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Volle Klassen, Sprachdefizite, aggressive Schüler: Hessen: Lehrer schlagen Alarm

Schlägereien auf dem Schulhof, desinteressierte Eltern und Kinder, die kaum Deutsch sprechen: Hessens Grundschulen stehen vor Herkulesaufgaben und fordern Hilfe.
Viel los: Blick in ein Klassenzimmer Foto: Hendrik Schmidt (dpa-Zentralbild) Viel los: Blick in ein Klassenzimmer
Wiesbaden. 

Schon wieder schlagen hessische Grundschullehrer Alarm. 56 Rektoren aus Darmstadt und dem Landkreis Darmstadt-Dieburg haben einen Brandbrief an Kultusminister Alexander Lorz gesendet. In diesem Schreiben äußern die Schulleiter die Befürchtung, dass die Unterrichtsqualität an den Grundschulen sinken wird und fordern unter anderem mehr Lehrer und eine bessere Bezahlung. Anfang des Jahres war ein Brandbrief bekannt geworden, in dem 59 Frankfurter Schulleiter die Arbeitsbelastung als kaum zu bewältigen bezeichneten. Ganztagsangebote, Inklusion und Integration hätten das Arbeitspensum der Pädagogen massiv erhöht. Ein ähnliches Schreiben gibt es von Wiesbadener Lehrern.

Auch nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW wird die Arbeitsbelastung der hessischen Grundschullehrer in den kommenden Jahren weiter steigen. „Wir sind zwar an der Belastungsgrenze angekommen, aber trotzdem wird es für die Grundschullehrer immer schwerer“, sagte Manon Tuckfeld vom Bezirksverband Südhessen.

Diese Einschätzung bestätigen einige von uns befragte Lehrerinnen: Wie zum Beispiel Erika Meyer*, seit 1978 Grundschullehrerin. In dieser Zeit habe sich eine Menge verändert, sagt sie und wirkt resigniert. „Die Überlastungsanzeigen wurden nicht erst nach Ankunft der Flüchtlinge gestellt, sondern es ist allgemein ein Problem, wie mit uns Grundschullehrern umgegangen wird“, kritisiert sie. „Wir werden nicht wertgeschätzt.“

Sprachliche Defizite

„Wir haben an unserer Schule mehr als 90 Prozent Kinder, die einen Migrationshintergrund aufweisen. Es gibt nur noch ganz wenige, die aus einer deutschen Familie stammen“, erzählt Meyer und ihre Kollegin Rita Müller ergänzt: „Wir haben fast keine Mittelschichtkinder bei uns.“ Viele Schüler kommen aus Familien, deren Heimatländer Marokko, Russland, Albanien, arabische Länder und EU-Länder sowie die Türkei sind.

„Auf dem Schulhof sprechen unsere Schüler Deutsch, aber ein Deutsch, das immer schlechter wird, obwohl die Kinder zum Teil schon zur dritten Generation in Deutschland gehören“, schildert Meyer das Dilemma. Zuhause würden die Kinder weder die Heimatsprache noch die deutsche Sprache richtig sprechen. Die sprachlichen Defizite seien jedoch nur ein Teil des Problems, versichern die drei Lehrerinnen. Meyer: „Theoretisch würden einige Kinder schon verstehen, was wir sagen, aber sie hören gar nicht mehr zu. Zuhause läuft von morgens bis abends der Fernseher, einige Kinder schauen schon morgens vor der Schule fern.“ Die Aussage ist klar: Eltern kümmern sich zu wenig um den Nachwuchs.

„Wenn die Kinder spüren, meine Eltern haben Interesse an meinen schulischen Leistungen, dann kann es gelingen, dass es in der Schule gut läuft“, sagt Lehrerin Schmidt. „Wir können in der Schule die Defizite bei den Kindern Zuhause nicht wirklich auffangen. Das habe ich mir abgeschminkt.“ Man merkt ihr die Frustration an. „Ich bin seit 40 Jahren Lehrerin. Wir sind aufgebrochen, soziale Ungleichheiten zu beseitigen“, sagt sie und gesteht dann ein: „Wir können den Vorsprung von anderen Schulen nicht aufholen.“

Verhaltensauffällige Kinder

Ein weiteres Problem ist laut Meyer, dass es immer mehr verhaltensauffällige Kinder gibt. „Das Aggressionspotenzial ist gewaltig gewachsen, woher das auch immer kommt“, bestätigt Lehrerin Müller. „Wir haben massive Prügeleien auf dem Schulhof, die weit über das normale Maß hinausgehen.“

Für die vielen Sonderschüler gebe es an ihrer Schule nur einen einzigen Lehrer zusätzlich, berichtet Müller. Das sei viel zu wenig. „In meiner Klasse habe ich ein verhaltensauffälliges Kind, das mir das Mobiliar zerstört hat. Ich habe mich dann mit den anderen Schülern vor dem Kind in Sicherheit gebracht.“ Auch ihre Kollegin Ruth Schneider aus Kassel moniert die Arbeitsbelastung: „Wir müssen immer mehr Erziehungsarbeit leisten. In meiner Klasse sitzen Flüchtlingskinder, die kein Deutsch sprechen. “

Kultusminister Lorz sucht händeringend Grundschullehrer und hat allen Kollegen, die kurz vor der Pension stehen, angeboten, weiter zu unterrichten. Ohne Rekrutierung einer „Feuerwehr“ würden in Hessen zum neuen Schuljahr 300 Grundschullehrer fehlen. Nehmen die drei Wiesbadener Lehrerinnen das Angebot an? „Nein, bestimmt nicht“, antwortet Schmidt, ihre beiden Kolleginnen winken ebenfalls ab. Die kurz vor der Pension stehende Marita Bungert aus dem Taunus weist auf die Bezahlung hin, die in Hessen schlechter als in anderen Bundesländern sei. Und die seit einem Jahr pensionierte Ursula Müller aus Frankfurt-Sachsenhausen findet es schlichtweg „zu stressig“, heute noch einmal Lehrerin zu sein. dpa/ds

*Namen von der Redaktion geändert

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