur, dass der Freiherr von und zu Guttenberg Wahlkampf macht – und sein Publikum sich ihm zu Füßen wirft.
Eine Anhängerin jubelt  Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit einem Schal zu, während dieser die Bühne verlässt. Foto: Matthias Merz (dpa) Eine Anhängerin jubelt Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit einem Schal zu, während dieser die Bühne verlässt.
Kulmbach. 

Nachts um halb elf ist Kulmbach wieder bei sich. Vom Festungsberg schickt die Plassenburg ihr mildes Licht, als wolle sie der sehr kleinen Stadt einen sehr kleinen Heiligenschein aufsetzen. Vor den Kneipen, die hier „Wirtschaft“ heißen, sitzen nur noch die Einheimischen in der samtigen Wärme der Spätsommernacht. Und die Stadthalle ist wieder nicht mehr als eine etwas dicktuerische Dutzendanlage inmitten einer großen Parkplatzbaustelle.

Ein paar Stunden zuvor aber ist Kulmbach das Zentrum der Weltpolitik gewesen. Zumindest für die in der Halle, zwölfhundert vielleicht, so viele wie nur irgend hineinpassen. Offiziell hatte die CSU zur „Kundgebung mit Karl-Theodor zu Guttenberg“ geladen, das Publikum aber, angereist auch von weiter her, erhofft sich mehr. Irgendetwas zwischen Rockkonzert und Wiedergeburt. Es ist nicht ganz von alleine darauf gekommen, dass sich vielleicht Großes zutragen könnte. Es kursieren Gerüchte, der Freiherr – den seine wirklichen und auch seine Parteifreunde gern „der KT“ nennen – bereite seine Rückkehr vor. Aus Amerika. Und in die Politik.

Die Gerüchte hat nicht allein eine Sehnsucht genährt, von der später noch zu schreiben sein wird. Ihre Ammen sind, unter anderen, auch Guttenberg selbst und, was vielleicht noch wichtiger ist, Horst Seehofer. Im Spätwinter begann der CSU-Oberste seine Resozialisierungskampagne für den USA-Exilanten. Erst traf sich sein Generalsekretär mit Guttenberg in München, rein zufällig kam ein „Bild“-Fotograf des Wegs. Dann schüttelte Seehofer persönlich Guttenberg in Niederbayern die Hand, und wieder ein paar Wochen später verkündete er in der Oberpfalz, Guttenberg verdiene eine zweite Chance. Da begann der Rest der Partei sich zu fragen, wie lange es wohl noch dauern werde. Und an welchen Ort die Chance den Rückkehrer führen könnte. Es ist von München die Rede. Und von Berlin.

Ganz falscher Begriff

Guttenberg aber entschied sich für Kulmbach. Vorerst. Ein Heimspiel, Guttenberg, das Dorf, die Burg, der Familiensitz, liegt gleich nebenan. Eine sichere Nummer. 68,1 Prozent im Wahlkreis bei seiner letzten Bundestagskandidatur 2009 – Bayern- und Bundesrekord. Dann kam heraus, dass – und wie – er sich seinen Doktortitel ergaunert hatte. Lügen dazu im Bundestag, Rücktritt, Amerika.

Und nun also – Comeback? Was Kulmbach angeht: ganz falscher Begriff. Ein Triumph ist das, vom ersten Schritt in die Halle, dann knapp zwei Stunden lang, und hinterher wartet vor der Tür ein längst grauhaariges Paar mit seligem Lächeln, nur um noch einen Blick zu erhaschen, aus der Nähe, für mehr fehlt ihnen der Mut. Dazwischen: Applaus. Bravos. Jubel. Anhaltende Ovationen.

Dreck am Stecken

Wofür? Man muss jetzt wohl zur Sehnsucht kommen. Sie füllt den Saal, sie ist stärker als die Enge und die Schwüle und der fehlende Sauerstoff zusammen, sie erhellt die Gesichter. Aber sie ist nicht zu beschreiben. Eine der Lokalzeitungen hat ihre Leser gefragt, ob Guttenberg wieder in Deutschland Politik bestimmen solle; mehr als zwei Drittel waren dafür.

Was zeichnet ihn also vor anderen aus? Man fragt – und hört: „Er ist ein guter Mann.“ Worin gut? „In allem.“ Und der Doktorarbeitsbetrug? „Jeder Politiker hat Dreck am Stecken; nur kommt’s nicht bei allen raus.“ Der Mann, bei dem es rauskam, hat sich für Kulmbach „Die Bundestagswahl in Zeiten einer Welt im Umbruch“ vorgenommen. Kein kleines Thema. Er wird es dann auch durchmessen, vom Bühnenrand aus, und in jedem Moment an einen Conferencier erinnern statt an einen Politiker. Er wird den Nordkoreaner Kim einen „Dickmops“ heißen und Donald Trump „nicht die hellste Kerze auf der Torte“. Er wird den Herren Erdogan, Putin und Assad ein Ego bescheinigen, das „nur von meinem Rauhaardackel geschlagen wird“. Und Angela Merkel als kühle Dompteurin aller „männlichen Alphatiere“ skizzieren, „das hab’ ich am eigenen Leib . . .“ Und da und in einem fort erweist sich, wie wenig es um die Welt an sich geht und wie sehr um den Umbruch in der Guttenberg’schen, der sechs Jahre zurückliegt, und um die Frage, ob er reversibel ist.

„Irgendwie scheint es zu sein wie früher“, sagt der Oberbürgermeister zur Begrüßung. Das ist eine Antwort, aber keine ganz wahre – denn früher hätte der ältere Freiherr, Guttenbergs Vater Enoch, ein Dirigent von außergewöhnlicher Leidenschaft, ihn nicht zu einem Wahlkampfauftritt begleitet. Nun ist er da, und das soll etwas heißen, so wie vor sechseinhalb Jahren, als er sagte, „ich bin stolz auf meinen Buben“. Das sind sie hier auch. Alle. Der Bub kann da machen, was er will. Und also sagt er, gleich zu Beginn, ein paarmal danke, kommt dann zu „meinem absolut selbst verursachten Versagen“ und dass er glaube, daraus „alle Konsequenzen gezogen und ertragen“ zu haben. Und fügt an: „Jetzt is’ auch mal gut.“ Das Publikum tobt.

Und eigentlich ist es das schon. Nach fünf Minuten. Sie sind hier Protestanten, die Guttenbergs aber katholisch. Man hat es da, was Sündenvergebung betrifft, grundsätzlich etwas leichter. Aber Selbstabsolution sieht auch Rom nicht vor. Den Sehnsüchtigen ist das vollkommen egal. „Er muss zurückkommen, als Kanzler. Wann, bestimmt er.“ O Heiliger Karl-Theodor!

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